Tattoo_sde fb
Fotos: pinterest

Gerade an wärmeren Tagen sieht man sie überall: Tattoos, die Szene-Stempel für die Ewigkeit. Nur die ewig Gestrigen rümpfen da noch empört die Nase. Aber auch die naive Frage nach der Bedeutung eines Tattoos kann einen als Spießer outen. Schnell findet man sich in einer hitzigen Debatte darüber wieder, warum denn um Himmels Willen alles eine Bedeutung haben muss und wir die pure Schönheit eines Seepferdchens am Steißbein nicht einfach um ihrer selbst willen genießen können. 

Dennoch macht die Penetranz bestimmter Motive neugierig: Die zum mysteriösen Kult mutierten schwarzen Armreif-Tattoos etwa wirken wegen ihrer Abstraktheit fast wie verschwörerische Codes. Aber wofür? Klar, dass über die Herkunft und Bedeutung dieser und einiger anderer Motive wird im Netz kräftig gemunkelt wird. Wir sorgen für Aufklärung und haben echte Experten gefragt: Dirk-Boris Rödel, Chefredakteur des Tätowiermagazins, Anthropologe Igor Eberhard von der Universität Wien, Philip vom Tattoostudio „Halunken“ in Bielefeld, Karo von „Unlimited Body Art“ in München, Thomas vom Münchner „Tempel“-Studio und Chris von „Edo Tattoo“ in Neuss. 

Fette, schwarze Armbänder 

Die Mythen

  • Die schwarzen Streifen kommen von den Maori, aus Palau oder von den Marquesas-Inseln.
  • Sie gehen auf Tattoos japanischer Strafgefangener zurück.
  • Sie repräsentieren den Gangster-Lifestyle „Mi Vida Loca“, deutsch: mein verrücktes Leben. (Diese Bezeichnung geht vermutlich auf den gleichnamigen 90er-Film über Gangster aus dem Echo Park in Los Angeles zurück.)
  • Jeder der Ringe symbolisiert einen verstorbenen Menschen oder steht generell für Trauer.

Das sagen die Experten:  

Dirk-Boris: „Ich wüsste nicht, ob oder dass das einen ethnologischen Hintergrund hat. Maori würde ich aber ausschließen, weil die Maori-Sachen stilistisch doch ganz anders sind.“

Igor Eberhard: „Die Vermutung von Motiven mit Ursprung auf Palau oder den Marquesas ist nicht schlecht - da kommen die großen, breiten Flächen und Streifen vor allem modisch her, aber da fehlen sowohl die Geometrie, Ornamentik, als auch die feine Körperanpassung.

Mit großer Wahrscheinlichkeit gehen diese Ringe wirklich auf Straftätowierungen aus der Edo-Zeit (17. bis 19. Jahrhundert) in Japan zurück. Zumindest waren sie damals sehr verbreitet - eine abgemilderte Variante der Straftätowierungen im Gesicht. Die genaue Anzahl und Anbringung dürfte sich nach Stadt, regionaler Herkunft unterschieden haben. Im Gesicht und am Arm wurden die Striche oder Ringe manchmal erweitert, wenn man die Straftat wiederholt hat. Das dürfte aber eher die Ausnahme gewesen sein.

Ich kenne aber auch Träger, die diese Ringe als Ersatz für den früher üblichen schwarzen Trauerflor tragen.“

Dünne Dreiecke

Der Mythos

Die Dreiecke stehen ursprünglich jeweils für die vier Elemente.

Das sagen die Experten:

Karo: „Ich hatte letztens eine Kundin, die das gleichschenklige Dreieck in den Nacken haben wollte. Die Dreiecke stehen jeweils für die Elemente. Das mit der Spitze nach unten bedeutet Wasser. Aufgerichtet bedeutet es Feuer. Beide noch mal mit Querstrich symbolisieren Luft und Erde.“

Dirk-Boris: „Das Dreieck ist natürlich relativ vieldeutig. Aber je nach dem, ob es auf der Spitze steht oder auf der Geraden kann es für eines der vier Elemente stehen. Das sind ursprünglich alchemistische Zeichen.“

Chris: „Richtig, die stehen für die Elemente. Im Maori-Stil gibt’s die Dreiecke aber auch als verschiedene Motive, wie z.B. als Pfeilspitzen oder Haifischzähne. Die haben dann ganz unterschiedliche Bedeutungen, sind aber eher Krieger-Symbole.“

Semikolon 

Der Mythos

Das Strichpunkt-Tattoo symbolisiert das Überwinden eines Selbstmordversuchs und geht auf das gemeinnützige Project Semicolon zurück.

