Drum prüfe, wer sich reisend bindet

Warum es so wahnsinnig schwer ist, den perfekten Reisepartner zu finden.
Von Nadja Schlüter
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Foto: John Dow/photocase.de

Es lief dann doch alles gut. Wir gingen beide am liebsten zu Fuß durch die Stadt, fanden am Ende immer einen Ort, an dem wir beide essen wollten (und der Vegetarier unter uns warf in einem Restaurant ohne vegetarische Gerichte sympathischerweise mal kurz seine Prinzipien über Bord), hatten die gleiche Vorstellung vom Budget, das verpulvert werden durfte, staunten über die gleichen Dinge und hatten einen Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich nur um etwa zwei Stunden unterschied.

Meine Reisebegleitung und ich haben uns also gut verstanden. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich erleichtert war, denn vorher hatte ich schon ein bisschen Angst. Nicht, weil ich dachte "Auweh, mit diesem Menschen kann das nicht funktionieren". Sondern weil ich weiß, dass gemeinsam Verreisen furchtbar schiefgehen kann, selbst, wenn man sich eigentlich mag. Es ist extrem schwer, den perfekten Menschen zum Verreisen zu finden. Fast schwieriger als einen passenden Partner. Schwieriger als einen guten Mitbewohner. Schwieriger als ein Paar Schuhe, in denen man ein Mal um die Welt laufen kann.  

Wer sich im Urlaub gut versteht, bindet am besten gleich seine Reisepässe zusammen. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, von der ich weiß, dass es mit ihr immer funktioniert. Egal wann, egal wo. Wir haben uns reisend kennengelernt, zusammen unterwegs zu sein ist sozusagen der Urzustand unserer Freundschaft. Ich habe allerdings auch Freunde, die ich herzlich liebe, mit denen ich aber niemals verreisen würde. Und ich kenne Menschen, die es gemeinsam versucht und danach wochenlang nicht miteinander gesprochen haben. Sie hätten vorher nicht gedacht, dass es so endet. Aber es ist trotzdem passiert.

Andere Umgebung, anderes Selbst  

Um das Risiko zu verringern, dass es passiert, kann man natürlich ein paar grobe Eckpunkte besprechen, bevor man aufbricht, und herausfinden, ob man da in etwa gleich tickt. Das ungefähre Aktivitätslevel (Am-Strand-rumliegen-/Im-Café-sitzen-Typ oder Rumläufer), die ungefähre Programmvorstellung (viel oder wenig Sightseeing/Kultur, viel oder wenig Konsum), die persönliche Teuer-preiswert-Skala, bevorzugte Verkehrsmittel und so weiter. Aber der olle Spruch "Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt" trifft wahrscheinlich auf nichts mehr zu als aufs Reisen.

Denn wenn man erstmal da ist, am Ziel, ist alles anders. Zuerst mal die Umgebung. Und weil die Umgebung anders ist, ist man auf einmal auch selbst anders. Reagiert anders als gedacht und will andere Sachen machen als geplant. Kommt anfangs nicht mit dem Klima klar. Verstimmt sich den Magen. Hat dauernd Hunger. Oder gar keinen. Merkt, dass das Bus-System doch ziemlich kompliziert ist und man lieber mit dem Taxi fahren will. Will mehr reden als sonst oder weniger. Ist auf einmal viel unbefangener gegenüber Fremden.

Man entdeckt sehr viele neue Seiten an sich, wenn man verreist. Damit zurechtzukommen ist schon aufreibend genug. Wenn dann aber noch jemand dabei ist, den man zu kennen glaubte, aber bisher noch nicht reisend kannte, und man lernt erstens Seiten an ihm kennen, die einem neu sind, und zweitens welche, die ihm selbst neu sind – dann sind alle Beteiligten schnell völlig überfordert.

Auf Reisen ist die Zeit zum Ausdiskutieren zu knapp

Die Komponenten 1. ich, 2. der andere und 3. das fremde Land, die in einem irren Chaos durcheinanderfallen, zu ordnen, bis sie miteinander harmonieren, ist mehr Arbeit als Urlaub. Und es kann sehr gut sein, dass man es nicht schafft, sie zu ordnen. Dass am Ende herauskommt, dass der eine was ganz anderes vom Land will als der andere. Oder von sich selbst oder vom anderen. Und dass man dann wegen Kleinigkeiten aneinandergerät. Wegen Trinkgeldbeträgen oder zu lautem Schlaf-Atem oder einem doofen Witz auf einem Boot mitten auf dem See.

Zusätzlich ist da die Sache mit der kostbaren Freizeit. Man verbringt hier immerhin einen Urlaub und jeder will das Beste für sich rausholen. Die Erwartungen sind hoch, die Fallhöhe ist es auch. In Beziehungen ist es erlaubt, ja sogar erwünscht, dass man auch mal unterschiedliche Vorstellungen von etwas hat, dass man mal was ausdiskutiert. In Reisepartnerschaften ist das nicht so. Es ist ja keine Zeit zum Ausdiskutieren. Und auch keine Zeit für schlechte Stimmung. Ein einzelner Streit kann eine Beziehung nicht kaputtmachen, auch eine Freundschaft nicht – eine Reise aber schon. Drum prüfe, wer sich reisend bindet. Und wer jemanden gefunden hat, mit dem das Reisen klappt, der sollte ihn ganz, ganz festhalten, seinen Reisepass mit dem des anderen zusammenschnüren und dann mit ihm gemeinsam ein Mal um die Welt laufen. Falls beide schon die Schuhe schon gefunden haben, in denen sie das können.

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