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Emojis sind die Weltsprache

… für eine bessere Zukunft.
Von Julian Dörr
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    Illustration: Katharina Bitzl

Mal eben in eine Vergangenheit zurückgeträumt, in der die Zukunft noch schillernd war: 1887 schrieb der polnische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof die Ziele einer gänzlich neuen Sprache nieder. Unter dem Pseudonym Dr. Esperanto forderte er eine internationale Sprache, die sehr leicht sein müsste, sodass sie jeder spielend erlernen könnte. Sie sollte außerdem der Verständigung der Nationen dienen und durch ihren massenhaften Gebrauch „die Gleichgültigkeit der Welt“ überwinden.

Und damit schnell wieder zurück in eine Gegenwart, die doch längst erfüllt, was der Doc wollte. Denn wer seine Zeilen heute liest, merkt, Dr. Esperanto hat – ohne es zu wissen freilich – über Emojis geschrieben. Was Esperanto nicht geschafft hat, ist schließlich mit vielen kleinen gelben Gesichtern und einem grinsenden Kackhaufen in Erfüllung gegangen: der Traum von globaler Kommunikation für eine bessere Welt. 

Eine spielend leicht zu erlernende Sprache? Was sind all die Bilderrätsel um Filmtitel und Weihnachtssongs, wenn nicht höchst unterhaltsame Kurse in der Weltsprache Emoji? Küken = süß, Flugzeug = Flugzeug, Fußball = Fußball, Aubergine = Penis. Alles klar? Alles klar.

Wer nun schon einmal mit einem afghanischen Flüchtling Small-Talk führen oder dem einzigen Busfahrer Tel Avivs, der tatsächlich nur Hebräisch spricht, sein Reiseziel erklären wollte, der durfte auf dem eigenen Smartphone die supranationale Macht der Emojis spüren.

Bleibt also nur noch ein Punkt auf Dr. Esperantos Liste: die wundervolle Formulierung von der Gleichgültigkeit der Welt, die es zu überwinden gilt. Im großen Planspiel Esperanto schwang auch immer die Hoffnung auf eine bessere Welt mit. Wenn die Menschen sich nur verstehen würden, sie würden vielleicht endlich aufhören, sich gegenseitig umzubringen.

Und das ist ja das Alleinstellungsmerkmal der Emojis schlechthin. Sie überschütten die Welt mit Emotionen – Gleichgültigkeit sieht anders aus. Auf allen Ebenen. Emojis sind schließlich so viel mehr als diese süßen kleinen Bildchen, die unsere Kommunikation einfacher, verständlicher, allgemeingültiger machen.

Die Sprache der Emojis ist eine Sprache, die alle einschließen will

Die Weltsprache Emoji ist eine anti-rassistische, anti-diskriminierende Sprache – oder sie versucht es zumindest zu sein. In ihren Vokabeln bildet sich eine tolerantere, eine offenere Welt ab. Während sich die alten, herkömmlichen Sprachen noch abmühen, ihre rassistische und diskriminierende Vergangenheit unter viel Gezeter (Genderwahn! Multikulti-Irrsinn! Der Untergang der deutschen Kultur!) abzuschütteln, sind die Emojis mit breitem Grinsen längst vorausgeeilt in eine bessere Welt.

Die Sprache der Emojis ist eine Sprache, die alle einschließen will. Deshalb lassen sich mit einem Fingerdruck die Hautfarben der meisten Emoji-Personen anpassen. Deshalb finden sich alle denkbaren Kombinationen unter den Familien-Emojis – sogar abseits von heteronormativen Vorstellungen.

Keine Selbstverständlichkeit. Über die Emojis wacht nämlich kein polnischer Augenarzt und auch kein basisdemokratisch organisierter Esperanto-Verein, sondern das Unicode-Konsortium. Diese US-amerikanische Organisation gibt den Unicode-Standard heraus, ein internationaler Standard, der jedem einzelnen Schriftzeichen oder Textelement jedes bekannten Schrift- oder Zeichensystems einen exakten digitalen Code zuordnen soll. Darunter fallen auch Emojis. Mitglieder dieser Organisation sind neben Apple, Google und Microsoft fast alle großen Softwareunternehmen der Welt. Das Unicode-Konsortium ist also ein Haufen Digitalkapitalisten.

Die digitale Muttersprache von Millionen, die sich ständig optimiert

Es ist aber auch ein Haufen Geeks mit Visionen für eine bessere Welt ohne Missverständnisse – für jeden. Erst kürzlich hat das Unicode-Konsortium die Liste der Emojis erweitert, um progressiven Geschlechterrollen besser zu entsprechen. Nun gibt es die Polizistin und die Bauarbeiterin. Es gibt den Radfahrer und die Radfahrerin. Es gibt die männlichen Tänzer und den Jungen beim Friseur. Das Konsortium hat damit auf den weltweit formulierten Wunsch nach Geschlechtergerechtigkeit bei Emojis reagiert – und einen diskriminierenden Aspekt ihrer Weltsprache in ein inklusives Moment verwandelt.

Sicherlich, auch Emojis führen zu Missverständnissen. Es gibt Verständigungsschwierigkeiten zwischen Kulturkreisen und Generationen. Aber: Keine Sprache ist eindeutig, keine Sprache ist perfekt. Vielmehr unterliegen sie alle dem permanenten Wandel. Nur: Die Emojis wandeln sich schneller. Sie sind eine Weltsprache, die digitale Muttersprache von Millionen, die sich ständig optimiert.  Ist es nicht großartig, einer Sprache beim Wachsen zuzusehen, einer Sprache, die immer besser wird? Schillernder war die Zukunft ja wohl nie. 

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