Ein Lob auf die Sprachnachricht

Unsere Autorin wehrte sich lange gegen den Trend in Instant Messengern – bis zu einem Erweckungserlebnis beim Zähneputzen.
Von Mercedes Lauenstein
sprachnachricht neu cover

Foto: benzoix / Freepik / Collage: jetzt

Ich spreche ungern mit Menschen, ohne sie zu sehen. „Mama, ich will da nicht anrufen, bitte ruf du da an!“, war einer der von mir am meisten ausgerufenen Sätze als Kind. Mittlerweile bin ich erwachsen und kann bei anderen Menschen anrufen. Mögen tue ich es trotzdem nicht. Ich glaube nicht, dass diese Scheu etwas wahnsinnig Modernes ist, hervorgerufen durch den Trend zum Messaging und E-Mailen und Facebook-Chatten. Ich glaube, die Scheu war schon immer da – und hat sich eben die passenden Kommunikationsformen geschaffen.

Vermutlich war ich deshalb auch erst verschreckt, als die Sprachnachrichtenfunktion in den Instant-Messangern auftauchte. Das ist schon eine ganze Weile her, mittlerweile habe ich Freundinnen, die nichts anderes mehr verschicken. Die ganze Chat-Historie ein Protokoll lauter kleiner Play-Buttons und Ladebalken. Vorbei die Ära des geschriebenen Chats. „Was soll das denn jetzt?“, dachte ich vor ein paar Jahren, als das anfing. Endlich sah es so aus, als stürbe das Telefonat aus, da fingen die Leute plötzlich mit Sprachnachrichten an. Was für ein Rückschritt ins Zeitalter des Walkie-Talkies. Dann ja wohl doch lieber schnell anrufen, als mit so einer Sprachnachricht einen auf Funkgerät meets Anrufbeantworter meets mit Kassettenrekorder experimentierendes Kind zu machen.

Ich fand Sprachnachrichten vor allem aufwendig: Muss man ja immer erstmal irgendwohin gehen, wo einem niemand mithört und das abhören. Und dann unbeholfen mit der eigenen Stimme eine Antwort aufnehmen. Ich wollte das nicht.

Plötzlich empfand ich eine nie zuvor erlebte Nähe

Doch dann putzte ich eines Morgens meine Zähne und klickte aus reiner Bequemlichkeit die Sprachnachricht einer Freundin an, die mir etwa 18 Sekunden lang auf eine Frage antwortete, die ich ihr am Vorabend per Whatsapp-Nachricht gestellt hatte. Sie hatte keine Lust, die Erklärung ins Handy zu tippen, und sagte sie mir stattdessen einfach kurz auf.

Abgesehen davon, dass ich das natürlich gut verstehe (wie sehr nervt bitte dieses ewige auf die kleinen Minibuchstaben auf dem Bildschirm-Tippen?!) und froh war, dass sie mich trotzdem nicht gleich angerufen hatte, empfand ich plötzlich eine nie zuvor erlebte Nähe zu ihrer Stimme. Sie klang glasklar und mir irre zugewandt. Ich hörte ihren Atem, die Musik, die im Hintergrund lief, ihre Denkpausen, ihr Grinsen. Ich hörte mehr von ihr, als ich mich erinnere, je in einem normalen Telefonat von jemandem gehört zu haben.

Außerdem gefiel mir, dass ich nicht im Zugzwang war, gleich zu antworten. Vielleicht machte auch das die Intensität ihrer Stimme aus: Dass ich ihr hundertprozentig einfach nur zuhören konnte und währenddessen nicht schon damit beschäftigt war, in meinem Kopf nach einer passenden Antwort zu suchen. Irgendwann im Laufe des Tages überwand ich meine Scheu, selbst ins Mikro zu reden, und schickte ihr eine Antwort. Und zack, war ich Fan.

Mittlerweile bereitet es mir eine alberne Freude, meine eigenen Sprachnachrichten nach dem Abschicken nochmal anzuhören und dadurch eine Ahnung davon zu bekommen, wie ich eigentlich klinge. Ach das ein Pluspunkt für die Sprachnachricht: Man bekommt im Laufe der Zeit ein sehr freundliches Verhältnis zur eigenen Stimme. Vielleicht gefallen mir deshalb Sprachnachrichten viel besser als Anrufbeantworternachrichten. Auf Anrufbeantwortern liegen die eigene Stimme und die vermittelte Nachricht unkontrollierbar und unwiderruflich bei Fremden rum. Im schlimmsten Fall bei einer ganzen Familie, von der sie dann jemand abhört, den sie gar nichts angeht. Hier bleibt sie immer zumindest auch bei mir.

Als würde man ein kleines Geschenk finden

Eine Sprachnachricht von jemandem auf dem Handy zu entdecken, fühlt sich außerdem irgendwie an, als würden man ein kleines Geschenk finden: Keine Ahnung was drin ist, nur die angezeigte Dauer verrät etwas darüber, ob es sich bei der Nachricht eher um eine kurze Frage oder eine Art Tagebucheintrag handelt? Und dann klickt man Play und kann, egal ob mit Kopfhörern auf der Straße oder beim Zähneputzen oder Bügeln, für ein paar Sekunden die an einen selbst gerichtete Stimme einer Freundin oder Schwester hören.

Und das am besten mit Kopfhörern! Dann ist es, als sei man irgendwo in einer dritten Dimension gelandet, wo man kurz dem Hologramm des anderen begegnet. Denn so eine Sprachnachricht ist ja eigentlich noch viel mehr als nur Information. Sie ist ein intimes, mal eben rübergebeamtes Bruchstück des Alltags des anderen. Eigentlich ein bisschen Kunst. Man hört den anderen wie ein ganz persönliches Stückchen Hörbuch, extra für einen eingesprochen, mitsamt aller Atem- und Hintergrundgeräusche des Lebens dieser anderen Person in diesem Moment.

Und das Schönste: Man läuft bei der Sprachnachrichtenkommunikation nicht andauernd gegen Laternenpfähle oder bleibt ewig debil im Türrahmen stehen, weil man mit den Fingern schon wieder die falschen Buchstaben angetippt hat und alles nochmal neu schreiben muss. Die einzige Gefahr, die diese Nachrichten bergen, ist, dass man ins ewige Monologisieren gerät wie ein Vlogger auf Youtube. Aber das ist dann halt die Kunst der Sprachnachricht: Bestenfalls unter 20 Sekunden bleiben, nie über eine Minute rauslabern. Es sei denn, man nimmt dem anderen wirklich ein Hörbuch auf.

Dieser Text erschien erstmals am 17.05.2016  und wurde am 19.02.2021 nochmals aktualisiert. 

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