Unordnung ist der größte Freundschaftsbeweis

Denn mein Chaos zeige ich nur Menschen, die ich wirklich mag.
Von Teresa Fries
Foto: ivanr/photocase.de

Kurz vorweg: Ich bin kein Messi. Auch nicht kaufsüchtig. Bei mir gammeln keine Essensreste und Tiere gab es auch noch nie. Mein Zimmer sieht lediglich in seinem natürlichsten Zustand so aus, als wäre mein Kleiderschrank zu klein (was stimmt), meine Zeitschriftenabos zu viele (was so halb stimmt), als hätte ich einfach keine große Lust auf Unterlagen sortieren, lochen, heften (was definitiv stimmt) und als hätte ich nicht besonders viel Ahnung von Inneneinrichtung (nichts richtiger als das).

Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch? Nein. Aber ich fühle mich deswegen oft genug schuldig, faul und irgendwie ein bisschen lebensunfähig. Dabei weiß ich nicht mal genau, ob das nur von außen kommt, oder ich mir dieses Gefühl am Ende selbst gebe. Jedenfalls: Das Du-musst-dein-Zimmer-noch-aufräumen, weil die Tante, die Freundin oder die Geburtstagsgesellschaft kommt, weil Weihnachten ist oder Ostern oder Wochenende, oder weil es einfach schon wieder ausschaut, “als hätte eine Bombe eingeschlagen” – das hat sich seit meiner Kindheit tief in mein Hirn eingegraben.

Jetzt könnte ich natürlich einfach drüberstehen und sagen: Was kümmert mich eure Ordnungsliebe? Wenn ihr mein Chaos nicht mögt, bleibt doch in euren eigenen putzfimmeligen Wohnungen! Aber wenn man ehrlich ist: Wer steht schon wirklich über irgendwas drüber? Eben.

Sich dem gesellschaftlichen Zwang zur Ordnung zu widersetzen, ist so einfach nämlich bei Weitem nicht, die Diskriminierung von Chaoten ist schließlich weit verbreitet – in der Familie, auf der Arbeit, im Freundeskreis. Dabei haben wir doch mittlerweile auch geklärt, dass ich nicht so aussehen muss, wie die photogeshoppten Frauen in Lifestyle-Magazinen. Warum soll mein Zimmer denn dann aussehen wie aus einem Möbelkatalog?

Ich weiß das alles. Und trotzdem geht der Stress nahezu jedes Mal wieder von vorne los, wenn sich Besuch ankündigt. Und dann kommen die Eltern, nachdem man einen Tag für sie geputzt hat, rein und sagen als erstes: “Na, ein bisschen aufräumen könntest du schon mal wieder”. Und fast jedem anderen Gast öffnet man die Tür grundsätzlich mit dem Satz: “Entschuldigung, ich hatte keine Zeit mehr, Ordnung zu machen”, obwohl der Zustand der WG das Ergebnis einer vierstündigen und zweiköpfigen Aufräumaktion ist.

Guten Freunden zeigt man sich ungeschminkt – und die Wohnung eben auch. 

Doch für eine kleine Gruppe von Menschen gilt all das nicht. Weil die im besten Fall so oft und auch mal so spontan vorbeischaut, dass eine Aufräumzeremonie jedes Mal gar nicht möglich wäre. Weil man diese Menschen lieber durch ein Meer von Zeitschriften und Klamotten schwimmen lassen würde, als sie nicht zu sehen. Und weil die es früher oder später sowieso schon gesehen haben – als sie kamen, um einen zu pflegen, weil eine Krankheit einen niedergestreckt hatte, oder weil sie einem geholfen haben, mitten im Chaos die Teile seines gebrochenen Herzens aufzusammeln. Der aufmerksame Leser merkt: Diese Menschen sind die wirklich guten Freunde.

Für sie verstellt man sich nicht. Weil es ihnen egal ist. Man gibt nicht vor, besser, schlauer oder witziger zu sein, als man ist. Sie würden es eh durchschauen. Man zeigt sich ihnen ungeschminkt – und die Wohnung eben auch. Es gibt nichts, was sie finden oder erfahren könnten, was man ihnen nicht auch erzählen würde. Es sind die Freunde, denen man sein Netflix-Passwort gibt und die, wenn er mal besonders niedrig ist, auch den eigenen Kontostand kennen. Je nachdem, wie lange sie bleiben, tragen sie, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, sogar ein bisschen bis viel zur Unordnung bei.

Natürlich gibt es auch da Abstufungen. Zwischen „aufgeräumt“ und „unaufgeräumt“ liegen Welten. Viele kleine ganz unterschiedlich ordentliche Welten. Und jeder Gast betritt im Zweifel die, die ihm zusteht – außer bei meinem Zeitmanagement in der Besuchsvorbereitung ist was schiefgelaufen. Dabei sind Unordnung und Freundschaft quasi direkt proportional. Heißt: Je chaotischer das Zimmer, desto besser der Freund. Liegt also nur der Zeitschriftenstapel noch auf dem Boden, statt einsortiert im Regal oder aussortiert im Papiermüll, dann handelt es sich beim Gast eher um einen Bekannten oder noch einen sehr frischen Freund. Dem schütte ich jetzt beim Essen auch nicht gleich mein ganzes Herz aus. Liegt die gewaschene Wäsche noch als Haufen auf dem Stuhl, anstatt ordentlich im Schrank, nähern wir uns dem engeren Kreis. Kommt dagegen jemand in mein Zimmer und bemerkt (am Ende auch noch anerkennend), dass ich staubgewischt habe, wird das wohl sein letzter Besuch sein.

Ausnahmen gibt es sicher auch. Ich habe eine Freundin, die äußerst ordentlich ist, so wenn-ich-bei-ihr-übernachte-liegt-ein-Betthupferl-auf-dem-perfekt-zurechtgezupften-Kissen-wie-im-Hotel-ordentlich. Für sie zum Beispiel gebe ich mir immer etwas mehr Mühe als laut Ordnung-Freundschafts-Rechnung notwendig, weil sie sich sonst ernsthaft Sorgen um mich machen und am Ende selbst aufräumen würde.

 

Meine Ordentlichkeit ist aber nicht nur Freundschafts- sondern auch Beziehungsbarometer. Und damit ein nützlicher Indikator, weil man sich in Liebesdingen oft ja im Hirn noch nicht sicher ist, obwohl sich andere Organe schon entschieden haben. Denn wo ich mich und alles um mich herum am Anfang einer Liebschaft noch zu jedem Treffen herausputze, weiß ich, dass es mehr geworden ist, wenn ich bemerke, dass ich das nicht mehr machen muss. Nach vier Jahren hat auch mein Freund wahrscheinlich jede einzelne Welt meiner Wohnung mal gesehen. Und das ist gut so.

 

Denn wenn die richtigen Menschen kommen, dann sollten sie die überquellenden Schubladen und Sockensammlung auf dem Bett als das annehmen, was sie wirklich sind: eine Liebeserklärung.

 

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