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Illustration: Daniela Rudolf

„Der Alman ist unter anderem für seine blitzschnellen Reaktionen bekannt. So hupt er an Ampeln bei verzögertem Anfahren bereits nach weniger als 3 Sekunden.“ Das schreibt jemand unter dem Pseudonym „Schmonnilein“ auf Twitter. Jeden Tag gibt es unzählige solcher Witze auf der Plattform, die sich über das amüsante oder bemitleidenswerte Dasein der Proto-Deutschen lustig machen. „Alman“ ist das türkische Wort für „deutsch“ – und seit ein paar Jahren kursiert es verstärkt als Spott-Begriff im Internet und in migrantischen Communitys genauso wie unter Deutschen. Als „Alman“ werden jene Menschen bezeichnet, die besonders pünktlich, spießig, prinzipientreu, pingelig, eben: besonders „deutsch“ sind. Jeder kann sich also „almanhaft“ verhalten, egal, woher er kommt.

Wo der Siegeszug des Wortes seinen Anfang genommen hat, das weiß keiner so genau. Einen Höhepunkt hatte es 2016, als der Hashtag #Almanhass in den Twittertrends landete. Gefühlt jedes existierende Deutschenklischee stand damals im Internet. Schwarzer Humor dominierte, die Lustigkeit mancher Tweets („heute Almans schlachten“) waren aber streitbar. „Harmlos-Gag oder Hass-Kampagne gegen Deutsche?“, fragte die Bild-Zeitung besorgt in einem Artikel zum Thema. In dem Fall war es ein Witz einer Gruppe übermotivierter Twittertrolle, der sich kurzzeitig verselbstständigte. An den Hashtag erinnert sich heute kaum noch jemand – doch das Wort Alman ist geblieben. Auch als vermeintliche Beleidigung. Im Internet beschweren sich immer wieder Menschen über angeblichen „Rassismus gegen Deutsche“. „Heute hat mich der Dönermann, als ich sagte ‚nur ein BISSCHEN scharf, bitte!’ einen ‚Alman’ genannt. Dieser Rassismus muss aufhören!“, schreibt zum Beispiel der User KarlGustav72 bei Twitter. Doch wer nutzt Alman heute aus welchen Gründen? Ist es tatsächlich die Grundlage für Deutschenhass? Ist es gleichbedeutend mit „Kanake“? Ist es rassistisch, „Alman“ zu sagen, oder einfach nur lustig?

Cihan Sinanoğlu, Mitarbeiter des Vereins „Türkische Gemeinde in Deutschland“, sagt: „Das Wort Alman hat nicht nur eine, sondern mehrere Funktionen. Der Kontext ist entscheidend.“ Sicher gebe es Momente, in denen deutsche Kinder mit Worten wie „Kartoffel“ oder „Alman“ ausgegrenzt werden. Wichtig ist es laut Cihan aber, daneben auf die anderen Bedeutungen des Wortes zu schauen. „Es geht für Menschen mit Migrationshintergrund um Zugehörigkeit, darum, die eigene Identität zu stärken.“ Abgrenzung gegenüber einer Gruppe ist eben immer eine Möglichkeit, sich der anderen Gruppe zugehörig zu fühlen. Außerdem sei der Begriff als etwas Ironisches in die Alltagssprache eingeflossen, so Cihan. Ein Problem sei diese ironische Verwendung aber nicht. Man diskreditiere sich ja auf eine spaßige Art. Und manchmal, sagt Cihan, bezeichne die vermeintliche Beleidigung doch etwas total Positives: „Wenn man sehr pünktlich ist oder seine Aufgaben gut gemacht hat, wird man eben als Alman bezeichnet.“ Auch dann, wenn die eigenen Eltern aus der Türkei kommen.

