Die Memoliste im Handy als Wegweiser

Notizen im Smartphone sind mehr als bloße Erinnerungsstützen. Sie sind Abzweigungen, denen man öfter mal folgen sollte.
Von Melanie Wolfmeier
Fotot: axelbueckert/photocase.de

Ich habe keine Ahnung, wer George Grosz ist. Und auch nicht, warum er seit dem 2. März 2014 in meinem Handy steht. Genauso wenig weiß ich, was es mit einem Rhönrad auf sich hat. Und außer, dass die "Moskauer Novelle" offensichtlich von Moskau handelt, weiß ich auch davon nicht mehr. Und trotzdem sind diese drei Sachen in der Notizliste meines Handys gelandet. Anscheinend hatte ich mal herausfinden wollen, was es mit ihnen auf sich hat. Das aber vergessen, sobald ich sie eingespeichert hatte. Doch auch, wenn diese Wörter mir nichts über ihre eigentliche Bedeutung verraten, so sind sie doch mehr als bloße Eintragungen in der Memoliste. Sie sind kleine Schilder, die Abzweigungen in meinem Leben markieren. Und wenn man ihnen folgt, führen sie auf die schönsten Umwege. Und lernt sich selbst ein bisschen besser kennen.

Es fängt ja schon bei der bloßen Existenz der Notizliste an. Seit ich mein Smartphone habe, füttere ich es mit allem, was mir interessant erscheint oder empfohlen wird. Mit Buch- und Filmtiteln, Liedern, mit witzigen Momenten und den im betrunkenen Zustand erdachten "Geistesblitzen". Und brav, wie es ist, kaut mein Handy die Gedächtnisstützen, die es so gut wie nie wieder ausspucken muss. Viel öfter als mir lieb ist, muss ich unterwegs also zu meinem Smartphone greifen. Es ist doch so: Seit wir zu Digital Natives wurden, verbringen wir zunehmend mehr Zeit in der virtuellen als der echten Welt. Online einkaufen, Reisen buchen, Bankkonten verwalten, Nachrichten lesen und austauschen – geht ja alles mit dem rechteckigen Ding in unserer Hosentasche. Und während wir darauf starren, um ja nichts zu verpassen, übersehen wir die Straßenlaterne, gegen die wir prompt slapstickartig knallen.

Ich wäre gern eines der vom Aussterben bedrohten Exemplare, das ständig einen Kugelschreiber und Block zur Hand hat. Ich habe mir diesen Vorsatz auch eingespeichert – aber eben nur in mein Smartphone, und nicht in mein Gedächtnis. Doch immer, wenn ich diese Notiz wiederentdecke, merke ich: Hey, du wolltest doch weniger von deinem Handy abhängig sein. Und ich nehme die "Zettel und Stift"-Abzweigung und bin, zumindest eine kurze Zeit lang, wieder mehr analog als digital unterwegs.

Listen mit Reisezielen sind Spannungs-Versprechen an sich selbst

Stichpunkt "unterwegs sein": Unter den 103 Einträgen in meiner Memoliste finden sich auch folgende zwei Wörter: "Kopské sedlo". Ein kurzer Abstecher zu Google verrät mir, dass das ein Ort in der Slowakei ist, genauer gesagt ein Gebirgspass in der Hohen Tatra. Vermutlich ist das ein Tipp von einem begeisterten Hobbybergsteiger gewesen, den ich vergangenes Jahr in der Slowakei kennen gelernt habe. Ein Tipp, den ich aber nicht wahrgenommen habe. Auf Reisen bekommt man so oft Empfehlungen von anderen Backpackern. Aber aus Zeitmangel oder weil man an den eigenen Plänen festhalten will, ignoriert man sie. Dabei sollte man sie sich zumindest aufschreiben oder einspeichern. So werden sie wenigstens zu eingetippten Versprechen an sich selbst: nämlich weiter zu reisen, neue Orte zu entdecken und Umwege-Ratschläge von anderen zu beherzigen. Denn diese können zu Abenteuern führen, wie man sie selbst nie hätte planen können.

