Erasmus ist vorbei - was jetzt?

Unser Autor kam gerade zurück - und für ihn fühlt sich jetzt alles irgendwie schal an. Warum eigentlich?
Von Philip Raillon
Erasmus Melancholie nach Polen
Illustration Jessy Asmus

Hinter mir liegen vier tolle Monate. Erasmus in Warschau. Ich habe dort studiert, neue Freunde gefunden und unbekannte Ecken entdeckt. Ich habe gechillt und gefeiert. Ich habe gelebt. Jetzt bin ich wieder daheim, was irgendwie unwirklich ist. Die Freude, meine Freunde und Familie wiederzusehen, ist zwar da – aber glücklich bin ich nicht.

Noch vor wenigen Tagen hatte ich mit meinen Freunden aus Italien, Spanien oder der Ukraine am Stadtstrand Warschaus gesessen. Hinter uns leuchtete das große Nationalstadion „Narodowy“. Wir quatschten, lachten und lauschten der chilligen House-Musik aus den Lautsprechern. Mit den Füßen spielte ich im Sand, irgendjemand verteilte kühles Bier. Ein anderer machte ein kleines Lagerfeuer. Irgendwann spät abends ging es nach Hause – mit dem City-Bike. Der Wind wehte durch meine Haare, auf meinen Ohren wummerten die Bässe. Auf der  Brücke Most Świętokrzyski legte ich einen Zwischenstopp ein. Unter mir lag die Weichsel mit den bunten Bars am Ufer. Von dem Clubboot „BarKa“ wehten Fetzen der lauten Elektromusik herauf. Bald würden diese Momente vorbei sein. Ich atmete tief ein, saugte das Gefühl so weit es ging auf.

Jetzt, keine Woche später, fühlt es sich an, als sei dieser Abend schon Ewigkeiten her. Und es wird auch in den nächsten Tagen nicht besser: Die Erinnerungen scheinen schon zu verschwimmen. Und ich habe keine Lust auf nichts. Ich fange an, meinen Koffer auszupacken und höre wieder auf. Lustlos helfe ich meinen Eltern im Garten. Mal fange ich etwas Neues an, mal sitze ich gelangweilt in der Küche herum. Nur in einem bin ich sehr aktiv: Facebook. Das Medium ist der Draht zu den neuen Freunden aus Warschau. Sie sind jetzt in ganz Europa und der Welt verteilt. Kontakthalten, das hilft – auch, weil es ihnen nicht besser ergeht. Auch sie vermissen die tolle Zeit in Polen. Am liebsten würde ich sofort Flüge buchen und sie besuchen. Mir ist aber auch klar: Das bringt’s nicht. Dieses ständige Schreiben ist wie eine Droge, ein künstliches Aufrechterhalten des Erasmus-Gefühls. Aber letztlich ist es ja doch vorbei.

Ich frage mich, was das ist. Wir hatten alle gemeinsam eine tolle Zeit, die vom „Erasmus-Spirit“ lebte. Jetzt ist die „Erasmus-Bubble“ geplatzt und uns geht es allen schlecht. Gibt es sie wirklich, die oft geschilderte „Post-Erasmus-Depression“? Ich suche im Internet nach Experten, die mir meine Eindrücke einsortieren können. Ich finde unter anderem Hans-Werner Rückert von der psychologischen Studienberatung der FU Berlin. Er kann mich beruhigen: „Für eine Depression muss man gewisse Kriterien wie Schlaflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit erfüllen.“ Und diese müssten auch für einen längeren Zeitraum von mindestens drei Monaten vorliegen. Also keine Depression – immerhin. Er spricht stattdessen von einem „Reverse Culture Shock“, also einem umgekehrten Kulturschock.  „Dieses Phänomen ist von Menschen bekannt, die für länger als drei Monate im Ausland sind“, sagt mir der Wissenschaftler. Man selbst habe sich weiterentwickelt und würde dies am liebsten mit allen teilen, während die Aufnahmekapazität von Freunden und Familien aber begrenzt sei. Manchmal habe man dazu noch den Eindruck, dass die alten Freunde nicht mehr so ganz zu einem passten – zumindest das ist bei mir anders. Meine besten Kollegen geben mir viel Halt in den ersten Tagen.

"Die Normalität hilft"

Nach dem Partyleben und anderem Studentenleben im Erasmus-Semester wirkt der Alltag zu Hause trotzdem umso unattraktiver. „Das kann das Wiederankommen schwieriger machen“, meint der Psychologe Rückert. Vermeiden könne man diesen Kulturschock ohnehin nicht. „Aber man kann sich im Vorfeld informieren. Dann weiß man, was auf einen zukommt.“ Einmal zurück, sollte man versuchen, möglichst schnell wieder in das alte Leben zurückzukommen. „Die Normalität hilft“, sagt er.

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Foto: Maurice Reinhard
 

Dass meine Lustlosigkeit ein Stückweit normal ist, beruhigt mich. Hinzukommt: Je öfter man für einige Zeit im Ausland ist, desto einfacher sei das Wiederankommen, meint Anna Engel (30), Organisationspsychologin an der Uni Osnabrück. Auch auf ihren Namen stieß ich bei meiner Recherche. Ihre Einschätzung kann ich bestätigen: Als ich nach dem Abitur sechs Monate in Neuseeland war, war die Rückkehr noch viel extremer. Wochenlang wäre ich am liebsten sofort wieder zurück an das andere Ende der Welt geflogen. Noch für zwei Jahre hatte ich täglich kleine „Flashbacks“, wo ich mich plötzlich an bestimmte Situationen erinnert fühlte. So extrem empfinde ich die Rückkehr aus Warschau nun nicht – vielleicht auch, weil ich ein Stückweit wusste, was auf mich zukommen könnte.

 

Trotzdem will ich wissen, wie ich mich am Besten verhalte. „Du solltest deine Erfahrungen bewusst in deine Persönlichkeit  integrieren. Das braucht aber Zeit, Energie und Ressourcen“, rät mir Anna Engel. Außerdem könnte ich meinen Alltag daheim etwas umgestalten, etwa mehr reisen und das Erasmus-Gefühl aufrecht erhalten.

 

Das will ich mir zu Herzen nehmen. Auch an meiner Heimatuniversität in Bochum gibt es Erasmus-Studenten, mit denen ich mich anfreunden kann. Und sonst versuche ich mich erst einmal wieder in meinen Alltag zu schmeißen. Zur Not muss ich mich eben dazu zwingen. Und: Ich buche einen Flug. Es geht übers Meer, nach England. Schließlich kann ich auch dort das Erlebte zur Persönlichkeitsentwicklung nutzen – oder es zumindest versuchen.

 

 

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