Deinetwegen bin ich heute aufgestanden!

Eine Ode an die kleine Zweck-Verliebtheit am Arbeitsplatz.
grund raus zu gehen jetzt
Illustration: Lucia Götz/Andrea Burgmann

Liebe Angebetete,

du erinnerst dich vielleicht gar nicht an mich. Ich musste aber eben wieder an dich denken und wollte mich mal bei dir bedanken. Du hast mich durch meinen Zivildienst, fade Seminare und ein Dutzend beschissene Nebenjobs gebracht. Aber warum eigentlich die Vergangenheitsform, du bist schließlich immer noch da. Deinetwegen bin ich heute aufgestanden! Du bist meine Motivations-Schwärmerei.

Obwohl du mir wahnsinnig wichtig bist, hatten wir meistens hatten gar nicht besonders viel miteinander zu tun, manchmal sogar nie ein Wort miteinander gesprochen. Wegen dir überlege ich mir aber jeden Tag genau, was ich anziehen soll und habe damals mein staubtrockenes Pflicht-Referat im Proseminar Wasweißichistik so gestaltet, dass du wenigstens einmal lachen musstest. Und du hast auch gelacht, das habe ich genau gesehen. Das war super.

Nach diesem putzigen Anekdötchen eines vermeintlich verschüchterten Phantoms erwartest du jetzt vielleicht, dass ich dich bald als "zukünftige Lieblingsfrau" anspreche. Dass ich ein Zeichen von dir erwarte und wir dann dringend mal Essen und Heiraten gehen müssen, oder sowas. Das wir unseren Enkeln die Geschichte vom witzigen Referat erzählen. Dieser Text als Bewerbungsschreiben. Nein, das habe ich nicht im Sinn. Bei aller Zuneigung muss ich dir nämlich auch sagen: Du bist maximal austauschbar.

Es wird sogar noch uncharmanter. Rückblickend warst du nicht mal immer sonderlich attraktiv, sondern eher so etwas wie das bisschen Salz in meiner trüben Arbeitsalltagssuppe. Klingt das fies? Irgendwie schon, das muss ich jetzt wohl genauer erklären: Deine Ausstrahlung gründete meist zu einem großen Teil auf der Tatsache, dass alles um dich herum eher hässlich war. Das klingt immer noch nicht nett, ich versuche es mal mit ein paar Beispielen.

Ich habe dich verklärt, um meinen Alltag erträglicher zu machen

Damals im Zivildienst warst du die einzige Patientin unter 50. Du hießt Susanne, warst glücklich verheiratet und wärst mir in meinem sonstigen Leben sicherlich nicht aufgefallen. Trotzdem war die Zimmervisite bei dir das absolute Highlight eines beinharten Arbeitstages für ungefähr 1,50 Euro die Stunde, der ansonsten aus mit ihren weißen Crocs nach unten tretenden Ärzten und widerlichem Kantinenfraß bestand. Ein in meiner Wahrnehmung irgendwie zweideutig ausgesprochenes "Bis morgen!" kann einem da schon mal den Tag retten. Ich habe dich verklärt, um meinen Alltag erträglicher zu machen.

Weil du die Abwechslung warst, ein bisschen Aufregung in einem vollkommen reizbefreiten, gefühlsfeindlichen Umfeld. Seitdem suche ich an jedem neuen Pflichtort nach dir, an dem ich mich nicht ganz freiwillig, sondern eben hauptsächlich aus finanziellen oder bildungstechnischen Gründen aufhalten muss. Und irgendwen, also dich, finde ich auch immer.

In der Uni zum Beispiel. Ich war nie wirklich gerne dort, höchstens wegen dir. Denn du warst die Studentin mit Stil, was in einem Münchner Kommunikationswissenschafts-Seminar mit 99 Prozent Hilfiger-Stehkragen-Anteil zugegebenermaßen keine Kunst ist. Du hast halt keine Ugg-Boots getragen. Absolutes Alleinstellungsmerkmal, dass dich für mich sofortigst zur Königin der Fakultät erhoben hat. Das klingt sehr banal. Es ist aber eben auch unendlich wichtig. Du warst wichtig, ohne dich ging es nicht! Obwohl ich nicht einmal wusste, wie du heißt.

Bescheuerte Anmachen oder sonstige Unangenehmheiten haben mit dieser Form der Kleinst-Schwärmerei nicht das Geringste zu tun

Jetzt in der Arbeit sehe ich dich manchmal im Aufzug. Was du hier machst, keine Ahnung. Vielleicht Wasweißich-Management. Unser Verhältnis ist eher oberflächlich, wie du vielleicht gemerkt hast. Aber hey: Manchmal sagst du "Hallo". Einmal haben wir uns sogar darüber unterhalten, dass der Aufzug heute ganz schön voll ist. Das war krass.

Vielleicht sagst du jetzt: "Alter, versuchst du gerade, dein sexistisches Gestalke als romantischen Alltagsretter zu verkaufen?" Nein, das trifft es überhaupt nicht. Diese Mikro-Verliebtheiten am Arbeitsplatz oder in der Uni gehen laut meiner persönlichen Umfragen von beiden Geschlechtern aus und haben außerdem zwei entscheidende Einschränkungen.

Erstens: Wie du vielleicht selbst merkst, sind sie so unschuldig wie Ja-Nein-Vielleicht-Briefchen in der Grundschule. Bescheuerte Anmachen oder sonstige Unangenehmheiten haben mit dieser Form der Kleinst-Schwärmerei nicht das Geringste zu tun.

Und zweitens: Warum sollte ich dich überhaupt angraben? Meine Motivations-Crush-Serien sind nicht an eine realistische Vorstellung von uns beiden geknüpft. Scheitert das Ganze in der Grundschule noch an der Frage, wie zur Hölle man im Alter von 7 Jahren eine Beziehung führen soll, ist im Arbeitsalltag zum Gelingen der Mikro-Verliebtheit ein unbedingtes Maßhalten Pflicht.

Ich will dich gar nicht näher kennenlernen, geschweige denn irgendwas mit dir anfangen. Du bist, und das klingt jetzt wieder hart: eine Illusion. Dafür aber eine schöne. Das darf und soll so bleiben.

Na gut, vielleicht könntest du noch öfter "Hallo" sagen.

Damit alles schön unverbindlich bleibt, schreibt unser Autor hier lieber anonym.

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