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zettberlin / photocase.de

Womit ein Mensch am liebsten seine Zeit vertrödelt, wenn man ihn denn lässt, verrät einem ziemlich viel über diesen Menschen. Neulich redete ich mit einer Bekannten über Frauen, die sich aus Spaß das Programmieren beibringen, als mir ein “Programmieren können ist schon sexy!” entfuhr. Sie sagte nichts, guckte aber wie: Programmieren? Wie meinst du das denn? 

Man muss meinen Ausruf zuerst etwas eingrenzen, um dann etwas auszuholen. Die Rede ist nicht von Menschen, die beruflich programmieren, sondern von solchen, die sich in ihrer Freizeit in den Kopf setzen, selbst mal was Digitales herzustellen. Was mit ganz schön viel Mühe verbunden sein dürfte.

Vor einigen Jahren beeindruckte mich ein Freund schwer, der sich gerade in seinen Laptop vertiefte. Er wetteiferte damals mit einem Kumpel in einem Taktikspiel, es war ihr Lieblingsport, doch nun hatte er entschieden, dass die App verbesserungswürdig war. Deshalb saß er da und brachte sich Programmiersprache bei, um eine App nach seinen Wünschen zu bauen. Ich sagte damals nichts, fand aber: guter Mann.

Viele Menschen beschäftigen sich in ihrer freien Zeit mit Sachen, für die man ihnen eigentlich applaudieren müsste. Sie reisen viel oder lernen neue Sprachen, sie treiben Sport, und zwar ernsthaft (nicht nur einmal im Monat joggen), oder haben so viel Könnerschaft im Kochen erreicht, dass ihr Panna Cotta nicht in sich zusammensackt und ihre Sushi-Rollen am Ende nicht eher wie Piroggen aussehen.

Dass sich hier jemand mit Leidenschaft auf eine Taktikspiel-App warf, die nur er und sein Kumpel nutzen sollten, war für mich aber spannender. Und was ihn anging: Er sah so aus, als könnte er dabei auch ziemlich gut entspannen.

Jetzt sei niemandem unterstellt, dass er das Kochen nicht ebenfalls zur Entspannung betreibt, sich nicht gerne aus Leidenschaft sportlich betätigt oder für fremde Kulturen begeistert. 

Unnütze Hobbies: Landkarten zeichnen, Röhrenverstärker bauen

Aber dann gibt es auch die Menschen, die sich leidenschaftlich einem widmen, das nicht minder anstrengend, zeitaufwändig und anspruchsvoll ist, dabei aber völlig unnütz bleibt: Landkarten mit Buntstiften zeichnen, Röhrenverstärker entwerfen, sich selbst Ukulelespielen beibringen. Oder eben Programmieren Lernen. Jene Bekannten von mir, die diesen Dingen nach Feierabend entgegenfiebern, werden aber - so mein Eindruck - gerne mit einer hochgezogenen Augenbraue bedacht.

Was ich unfair finde, denn wenn man bei den Menschen mit den vermeintlich vorzeigbaren Hobbies hinhorcht, klingt dann doch oft Folgendes durch: Dass man doch jetzt mal wieder zum Sport müsse, weil man etwas aus der Form sei. Dass man die Suppe schon zweimal probeweise gekocht habe, weil nächstes Wochenende die Schwiegermutter kommt. Dass der Japanischkurs sich ja gelohnt haben wird, wenn einen die Firma möglicherweise nach Tokio versetzt. Es klingt nach Leistungsdruck, nicht nach Feierabend-Fandom.

Diesen Leistungsdruck hat der Geografie-Begeisterte nicht. Nach seinen handgezeichneten Karten fragt in Zeiten von Google Maps niemand. Der Zweite stolpert über die inzwischen acht Röhrenverstärker, die in der Wohnung im Weg rumstehen - na und? Wenn es ihm doch um den guten Klang geht. Und die Ukulele-Autodidaktin habe ich noch nie spielen hören; vermutlich probt sie auch nur für sich und nicht für Publikum, aber über die Geschichte des Instruments kann sie innerhalb kurzer Zeit alles erzählen.

Menschen mit ausgeprägten Interessen sind immer interessant, und wenn diese Interessen keinen offensichtlichen Mehrwert mit sich bringen, dann sind sie noch ein bisschen interessanter. Denn dann ist das auch ein Fuck You, gerichtet an die Selbstoptimierer und den Zwang zur Selbstoptimierung. Das ist lässig, und wann war lässig noch nicht sexy? Wer allerdings einen Hobbykoch kennt, das muss man auch sagen, bekommt wahrscheinlich statt Nudeln mit Soße zur Abwechslung Sushi oder Panna Cotta. Aber: Auch nur dann, wenn der Hobbykoch dafür Luft hat. Also vielleicht einmal im Monat - oder in seinem Instagram-Archiv.

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