„Das sind die Almans und das sind wir“

Ähnlich sieht das auch die Journalisten Miriam Davoudvandi. Für sie sei Alman zum einen ein Selbstermächtigungsbegriff, zum anderen ein unpolitisches Slangwort, das sie zum ersten Mal als Jugendliche bei deutschen Straßenrappern und im Internet gehört hat. Miriam ist 25 Jahre alt und lebt heute in Berlin. Ihre Eltern stammen ursprünglich aus Rumänien und aus dem Iran, aufgewachsen ist sie in einem kleinen deutschen Dorf. In der Provinz war sie was Besonderes. „Ich war immer die einzige Kanakin. Dass ich eine Außenseiterin bin, wurde mir krass mitgeteilt“, sagt sie. Erst als sie mit Anfang 20 nach Frankfurt am Main zog, änderte sich das. Damals bekam das Wort Alman für sie eine neue Bedeutung, eine, die mit Witzen im Internet nichts zu tun hatte. Miriam sagt, dass es für sie eine Art Empowerment-Moment gewesen sei, sich zum ersten Mal mit Menschen zu umgeben, die einen ähnlichen Hintergrund hatten, wie sie. „Mit diesen Leuten konnte ich Rassismuserfahrungen teilen.“ Das Wort Alman fiel in diesen Gesprächen vor allem als Mittel der Abgrenzung von jenen Menschen, die ihnen im Laufe ihrer Jugend gezeigt hatten: „Du gehörst nicht zu uns“. Die ihnen Worte wie „Kanakenfotze“ hinterhergeschrien hatten. „Wir saßen dann nicht verschwörerisch da, und haben über Deutsche hergezogen. Aber das war der Moment, an dem wir uns selber abgrenzen konnten und gesagt haben: ‚Das sind die Almans und das sind wir‘“, sagt Miriam.

In Tageszeitungen erscheinen Kolumnen von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund, die sich ironisch mit dem Deutsch-Sein beschäftigen und schließlich zum Politikum werden. Unter den Texten der taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah gibt es jedes Mal wüste Beschimpfungen, aber auch viel Zuspruch, wenn sie sich über das Alman-Dasein lustig macht. Eigentlich geht es in diesen Texten aber nicht um die Abwertung von Deutschen, sondern um die Kritik an Rassismus oder überzogenem Nationalstolz. Auch Deniz Yücel provozierte gerne in Kolumnen – zwar ohne den Alman-Begriff, aber mit der gleichen Grundhaltung, diesem Schmunzeln über die Deutschen-Klischees. „Super, Deutschland schafft sich ab!“, war die Überschrift eines nicht ganz ernst gemeinten Texts über den Geburtenschwund in Deutschland, den der Journalist 2011 für die taz geschrieben hat. Viele haben sicher gelacht, damals, über die erwähnten Deutschenklischees. Die Humorlosigkeit, das Selbstmitleid, die Besserwisserei. Einige regten sich auch auf, aber dann war der Text vergessen. Zeitungsartikel überleben in der Regel nicht lange. Sieben Jahre später weiß die AfD es besser. Yücel sei deutschenfeindlich, finden Mitglieder der Partei. Die Bundesregierung solle den Journalisten für einige alte Textzeilen rügen, wurde gefordert. Das Parlament lehnte den Antrag mit klarer Mehrheit ab und kritisierte die AfD unter anderem für die Forderung nach Einschränkung der Pressefreiheit. Alle Parteien, von CSU bis zur Linken, waren sich in diesem Punkt einig.

„,Alman‘ lässt einen das Deutschen-Thema lockerer angehen“

„Ich glaube nicht, dass es deutschenfeindlich ist, wenn Autoren das Wort ‚Alman‘ benutzen. Es ist eine Kritik an der größer werdenden Deutschtümelei im Moment“, sagt Cihan. Er findet, dass es doch gerade jetzt wichtig sei, einen ironischen Umgang mit Zugehörigkeiten und Identitäten zu finden. Ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas funktionieren kann, ist Hengameh Yaghoobifarahs Artikel „Welche Kartoffel bist du? Der Test“.

