Weißt du, was deine Freunde in der Arbeit tun?

Nein? Solltest du aber unbedingt.
Von Charlotte Haunhorst
Foto: Simonthon / photcase.de

Im Studium, da war das noch ganz einfach. Da sagte jemand „Ich studiere Biologie“ und man wusste: Okay, die hat Vorlesungen bei Menschen, die chemische Formeln mit einem Projektor an die Wand werfen und ab und zu geht sie selbst ins Labor, um Dinge mit einer Pipette in Petrischalen zu füllen. Wenn man es genauer wissen wollte, konnte man noch ein bisschen nachhaken („Was mit Zellen? Oder doch eher mit Säugetieren?“), und das Gegenüber war beseelt, ein bisschen über seine Interessen erzählen zu können.

Je weiter das  Studium voranschreitet, umso spezifischer werden im Idealfall allerdings auch die Inhalte. Wenn man dann die Biologiestudentin fragt, was sie eigentlich genau tut, erzählt sie vielleicht schon etwas von „molekularer Pflanzenbiologie“. Ist sie eine gute Erzählerin, kann sie einem das auch noch Sendung-mit-der-Maus-artig erzählen („Also, du kennst doch aus der Schule noch Mendel, den mit den Erbsen, oder?“). Aber bei den meisten fängt hier schon das Problem an. Sie sagen dann nämlich: „Puh, das ist jetzt schwer zu erklären“.  Und man selbst sagt in dem Moment leider nicht: „Bitte versuch es doch!“. Sondern gibt sich zufrieden. Ende des Gesprächs.

Spätestens, wenn alle im Arbeitsleben angekommen sind, wird das zu einem echten Dilemma: Man merkt, dass man eigentlich keine Ahnung hat, was die eigenen Freunde arbeiten. Klar, ich weiß, dass Lennart bei BMW ist, ich weiß sogar, dass er was mit Motoren macht. Ich weiß, dass Caroline im Bereich Informatik promoviert und Merle Unternehmensberaterin ist. Aber was sie da genau tun? Wie ihr Tag aussieht? Was sie an ihrer Arbeit begeistert und woran sie verzweifeln? Keine Ahnung. In meinem Kopf füllen die alle die meiste Zeit Exceltabellen aus. Was natürlich großer Quatsch ist. Ich führe ja auch nicht den ganzen Tag Interviews.

Aber der Weg raus aus dieser Ahnungslosigkeit ist schwer. Weil jetzt noch fragen „Was tust du eigentlich beruflich?“, nach so vielen Jahren der Freundschaft, das geht doch nicht. Das wirkt ja so, als hätte man ein Leben lang bei den ganz zentralen Wendepunkten im Leben des anderen nicht zugehört. Und man kann es sich ja auch schönreden. Sagen: „Naja, wir haben halt noch andere Themen miteinander als die Arbeit. Pah!“

Genauer betrachtet ist diese Entwicklung allerdings ziemlich seltsam – und auch falsch. Denn gerade uns, der "Generation Y", ist es doch angeblich so wichtig, nicht einfach nur irgendwas zu arbeiten, sondern einen Job zu haben, der uns auch erfüllt und in dem wir etwas bewegen und uns verwirklichen können. Wenn das so ist – warum reden wir dann nicht über diese Jobs? Und selbst wenn nicht, nimmt die Arbeit so viel Zeit unseres Lebens in Anspruch, dass es nur nur logisch wäre, auch diese Seite mit guten Freunden teilen zu wollen.

Denn wenn es um Beziehungen oder auch nur um die Frage „Welches Kleid ziehe ich zur Hochzeit von S. an?“ geht, wollen wir ja auch möglichst viele Details haben, um den anderen gut beraten zu können. Um zu verstehen, was in seinem Leben gerade wichtig ist.

Aber beim Thema Arbeit herrscht irgendwie immer noch eine Ausnahmeregelung. Da sagt man dann schnell: „Puh, ich verstehe davon ja nichts. Vielleicht besprichst du das besser mit deinen Kollegen?“. Und ist natürlich auch ein bisschen erleichtert. Denn den eigenen Job so runterzubrechen, dass Laien ihn verstehen, ist anspruchsvoll. Und für den anderen sicher auch langweilig. Redet man sich zumindest ein.

"Das kann man Außenstehenden schlecht erklären"

Und das ist zu bequem. Denn natürlich ist es anstrengend, sich in den Job des anderen einzudenken. Dessen Fachbegriffe und Arbeitsabläufe zu kapieren. Und es ist auch anstrengend, den eigenen Job anderen zu erklären. Aber all das ist eben auch verdammt wichtig. Weil man doch nur so den anderen wirklich kennt und nicht nur die Hälfte, die es einem leicht macht.

Wie gut es tut, sich einmal durch das Jobthema durchzuquälen, merkt man erst, wenn man es dann wirklich einmal hinter sich gebracht hat. Ich habe neulich meine Freundin Caroline angerufen und gefragt, worüber sie denn da eigentlich in Informatik promoviert. Natürlich hat sie erst mal was von „Ach, das ist für dich sicher total langweilig“ und „Das kann man Außenstehenden schlecht erklären“ gesagt. Aber ich wollte da dann durch. Sie hat also angefangen zu erzählen. Von Open Source Software, also bereits programmierter Software, dessen ursprüngliche Bausteine für alle zugänglich sind. Und wie sie das jetzt für ein Navigationsprogramm nutzen will, mit dem man punktgenau alle Koordinaten auf der Erde finden kann. Und dass sie da neulich, nach zwei Jahren, wirklich einen tollen Durchbruch hatte.

Ich weiß jetzt, was ihr Tagesablauf ist. Wann sie ins Büro geht, wen sie dort trifft, wie viel Zeit sie am Computer verbringt und wann sie auch mal rausgehen kann. Was ihr langfristiges Ziel damit ist. Und wenn ich jetzt mit ihr telefoniere, frage ich regelmäßig, wie weit sie mittlerweile ist, was als nächstes kommt. Sie freut sich, ich freue mich. Das Beste aber ist: Ich kann natürlich immer noch am Telefon sagen: „Das habe ich jetzt nicht verstanden“. Und das ist okay, weil sie weiß: Ich habe es wirklich versucht. Und das zählt.

Weitere Texte findest du hier: 

  • teilen
  • schließen