Hört auf, den DJ anzustarren!

Es gibt besseres zu tun im Club, findet unser Autor, selbst DJ.
Von Quentin Lichtblau
dpa,Collage Jessy Asmus

Die elektronische Welt hat das Tanzen verlernt. Wer heutzutage zur Peaktime in einem beliebigen Technoladen oder Open-Air Richtung Tanzfläche steuert, bekommt erst einmal hauptsächlich eins zu sehen: Rücken. Männliche wie weibliche, leicht wackelnd, Schritt nach links, Schritt nach rechts. Wenn die Bassdrum wieder einsetzt: Hände rauf, dann weiter im Gleichschritt. Wer die Hände zu früh hochreißt, nimmt sie verschämt wieder runter. Das war jetzt aber zu viel Emotion, das hat ja gerade gar nicht gepasst. Wer sich dieser preußisch-korrekten Formation entzieht, sich umdreht, wird kritisch beäugt wie jemand, der sich im voll besetzten Aufzug plötzlich von der Tür abwendet.

Warum tanzt ihr nicht miteinander, oder schaut wenigstens mal, wer da um euch herum gerade so wackelt? Warum sieht das hier nicht nach Party, sondern nach Arbeit aus, die irgendwie abgeleistet werden muss? Die Antwort: Ihr wollt eben den DJ sehen.

Als Vertreter der edlen Zunft des DJ-tums sage euch eins: Natürlich bin ich wahnsinnig gutaussehend und was ich da oben tue, ist sicherlich hohe Kunst und eine Reise durch die Nacht und dieses ganze Zeug. Es sieht aber in seinen technischen Abläufen alles andere als spektakulär aus. Im elektronischen Bereich geht es beim Auflegen schließlich meistens um den perfekten Übergang von Track zu Track, nicht um Cutten und Scratchen oder sonstige Turntablism-Akrobatik. Im perfekten Fall bemerkt ihr den Übergang gar nicht.

Und selbst wenn ihr euch tatsächlich so sehr für die Raffinessen des Auflegens interessieren würdet: Von da unten sieht man davon doch absolut gar nichts. Vielleicht dreht man sich ab und zu um, um die nächste Platte aus dem Koffer zu ziehen (was bei den digitalen DJs dann auch noch wegfällt). Ansonsten steht man halt da, dreht an den für euch nicht sichtbaren Reglern und Platten herum und tanzt mit, so weit das Kopfhörerkabel, die Zeit und die Konzentration zwischen den einzelnen Tracks das zulassen.

Erst eure übertriebene Aufmerksamkeit hat DJs zu den Herzchenhändchen-formenden Rampensäuen gemacht, die sie inzwischen oft sind

Klar ist da auch schön, ab und zu Blickkontakt mit den Tanzenden zu haben und das zu erleben, was Techno-Esoteriker gerne als "Austausch von Energien" beschreiben. Natürlich fühlt es sich gut an, wenn alle gemeinsam feiern und man dabei als DJ sozusagen das große Steuerrad in der Hand hat und dafür Aufmerksamkeit bekommt. Ich habe damit erst einmal kein Problem. Aber gibt es denn für euch im Club sonst nichts zu sehen, als diesen einen Menschen am DJ-Pult? Seid ihr nicht eigentlich aus anderen Gründen da? Dreht euch im Kreis, dreht den Typen neben euch im Kreis, packt die Sambamoves aus, macht was ihr wollt (außer Shuffeln. Shuffeln sieht scheiße aus). Aber spart euch doch zu eurem eigenen Vergnügen diese Dauerobservation des DJs.

Viele Kollegen kommen damit nicht klar und mutieren angesichts der vermuteten Erwartungen seitens des Publikums plötzlich zu Guetta-artigen Partyurlaubs-Animateuren, die sich beim Auflegen derart verrenken, als würden sie die Musik live mit ihrem Körper produzieren. Wenn ihr euch aber darüber aufregt, dann vergesst nicht: Erst eure übertriebene Aufmerksamkeit hat viele DJs dieser Welt zu den Herzchenhändchen formenden Rampensäuen mit zehn Bassdrops pro Minute gemacht, die sie mittlerweile oft sind. Dass ein Sven Väth während seines Sets nebenher Fußball schaut, wirkt da fast schon wie ein subversiver Akt der Showmaster-Verweigerung.

Was man nämlich selbst nach Jahrzehnten etablierter DJ-Kultur immer noch erklären muss: Der DJ ist kein performender Musiker. Er spielt Musik von Platten ab, die zum größten Teil nicht von ihm stammt. Es geht nur bedingt um das, was er da oben tut, sondern viel mehr darum, was aus den Boxen kommt. Und genau dem sollte eure Aufmerksamkeit gelten.

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