Das sagen die Experten:  

Karo: „Das Semikolon steht dafür, dass man nicht aufgehört hat, also dass es trotzdem weitergeht. Wir haben auch von ein paar Kunden gehört, dass das so eine Selbstmordgeschichte ist. Aber das ist gar nicht so: Project Semicolon ist ein gemeinnütziges Projekt, das auf mentale Probleme aufmerksam macht.“

Chris: „Das lassen sich die Leute bei uns zwar nicht so regelmäßig stechen, aber es kommt schon auch vor. Viele sagen, dass es dafür steht, dass man mentale Probleme oder sogar Selbstmordversuche überwunden hat. Aber angeblich soll es mittlerweile auch für starke Frauen stehen. Denn bei uns lassen es sich vor allem Frauen stechen, die meistens sagen: ‚Das steht für mich für harte Zeiten und Frauenpower.’“

Drei Punkte 

Der Mythos

  • - Die drei Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger oder unter dem Auge sind Knasttattoos.
  • - Sie stehen für Glaube, Liebe und Hoffnung.
  • - Sie bedeuten „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“.

Das sagen die Experten:

Karo: „Also das mit ‚nichts sehen, nichts hören, nichts sagen’ habe ich noch nie gehört. Ursprünglich waren die Punkte jedenfalls Knasttattoos und stehen symbolisch für Glaube, Liebe, Hoffnung. Aber im Endeffekt sind sie wohl auch einfach Zeichen für eine Gefängnisstrafe.“

Igor Eberhard: „Die Punkte haben immer unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben bekommen. Die wahrscheinlichste ist aber die Variante mit ‚nichts sehen, nichts hören, nichts sagen’. Das ist die häufigste, die ich aus der Literatur kenne. Das wichtigste ist, dass sie ein Erkennungsmarker sind, um zu signalisieren, dass jemand gesessen hat. Klaus Pichler beschreibt sie in seinem Buch über Gefängnistattoos („Fürs Leben gezeichnet“) auch als Symbol für jemanden, der zu den Gefängniswerten steht. Also jemand, der nichts preisgibt, alles aushält und nicht mit der Polizei zusammenarbeitet. Das ist ein Marker innerhalb und außerhalb des Gefängnisses, zumindest bei den Wiener Sträflingen, die er interviewt hat.“

Träne unterm Auge

#uk #barnet #beard #tattoo #blackcap #clouds #art #focus #teartattoo #tears #lostsoul

Ein Beitrag geteilt von Tamaș Alexandru (@tamas_alexandru) am

Der Mythos

  • Die Träne ist ein Knasttattoo.
  • Eine leere Träne steht für zehn Jahre Haft.
  • Wenn sie schwarz ausgefüllt ist, steht sie für lebenslänglich.

Das sagen die Experten:  

Dirk-Boris: „Ich denke, dass die sogenannte Knastträne tatsächlich im Knast ihren Ursprung hatte. Die Sache mit der Bedeutung der vollen oder leeren Träne würde ich aber eher mit Vorsicht genießen: Das kommt immer darauf an, in welchem Umfeld diese Sinnzuschreibungen gelten.“

Philip: „Die Träne kommt auf jeden Fall aus dem Knast. Sie hat aber in jeder Kultur eine andere Bedeutung. Im Russischen symbolisiert sie, dass der Tätowierte um Verstorbene trauert.“

Igor Eberhard: „Ich forsche ja viel historisch und da sind diese klassischen Gefängnistätowierungen wie die drei Punkte und die Träne kaum zu finden. Obwohl ich auch Tätowierungen von Strafgefangenen untersuche.“

Fazit

Die Frage nach der Herkunft oder Bedeutung bestimmter Tattoos wirft also in den meisten Fällen mehr Fragen auf, als sie klärt. Für Foren-Diskussionen reicht der Spruch: „Ein Anthropologe ist sich fast sicher, dass die Ringe von japanischen Sträflingstattoos kommen“ aber allemal. Die tatsächliche Bedeutung ist und bleibt individuell. Das ist das fast schon heilige Credo aller Experten. „Früher fühlte man sich verpflichtet, dass alles auf der Haut tiefsinnig sein musste. Inzwischen trauen sich die Leute auch verstärkt, sich Tattoos ohne bestimmte Bedeutung stechen zu lassen“, meint Dirk-Boris. Also: Vergesst am besten, was ihr gerade gelesen habt und stecht fröhlich drauf los! Außer vielleicht, wenn es um die drei Punkte oder die Träne geht ... 

Mehr zum Thema Tattoos: