Wer nicht mitkommt, fliegt eben raus

Und was man von einem diskriminierenden Schulsystem sonst mitnehmen kann.
Von Stefanie Sargnagel
Illustration: Katharina Bitzl

Einen Stock unter mir, in einem klassischen Wiener Altbauhaus in einem  Ghetto, wohnte meine gleichaltrige Nachbarin Hülya. Im großen Innenhof des Hauses fingen wir vom Kleinkindalter an, miteinander zu spielen - die Art von Freundschaft, bei der entweder ich oder sie bei der jeweils anderen anklopfte und fragte: „Darf die Steffi/Hülya spielen kommen?“ Anfangs konnte sie kein Wort Deutsch, aber je mehr Zeit wir miteinander verbrachten, desto flüssiger wurde es. Ich lernte im Gegenzug ein paar türkische Floskeln und Klatschspiele.

Ich lebte damals zusammen mit meiner Mutter auf mir sehr klein erscheinenden 55 Quadratmetern. Sie in einer gleichgeschnittenen Wohnung mit ihren Eltern, ihrer großen Schwester, ihrer gehörlosen Tante, dem zehn Jahre älteren Bruder, später noch mit dessen Frau und dem daraus entstandenen Sohn. Die Tante hatte einen beachtlichen Schnurrbart und hörte nichts mehr, weil sie als Kind von einer Schaukel gefallen war. Seitdem hinkte sie auch stark - und immer, wenn sie im Hof auf uns aufpasste, verständigte man sich über eine Gebärdensprache, die sich in der Familie entwickelt hatte. Ich konnte „Klo“ und „Essen“.

Dann kam der Schulwechsel. Ich kam in ein bürgerliches Gymnasium im Nachbarbezirk, Hülya in die Hauptschule ums Eck. Ich kann mich an einen letzten Nachmittag erinnern, an dem wir uns im Hof trafen. Sie erzählte empört von Freundinnen, die schon Oralsex hatten, ich vom Französischunterricht. Sie, dass sie in Englisch die Speisekarte lernen würden, ich, dass wir unregelmäßige Verben konjugierten. Irgendwann grüßten wir einander nur noch schüchtern am Gang, während sie den Putzkübel an der Bassena auffüllte, damit ihre Mutter den Boden aufwischen konnte.

In der neuen Schule war das einzige Gastarbeiterkind Branka – eher eine Außenseiterin. Mit zwölf bemerkten eine Freundin (Nora) und ich, dass sie eigentlich sehr witzig war, und nahmen sie in unsere Clique auf. Später kam noch Emel dazu, die wegen hervorragender Noten aus der Hauptschule zu uns gewechselt war. Beide hatten aber - gemessen an den ganzen Ärzte- und Lehrerkindern - Lerndefizite. Eine junge, engagierte Lehrerin hatte deshalb die Idee, dass sie doch mit mir und Nora gemeinsam für Mathe lernen könnten. Das funktionierte super. Branka und Emel schrieben ihre erste Zwei, und ich lernte den Stoff so intensiv wie nie. Von da an machten wir das regelmäßig.

Die Deutschlehrerin aber hasste die beiden, zeigte das gern und oft und ließ also keine Gelegenheit aus, ihnen ihre Arbeiten mit Worten wie „Eine Katastrophe!“ auf den Tisch zu knallen. Mit 14 wurden sie in eine einjährige, berufsvorbereitende Schule abgeschoben, und wir waren wieder ein kohärenter Elfenbeinturm aus weißen Muttersprachlern mit genug Geld für Nachhilfe.

Als ich 15 war, kam ein neues Mädchen in meine Klasse. Sie wechselte von einer Waldorfschule zu uns. Migrantenkinder kannte ich ab da sonst keine mehr. Sie musste schnell viel aufholen, brachte mir nebenbei das Kiffen bei und hielt lange Vorträge darüber, was für seltsam hörige und dumme Idioten das staatliche Schulsystem produzieren würde. Mit 17 wurde dann ich von der Schule geschmissen, weil ich zu aufmüpfig war und nur noch schlechte Noten hatte. Das galt zwar auch für einige Mitschüler, aber deren Väter waren Oberarzt oder Rechtsanwalt. Eine besorgte alleinerziehende Mutter war offenbar weniger bedrohlich. Mitgenommen habe ich von meinen Schulen ein paar gute Freunde - und die Erkenntnis, was so ein Bildungssystem wirklich leistet: eine Gesellschaft formen, indem sie den Menschen ihre Plätze zuteilt. Und zwar institutionalisiert und diskriminierend.

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