Die Erinnerungsliste als Mahnung, ein besserer Mensch zu werden

Je älter wir werden, desto häufiger werden wir mit schlechten Nachrichten konfrontiert: Umweltkatastrophen, von Menschenhand verursacht. Hunger, Ausbeute, gefälschte Abgas-Werte. Immer, wenn sich so eine Meldung in mein Bewusstsein drängelt, nehme ich mir vor, nachhaltiger mit all dem Zeug umzugehen, mit dem ich meinen Alltag gestalte. Vor allem Klamotten fallen in diese Kategorie. Und daran erinnere ich mich, indem ich mir notiere, welche Shops und Labels auf fair produzierte Kleidung setzen. Ich weiß, dass mich eine H&M-Tüte nicht mehr glücklich macht, der Geruch von Duminglöhnen und Schadstoffen klebt ja fast an den Klamotten. Diese Kleider-Memos in meinem Handy sind damit stumme Mahnungen, die mich immer vor die Wahl stellen: Will ich mit dem Kauf eines billigen T-Shirts wirklich ein System unterstützen, dass Leute und Umwelt ausbeutet? Oder bin ich nun endlich so weit, Verantwortung zu übernehmen und Geld in eine bessere Welt zu investieren?

Memos sind Geheimwege, die man teilen sollte

 

Der neuste Eintrag in der Liste lautet "Lissabon Reiseführer!" Davon steht einer in meinem Regal, eine Freundin hat mich darum gebeten, ihn sich ausleihen zu dürfen. Und, obwohl ich mein bestes tun werde, werde ich es vermutlich vergessen, ihn ihr noch rechtzeitig vor Abflug zu geben.

 

Aber ich habe noch etwas anderes in meiner Notizliste entdeckt: den Namen "LX Factory". Das ist ein Fabrikgelände in Lissabon, wo heimische Künstler Räume zur Verfügung gestellt bekommen. Und den Namen eines brasilianisches Cafés, "Oh brigado!", in dem man die besten Schokoladenpralinen der Welt probieren kann. Es sind Orte, über die ich bei meinem Städtetrip nach Lissabon gestolpert bin. Und Geheimwege, die ich auch meiner Freundin schreiben werde (hoffentlich). Damit ich sie vielleicht auch dazu bringe, ein paar Umwege einzuschlagen.

Töne gegen das Vergessen

 

Meine Liste ist nun übrigens um zwei Einträge geschrumpft. Denn ich weiß jetzt, was ein Rhönrad ist (es besteht aus zwei Reifen, das durch sechs Sprossen miteinander verbunden ist und aussieht wie ein Hamsterrad für Menschen). Und die "Moskauer Novelle" von Christa Wolf steht in meinem Bücherregal, geduldig darauf wartend, auf meinem Nachttisch zu landen.

 

Nur George Grosz ist in der Liste geblieben. Ich habe zwar herausgefunden, dass er ein Künstler des Expressionismus ist, aber auch, dass es im Kunstmuseum meiner Stadt bald eine Ausstellung zu dieser Epoche geben wird. Und die Daten dazu habe ich mir eingespeichert. Denn diese sollen mich daran erinnern: dass ich diesen Umweg schon seit 2014 ausprobieren will, um endlich die riesigen Lücken im Kunstbereich zu befüllen, die ich schon seit immer mit mir herumtrage. Doch wenn ich jetzt am Ende dieses Textes eines weiß, dann das: dass das einzige, worauf ich mich verlassen kann, meine Vergesslichkeit ist. Deswegen hab ich meinen schriftlichen Wegweiser mit einem Erinnerungsalarm versehen. Ein vertonter Warnhinweis sozusagen, der daran erinnert, dass man den ausgetretenen Pfad doch verlassen wollte.

 

 

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