Schussel-Mädchen go home!

Warum Jungs nicht mehr auf die verplante Masche reinfallen sollten.
Von Stefan Winter
Illustration: Katharina Bitzl

Ich sitze in einem Cafe hinter der Uni. Es ist ein gewöhnlicher Nachmittag in den Semsterferien. Sechs Bagel liegen in der Auslage, acht Donuts. Ich habe sie gezählt. Mehrfach schon. Vor zehn Minuten waren es noch neun Donuts. Vor einer halben Stunde lagen dort acht Bagel. Dann kam dieses BWL-er Paar und hat zwei gegessen. Mittlerweile sind die beiden Wirtschaftsstudenten schon wieder weg. Ich sitze noch immer hier, schaue ihnen hinterher. Aus der Richtung, in die die beiden verschwunden sind, sollte meine Verabredung kommen. Vor einer halben Stunde schon: ein kluges, hübsches Indie-Mädchen. Sie trägt lustige Button auf ihrer Umhängetasche, hört gute Musik, sagt kluge Sachen. Ich mag sie.

Natürlich werde ich ihr verzeihen, wenn sie in zwanzig Minuten um die Ecke biegt, mit geröteten Wangen und verstrubbeltem Haar. Sie wird mich umarmen, mir irgendeine „verplante“ Geschichte erzählen, einen Caffe Latte mit Soja-Milch bestellen und mich bitten, für sie zu zahlen. Sie hat ihren Geldbeutel nämlich gestern Abend in der Bibliothek liegen lassen und konnte ihn heute früh nicht abholen, weil ihr der Fahrradschlüssel in den Gulli gefallen ist und sie anschließend eine Stunde am Fundbüro verbracht hat, weil sie doch letzte Woche ihren Koffer am Bahnhof verloren hatte. 

Das wird sie mir schneller erzählen als dass die Soja-Latte fertig ist. Dann wird sie sich neben mich setzen, wir werden ein Gespräch beginnen und später noch woanders hingehen. Es wird ein großartiger Abend. Wir werden uns wunderbar verstehen. Später wird sie sich mein Handy leihen (ihres liegt neben dem Fahrradschlüssel oder sie hat die Rechnung gerade nicht bezahlt), einen Bekannten anrufen und in den Club lotsen, in dem wir die Nacht verbringen. Natürlich kommt der Typ, obwohl er vorher schon eine Stunde vergeblich am anderen Ende der Stadt gewartet hat. Er mag sie nämlich auch.

Das weiß sie und sie weiß, dass sie sich deshalb alles erlauben kann. Was er nicht weiß – und ich auch nicht –, ob sie sich morgen noch an seinen Namen erinnern wird. Ob sie weiß, was sie ihm – und mir – bedeutet. Ob sie weiß, wie nett der Abend war. Vielleicht sind wir für sie genauso wichtig bzw. unwichtig, wie der Radschlüssel. Vielleicht liegt das, was wir für Liebe und Zauber halten, schon im Gulli. Vielleicht hat sie all das bereits vergessen und sich nach einer neuen Variante umgesehen. Wer weiß das schon. Im Leben des verplanten Mädchens geht so viel durcheinander.

Mir kommen diese Gedanken, als ich im Cafe sitze und mir den weiteren Nachmittag ausmale: Vermutlich werde ich – nach diesem Abend, wenn sie mit einem geliehenen Rad verschwunden ist – noch etwas mehr in sie verliebt sein als jetzt schon. Ich werde mir morgen zwei Bücher kaufen, die sie mir empfohlen hat und nächste Woche neue spannende Filme auf ihren Rat hin aus der Videothek leihen. Wie gesagt: Ich mag sie. Und doch: Gerade weil ich all das weiß, habe ich plötzlich keine Lust mehr. Und während die Frau hinter der Theke den letzten Thunfisch-Bagel verkauft, weiß ich auch warum.

Fallt nicht mehr rein auf diese – zugegeben süße – Masche der verplanten Mädchen

Ich gehe nach Hause und beginne diesen Text hier. Und nein, er wird nicht von all den anderen Indie-Mädchen da draußen handeln, die sich divenhaft durch ihr Leben schusseln und uns Jungs damit das Herz verknoten. Wer bin ich, dass ich euch Vorschriften mache? Nein, der Text ist für all die Jungs, die in Trier oder Marburg gerade ebenfalls in einem Café warten. Für die, die in Leipzig oder Münster gestern ihr Rad verliehen haben und auch für jene, die in Tübingen oder Bamberg später eine Soja-Latte bezahlen werden: Jungs, hört auf damit! Fallt nicht mehr rein auf diese – zugegeben süße – Masche der verplanten Mädchen. Lasst all diejenigen, die im Germanistik-Seminar noch so großen Wert auf die Rolle der Frau legen, nicht mehr damit durchkommen, dass sie später selber ständig das kleine überforderte Mädchen spielen!

Denn dann, wenn wir uns nicht mehr benehmen wie debile kleine Äffchen, die nickend und jederzeit verständnisvoll hinter den Schussel-Mädchen des Landes herlaufen, werden die auch endlich aufhören, sich zu benehmen wie die süße Klischee-Trottelin aus einem jungen deutschen Film. Das hier ist die Realität. Es ist nicht spießig, sich zumindest den Stadtteil zu merken, in dem man sich treffen wollte!

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