„Kannst du mal kurz auf mein Gepäck aufpassen?“

Mit dieser Frage, die jeder von uns schon mal gestellt hat, beginnt einer der schönsten, aber auch seltsamsten Momente zwischen Fremden.
Von Nadja Schlüter

Bitte drauf aufpassen, danke!

Foto: Francesca Schellhaas / photocase.de

Manchmal erfasst man die Schönheit einer alltäglichen Situation erst, wenn sie sich anders abspielt als gewohnt: Neulich saß ich an einem total überfüllten Flughafen-Gate, an dem die Menschen sich schon eine Viertelstunde vorm Boarding in mehreren langen Schlangen anstellen. Ich saß mit meinem Koffer und meinem Rucksack noch im Wartebereich und musste mal. Neben mir saß eine junge Frau und um zu vermeiden, mich mit meinem Gepäck durch die Menge quetschen zu müssen, frage ich sie: „Wäre es okay für Sie, mal kurz auf meine Sachen zu schauen?“ Die Frau sah mich nicht an, sie betrachtete nachdenklich mein Gepäck. Dann sagte sie: „Nein.“ 

Als ich diese Geschichte meinen Kollegen erzählt habe, haben die alle gelacht, aber dabei  auch recht empört „Waaas?“ gerufen. Und ich selbst war in diesem Moment am Flughafen auch empört. Oder zumindest verwundert. „Oookay?“, habe ich gesagt, mit einem ganz deutlichen Fragezeichen hinten dran, und bin aufgestanden. Der Frau schien ihre Ablehnung plötzlich ein bisschen unangenehm zu sein, sie sagte „Entschuldigung“ und dass sie mir aber meinen Platz freihalten könne. Und ich musste daran denken, dass es kurz vorher wieder diese Durchsage gegeben hatte, dass man sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen und auch keines von Fremden annehmen solle. Daher sicher ihr „Nein“. 

Aber auch, wenn dieses „Nein“ irgendwie berechtigt war, hat es mich überrascht. Denn  die Frage „Wäre es okay für Sie, mal kurz auf meine Sachen zu schauen?“ ist (in all ihren Varianten) eine, die eigentlich niemand jemals mit „Nein“ beantwortet. Und ich finde, dass sie und die übliche Antwort darauf („Klar“) zusammen einen der schönsten, aber auch seltsamsten Momente zwischen Fremden einleiten.

Um zu vermeiden, dass irgendein Fremder die eigenen Sachen klaut, gibt man sie: irgendeinem Fremden

Jeder von uns hat das schließlich schon mal gemacht: Wer im Zug gern ein Snickers kaufen will, fragt den Zeitung lesenden Mann, der im Vierer gegenüber sitzt, ob er mal kurz auf den Laptop aufpassen könne. Wer allein im Café ist und zum Telefonieren vor die Tür muss, fragt das Paar am Nachbartisch, ob sie den Rucksack im Auge behalten können, bis man wiederkommt. Und während unzähliger Besuche auf öffentlichen Toiletten blieben Besitztümer, die immerhin so wichtig und wertvoll sind, dass man sie sogar draußen oder auf einer Reise mit sich herum trägt, in der Obhut einer wildfremden, zufällig in der Nähe gewesenen Person. Aber auch den Gegenpart hat jeder von uns schon mal erfüllt: auf das Hab und Gut einer wildfremden Person aufgepasst, die ein Snickers kaufen wollte, telefonieren oder aufs Klo musste.

Die Rolle des Fragenden ist seltsam. Weil er ja aus der Angst heraus fragt, jemand könne ihm seine Sachen klauen. Irgendein Fremder aus dem Café, am Flughafen, im Zug. Und um das zu vermeiden, gibt er seine Sachen irgendeinem Fremden aus dem Café, am Flughafen, im Zug. Er misstraut der Masse an Menschen und setzt darum Vertrauen in einen einzelnen von ihnen. Wahrscheinlich, weil die Chance, dass unter den 300 Menschen an Gate 4 einer ist, der eventuell etwas klauen würde, ja größer ist als die, dass man ausgerechnet diesen einen bittet, mal eben auf das Gepäck zu achten. Und die Bitte an sich ist in all dem Misstrauen eine sehr schöne und hoffnungsvolle Geste. Wer die „Könnten Sie mal eben…“-Frage stellt, der sagt nämlich auch: „Hallo Fremder, ich bin zwar misstrauisch, aber an sich glaube ich an das Gute im Menschen – und dir will ich jetzt vertrauen. Hier hast du meine Sachen. Die sind mir so wichtig, dass ich sie bisher nah an meinem Körper getragen habe, aber ich glaube, bei dir sind sie gut aufgehoben.“

