Hai-Filme – eine Liebeserklärung

Kein anderes Genre spiegelt den Zeitgeist so gnadenlos und klar.
Von Jakob Biazza
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Illustration: Julia Schubert

Vergiss Piranhas, vergiss Krokodile, vergiss Schlangen und um Himmelswillen: vergiss Riesenkraken. Halt nein, die doch nicht ganz. Behalte Riesenkraken im Hinterkopf. Für später. Aber sei dir stets bewusst, dass sie wertlos sind ohne Hai.  

Nimm nur mal "Sharknado". Der Film wurde ursprünglich fürs Fernsehen produziert, dann aber aufgrund des massiven Zuspruchs doch noch in die Kinos getragen. Weil der Name so wundervolles Programm ist: Ein gigantischer Tornado lässt große Mengen Meerwasser und mit ihnen eine gewaltige Anzahl (menschenfressender) Haie auf Los Angeles niederregnen. Maximalverblödung? Natürlich. Aber darin wunderschön. Zauberhaft geradezu. Und – wie die meisten Hai-Filme – ein gandenloser Spiegel des Zeitgeistes.

In diesem Fall: eine Parabel auf die Finanzkrise. Heuschrecken? Lächerlich! Wirklichen Schaden richten nur Wesen an, die gierig schnappen, obwohl sie keine Ahnung von einer ihnen fremden Umgebung haben! Ob das in der Analyse nicht zu hochgegriffen ist? Keinesfalls. Es ist nämlich so, dass Bertolt Brecht nicht ganz Recht hatte: "Der Haifisch, der hat Zähne/Und die trägt er im Gesicht/Und Mcheath, der hat ein Messer/Doch das Messer sieht man nicht", schrieb er in seiner "Moritat von Mackie Messer". Brecht wollte die Heimtücke seines Protagonisten verdeutlichen, indem er einen Kontrast zum vermeintlich offensichtlichen, weißgefletschten Kampfgebiss des Meeresräubers aufmachte. Aber Brecht hat Steven Spielberg nie kennengelernt. Sonst hätte er umgetextet.

Der Hai ist als Schreckenswesen nämlich deutlich vielseitiger, als der Schriftsteller erkannte: Spielberg hatte schließlich diese beinahe unerträgliche gute Idee zur Umkehrung von Brechts Text als er "Jaws" ("Der weiße Hai") inszenierte: Mach den verdammten Fisch zum Mackie! Er hat Zähne, weiß jeder. Versteck’ sie trotzdem! So lange es geht. Zeig’ eine Rückenflosse, einen Schwanzschlag. Wasserverwirbelungen. Der Rest bleibt unter der Oberfläche. Wer die Zähne sieht, ist tot. Der Hai wurde damit zum Idealtypus der Tierhorror-Tiere. Zum König. Ach was: Kaiser! Der Franz Beckenbauer des Genres. Alles andere ist alkoholfreies Bier – Horrorgeschmack ohne Wirkung. Methadon anstelle des echten Zeugs.   Ein Krokodil, zum Beispiel, ist zweifelsohne auch ein krasses Viech. Allein: Wirklich souverän bewegt es sich nur in Seen und Flüssen – verglichen mit dem Meer ja eher seichte Gewässer. Und als Landtier, nun ja: eher der Aktionsdrang von Mario Gomez. Der Hai ist Perfektion, er ist absolute, reine Expertise. Wer einem Hai im Meer begegnet, der merkt, wie wenig er selbst für diese Welt ausgelegt ist.

Wo Brüche entstehen, tauchen Monster auf

Der Raubfisch ist also das ideale Monster. Und Monsterplots sind perfekte Seismografen für den Zeitgeist. Vielleicht erklärt das ihre Beständigkeit. Überall, wo in der Welt Brüche entstehen, tauchen schließlich Ungetüme auf: Mary Shelleys "Frankenstein" als Fratze der Industrialisierung, Godzilla als Symbol für die Panik vor der Eskalation des Kalten Krieges.

Spielbergs Hai war der Terrorist, der die westliche Welt in den Siebzigern heimsuchte. Ein statistischer Irrsinn. Nach der Logik der Wahrscheinlichkeit begegnet man beiden nicht. Und doch beeinflussen sie Wahrnehmung und Taten. Als Gefühl sind sie schließlich immer da. Unter uns. In unseren Köpfen. Der Terrorismus ging. Die Haie blieben.

Auch als Ausdruck des Zeitgeists: Haie werden in späteren Werken mit – Achtung – Riesenkraken gekreuzt ("Sharktopus") oder kämpfen gegen ebenjene ("Mega-Shark vs. Giant Octopus"). Sie werden als Ausdruck geistiger Optimierung intelligenter gemacht ("Deep Blue Sea"), watscheln an Land, um sich eine Art Faustkampf mit einem ebenfalls watschelnden Panzer zu liefern ("Supershark") oder gleiten gleich durch festen Boden: "Ein prähistorischer Sandtigerhai. Dieses Raubtier hat sich perfekt dem Sand angepasst und kann sich darin bewegen wie im Wasser" ("Sandshark", nur noch übetroffen von "Snowshark"). Im schlimmsten aller Fälle, "Haialarm auf Mallorca", stellt man ihnen sogar Ralf Möller gegenüber. Selbst das haben sie überstanden.

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