Der Münchner Rapper Felix Krull ist ein Fan dieses ironischen Umgangs mit Identitäten. Sein aktuelles Album heißt „Almantape“, das „Almantape 2“ wird im Mai erscheinen. Darauf behandelt auch er als Deutscher Klischees, rappt über Trachten, Campingplätze und Beamtenjobs. Er findet: „,Alman‘ lässt einen das Deutschen-Thema lockerer angehen, weil die multikulturelle Entwicklung im eigenen Land so ein Wort erst hervorgebracht hat.“ Und er sagt auch: „Ich finde nicht, dass das Wort Deutschenhass vermittelt. Ich habe in Neuperlach Freunde unterschiedlicher Herkunft, die typische Alman-Eigenschaften übernommen haben. Das ist doch das Lustige daran.“

Für seinen Umgang mit dem Deutsch-Sein wurde er auch kritisiert. Seine Haltung sei konservativ, schrieb ein Rezensent, und bezog sich dabei vor allem auf den Song „Alman“. In der Hook rappt Felix Krull: „Es ist geil, ein Alman zu sein“ . Er deutet das Wort einfach in etwas Positives für sich um. Auch er habe sich gefragt: „ Was ist Deutsch-Sein, darf man stolz darauf sein, deutsch zu sein oder ist es verwerflich?“. Zu dem Song würde er aber stehen, weil er den frohen Herzens aufgenommen habe. Seinen Stolz begründet er so: „Man kann stolz sein, in einem sozialen Land zu leben, das sich um arbeitslose und bedürftige Menschen in Not kümmert und um diejenigen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten.“

Auch heute wird noch immer über Parallelgesellschaften gesprochen, in denen Deutsche beleidigt werden

Über Deutschenfeindlichkeit wird seit Jahren diskutiert. Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) rückte das Thema schon vor über sieben Jahren in die Öffentlichkeit. Sie sprach davon, dass auch Deutschenfeindlichkeit Rassismus sei, den es auf Schulhöfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus gebe. Zum Beispiel dann, wenn Kinder als „Deutsche Kartoffel“ oder „deutsche Schlampe“ beschimpft werden. Auch heute wird noch immer über Parallelgesellschaften gesprochen, in denen Deutsche beleidigt werden. Die mag es geben – ein rassistisches Wort ist „Alman“ deswegen aber nicht.

Dass es in einem negativen Zusammenhang genutzt wird, hat seine Gründe. „Warum nutzen Kinder mit Migrationshintergrund, die eigentlich selber Almans sind, dieses Wort abwertend? Da geht es um Sachen wie Diskriminierung und Ausgrenzung. Diese Dinge führen dazu, dass sie sich andere Identitätskonzepte suche. Eine Abwertung ist neben vielen anderen eines davon“, sagt Cihan. Trotzdem sei es eine „krasse Umkehrung der aktuellen Verhältnisse“ Deutschenfeindlichkeit als das größte Problem darzustellen. „Es brennen Moscheen und wir haben eine rechtspopulistische Partei im Bundestag. Man muss gucken, woher die Kritik kommt“, sagt Cihan. Und Miriam fügt hinzu: „Es ist was anderes, ob mich jemand ‚du Kanakenfotze’ nennt oder ich jemanden als Alman bezeichne.“ Alman zu sagen ist nicht rassistisch, weil Rassismus von unten nach oben nicht funktioniert. Eine Minderheit kann keine privilegierte Gruppe, in dem Fall eben weiße Deutsche, unterdrücken. „Migranten sind in Deutschland noch immer benachteiligt“, sagt Miriam. „Es ist schön, dann mit Alman zumindest ein Wort zu haben, über das man ein bisschen Macht hat.“ Außerdem, sagt sie, sei sie ja „Team Empathie“: „Wenn sich wirklich jemand in meiner Gegenwart daran stört, dass ich ‚Alman‘ sage, dann lasse ich es einfach.“

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