Das größte Festival Schwedens ist für 2018 abgesagt

Der Grund: die anhaltenden sexuellen Übergriffe auf dem Gelände.
Bild: Reuters / TT News Agency

Seit 2013 findet im Südosten Schwedens Bråvalla statt. Es ist das größte Open Air-Festival des Landes und eines der wenigen, bei dem die Besucher campen können. Doch das Festival, das am vergangenen Sonntag zu Ende ging, wird voraussichtlich das letzte sein, denn die Veranstalter haben das Festival für 2018 abgesagt

Der Grund dafür ist dabei bemerkenswert: Schon im letzten Jahr hatten lokale Medien berichtet, dass auf dem Festivalgelände fünf Vergewaltigungen und zwölf sexuelle Übergriffe gemeldet worden waren. Und trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen wurden auch in diesem Jahr nach Angaben der Polizei vier Vergewaltigungen und 23 sexuelle Übergriffe angezeigt.

Auf der Website der Veranstalter waren ausdrückliche Sicherheitshinweise und Verhaltensmaßnahmen für das Festival aufgelistet: So wurden die Besucher angewiesen, ihr Handy immer aufzuladen, nachts nur die Hauptwege zu nutzen und im Notfall sofort einen der 2000 Helfer, Polizisten oder Security-Leute anzusprechen. Dennoch schafften es die Veranstalter nicht, ihre Besucherinnen zu schützen. Und zogen jetzt die Konsequenz: Sie sagten das Festival im kommenden Jahr komplett ab.

Auf Nachfrage von jetzt erklärte Katja Wittenstein, Sprecherin der deutschen Konzert- und Festival-Agentur FKP Scorpio, warum das Unternehmen sich zu diesem Schritt genötigt sah: "Das war keine leichte Entscheidung. Wir haben faktisch nicht mehr Vorkommnisse als andere Veranstaltungen in der gleichen Größenordnung - in diesem Jahr sogar nachweislich weniger. Aber auch ein Vorfall ist einer zu viel. Wir wollten ein Zeichen setzen, um genau das zu zeigen. Die negativen Schlagzeilen haben in der öffentlichen Wahrnehmung insbesondere bei den Menschen, die noch nie da waren, ein schlechtes Bild vom Bråvalla gezeichnet. Das hat sich letztlich auch auf die Ticketverkäufe ausgewirkt, die in diesem Jahr rückläufig waren. Darum war dieses Zeichen jetzt wichtig. Nur so konnte es die Wirkung entfalten, die es jetzt hat und auch die öffentliche Diskussion anregen."

Schon in diesem Jahr hatten die Veranstalter deutlich weniger Tickets verkauft: Im letzten Jahr konnten sie 52 000 Tickets absetzen, heuer hingegen nur 45 000.

Nach Wittensteins Einschätzung wird in Schweden mit dem Thema "Sexuelle Belästigung" sehr sensibel umgegangen: "Die schwedischen Frauen werden ausdrücklich ermutigt, jedes Vorkommnis von nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen – sei es eine Berührung oder ein Kuss - zu melden. Sobald dies bei der Polizei gemeldet wird, geht es in die Berichte ein und wird unter dem Begriff „Vergewaltigung“ veröffentlicht, ohne dass die genaue Art des Übergriffes geklärt ist. Die genauen Untersuchungen der Vorfälle erfolgen im Anschluss. Der Punkt ist nicht die Schwere des Vergehens, der Punkt ist: Frauen wurden gegen ihren Willen belästigt. Das ist aber kein Problem von Festivals oder Großveranstaltungen, sondern ein gesamtgesellschaftliches und darum ist die öffentliche Diskussion darüber auch so wichtig."

Die Absage für 2018 soll zunächst eine einmalige sein. Diese Pause wollen die Veranstalter nutzen, um sich zu sammeln und zu überlegen, wie sie in der Zukunft mit der Situation umgehen können. 

chwa   

 

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