Auch die Trennung von einer Stadt verursacht Liebeskummer

Selbst, wenn man sie aus gutem Grund verlassen hat.
Von Sophie Aschenbrenner

Illustration: Julia Schubert

Als ich das letzte Mal durch meine alte Stadt geradelt bin, an meinem letzten richtigen Wochenende dort, habe ich geheult, den ganzen Heimweg durch den Park bis in meine Wohnung. Noch heute, zehn Monate später, schnürt es mir manchmal die Kehle zu, wenn ich zu Besuch in meinem ehemaligen Viertel bin, an eine bestimmte Straße denke oder an den See, an dem ich im vergangenen Sommer jede freie Minute verbracht habe.

Getrennt habe ich mich von dieser Stadt, Leipzig, nach dreieinhalb Jahren Studium und Arbeit, aus einem guten Grund. Trotzdem habe ich seitdem immer wieder festgestellt: Eine Stadt zu verlassen, die man mag, ja sogar liebt, kann Liebeskummer verursachen – so wie die Trennung von einem geliebten Menschen. 

Für diese Trennung von einer Stadt gibt es meistens gute Gründe: einen neuen Job (das war mein Grund), einen bestimmten Studiengang, vielleicht auch den Wunsch, aus einer Fernbeziehung endlich eine Zusammenwohn-Beziehung zu machen. Genauso trennen sich ja auch Liebespaare nie grundlos. Verdammt weh tut es trotzdem. Kurz danach sowieso. Und oft auch noch lange Zeit später, vor allem, wenn unerwartet Erinnerungen aufploppen. Wenn ein Foto des oder der Ex auf Instagram auftaucht und sich bei einem plötzlich alles zuschnürt. Wenn im Supermarkt unvermittelt dieser eine Weißwein vor einem steht, der schreit: „Weißt du noch, wie du mich immer mit XY getrunken hast? Und wie gut der Sex an diesen Abenden war?“ Bäm. Schneller kann meine Laune kaum sinken. 

Man hatte doch noch so viele gemeinsame Pläne, mit der Stadt oder mit dem Menschen

So ist das auch mit einer ehemaligen Stadt. Vielleicht klingt das albern, aber ich musste einigen meiner liebsten Leipziger Bars auf Instagram entfolgen, um nicht bei jedem Post wehmütig zu werden. Ich kann ja eh nicht bei der Party am Freitag dabei sein, den frisch kreierten Drink auf der Karte nicht probieren, und auch nicht nach Feierabend im Hinterhof meiner damaligen Stammbar auf den neuen Stühlen sitzen und Weißweinschorle trinken. Das macht mich manchmal wahnsinnig traurig, und deshalb vermeide ich gezielt Erinnerungen an diese Orte. So wie man auch nach einer Trennung schöne, gemeinsame Erlebnisse erstmal so weit weg wie möglich schiebt. Zu weh tut es, an diese eine Person zu denken und an alles, was mal war. Dann vergisst man schnell die guten Gründe, die zu der Trennung geführt haben, und wünscht sich einfach nur das Alte zurück. Einen Hang, Vergangenes zu romantisieren, haben viele Menschen sowieso, und der hilft definitiv nicht.  

In solchen Phasen bin ich dann besonders schwach: Man wollte doch noch so viel erleben, in der Stadt oder mit dem Menschen. Noch immer gibt es in Leipzig so viele Läden und Kneipen, in denen ich noch nie war, da sind Radtouren, die ich immer machen wollte und lange dachte: Irgendwann! Jetzt ist es zu spät für vieles davon. So ist das auch am Ende einer Liebesbeziehung: Irgendwelche Pläne bleiben oft auf der Strecke. Eines Tages wollte man doch noch zusammen ans Meer fahren, diese eine gemeinsame Freundin in Stockholm besuchen, vielleicht ja sogar Kinder kriegen. Selbst, wenn man selbst Schluss gemacht hat – ein bisschen Wir-wollten-doch-noch-Schmerz bleibt oft zurück. Und ja, eine Stadt kann man, anders als den oder die Ex, immer noch besuchen und endlich in diese eine Bar gehen, in die man es in dreieinhalb Jahren nie geschafft hat. Das Gleiche ist es aber nicht.

Auch meine neue Stadt – München – ist toll, und ich liebe schon jetzt viele Orte und Menschen dort sehr. Wie man ja auch nach einer Trennung von einem Partner oder einer Partnerin mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder jemanden findet, mit dem man sich wohl fühlt und in dessen Anwesenheit einfach alles schöner ist. Aber das ist Arbeit. Denn, zugegeben: Es ist doch arg gemütlich, wenn man in einer Stadt schon länger lebt. Man kennt die guten Spots und die besten Wege. Irgendwann ist einem eine geliebte Stadt unheimlich vertraut und selbstverständlich – wie das in einer zwischenmenschlichen Beziehung auch ist. Am Anfang muss man sich aneinander gewöhnen, einander immer besser kennenlernen, bis man es sich ohneeinander nicht mehr so richtig vorstellen kann. Ein Freund sagte neulich zu mir, man brauche immer etwa ein Jahr, um sich eine Stadt anzueignen, eine (Liebes-)Beziehung zu ihr aufzubauen. Vielleicht hat er Recht. Und dieses Erobern, das ist aufregend, aber auch schwierig und anstrengend und manchmal sehr frustrierend.

An Städte muss man sich genauso herantasten wie an Menschen 

Und das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum viele Beziehungen so lange halten, obwohl es besser laufen könnte: Man hat es sich einfach ganz gut eingerichtet miteinander. Kennt den Partner oder die Partnerin, und vor allem kennt die andere Person einen selbst auch. Akzeptiert oder mag die eigenen Schwächen. Weiß, dass man durch die Führerscheinprüfung geflogen ist, dass man immer wieder daran scheitert, mit dem Rauchen aufzuhören oder ein Faible hat für die richtig billigen Ravioli aus der Dose. Das ist schön und bequem. 

Sich dann nach einer Trennung wieder auf dem Markt zu behaupten, ist dagegen sehr anstrengend. Nicht zu wissen: Findet eine potentielle Partnerin es uncool, dass ich Techno hasse? Was sagt der Typ, den ich gerade date, zu meiner Leidenschaft für GZSZ? Und: Wären wir wirklich langfristig glücklich? Den Schritt hinaus in diese Unsicherheit gehen viele dann lieber lange gar nicht.

Wie man beim Kennenlernen neuer Menschen erst herausfinden muss, ob man wirklich zueinander passen könnte, muss man sich auch an eine neue Stadt herantasten. Den besten Weg an den See finden, die Barkeeperin, bei der man auch mal anschreiben kann, den Ort, an dem sich das Feierabendbier am sonnigsten trinkt. Irgendwann radelt man ganz selbstverständlich ohne Google Maps durch die Straßen. Dann wird eine neue Stadt daheim. 

Letztendlich ist es wahrscheinlich so: Wie auch eine ehemals geliebte Person immer Teil unseres Lebens bleiben wird, selbst, wenn man den Kontakt abbricht und sich nie wieder sieht, so bleibt das auch eine geliebte Stadt. Menschen und Städte formen uns, sie machen uns zu dem, was wir sind. Das klingt kitschig, stimmt aber trotzdem. Und das ist, bei aller Trauer, auch verdammt schön.

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