Die Rolle des Gefragten ist auch seltsam. Denn der hat ja plötzlich so eine Art Premium-Zugriff auf die Tasche oder den Rucksack oder den Koffer. Er könnte einfach damit abhauen. „Gelegenheit macht Diebe“ und so. Er macht’s aber nicht. Zum einen wohl, weil (und das muss man sich dieser Tage immer wieder sagen!) die meisten Menschen eben doch gute Menschen sind. Zum anderen aber auch, weil die Aufpass-Bitte so ist, als würde ein  kleiner Vertrag auf den Tisch gelegt. Ein Vertrag, in dem steht, dass der eine dem anderen Verantwortung übergibt und Vertrauen entgegenbringt. Der Gefragte kann sich eigentlich also geehrt fühlen und freuen. Und sein „Ja“ ist die Unterschrift, mit der er besagt, dass er sich dieser Verantwortung bewusst ist und das ihm entgegengebrachte Vertrauen nicht ausnutzen wird.

Was, wenn wirklich jemand kommt und in der Tasche kramt, auf die man gerade aufpassen soll?

Der Vertrag wird meistens erfüllt. Und das ist meistens auch sehr leicht, weil einfach nichts passiert. Aber was, wenn doch was passiert? Was, wenn der Gepäckbesitzer einfach nicht zurück ins Café oder zum Gate kommt? Dann gibt es wahrscheinlich einen Bomben-Alarm. Und was, wenn jemand das Gepäck wirklich klauen will? Oder anfängt, darin zu kramen und auf Nachfrage sagt: „Das passt, Tobi hat mir gesagt, ich soll ihm sein Handy bringen“? Dann müsste man, um den Vertrag zu erfüllen, eingreifen und dem Typen das verbieten. Das kann peinlich werden, wenn der fremde Vertragspartner wirklich Tobi heißt und sein Handy wirklich gebraucht hätte. 

Dass so was meistens nicht passiert, hat vermutlich mit den Situationen zu tun, in denen der Vertrag für gewöhnlich geschlossen wird. Denn in denen ist das Risiko, dass etwas geklaut wird, ohnehin schon nicht so groß, weil alle, die dort sind, irgendwie miteinander verbunden sind und etwas gemeinsam haben. Sie trinken Kaffee im gleichen Café. Oder steigen nachher ins selbe Flugzeug. Sie müssen da, wo sie sind, noch ein bisschen bleiben. Man würde wohl kaum einen Fremden auf der Straße bitten, mal kurz auf den Koffer aufzupassen, weil man in dem kleinen Büdchen Zigaretten kaufen will und der Trolley dabei bloß im Weg ist. Man fragt immer jemanden, der in etwa in der gleichen Lage ist wie man selbst. Der also das gleiche Problem hat, wie man selbst, wenn er zur Toilette oder ins Bordbistro gehen will. So besteht auch immer die Möglichkeit, dass man den kleinen Vertrag nachher noch in die umgekehrte Richtung abschließt: Du hast auf meinen Koffer aufgepasst, dafür achte ich auf deinen Rucksack. Und verteidige ihn gegen die vermutlich gar nicht bestehenden Gefahren.

Ich habe mein Gepäck am Flughafen dann übrigens mitgenommen. Als ich zurückkam, war die Frau weg. Das hat mich ein bisschen traurig gemacht. Der Gepäck-Aufpass-Kontakt, der eigentlich so schön ist, ist zwischen uns gründlich schief gelaufen. Wenn das noch mal passiert, lese ich einfach diesen Text vor, um den anderen davon zu überzeugen, dass es sich lohnt mitzumachen. Und dass ich wirklich keine Bombe im Koffer habe.

Noch mehr zauberhafter Alltag:

  • teilen
  • schließen