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DJs solidarisieren sich weltweit mit den Techno-Demonstranten in Georgien

Nach zwei Razzien war es in Tiflis am Wochenende zu großen Protesten gekommen.
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    Foto: Reuters/ David Mdzinarishvili

„Ich kann mir ein Georgien ohne das Bassiani nicht vorstellen, das wäre wie ein Deutschland ohne Berghain“, sagt DJ und Labelbetreiber Dixon und fährt fort: „Wir tanzen zusammen, wir kämpfen zusammen!“

Mit Sätzen wie diesen solidarisieren sich in einem Video internationale DJ-Größen mit dem berühmten Techno-Club in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Neben Dixon, Rødhåd und der russischen Nina Kravitz sprechen darin auch die Berghain-Residents Ben Klock, Marcel Dettmann und Marcel Fengler.

Im zwei Clubs, dem Bassiani und dem besonders für sein LGBTQ-freundliches Publikum bekannten Café Gallery, kam es in der vergangenen Woche zu großangelegten Razzien. Das Bassiani hat sich mittlerweile zu einer internationalen Adresse für DJs aus aller Welt entwickelt, die meisten DJs aus dem Video haben selbst schon dort gespielt. Das georgische Innenministerium schickte schwer bewaffnete Einsatzkräfte. Sie sollten Drogendealer festsetzen, nachdem in Tiflis in den vergangenen Wochen fünf Menschen an Drogen gestorben waren – laut den Behörden waren sie vorher im Nachtleben unterwegs. 

„Die Menschen feierten und tanzten, dann sah ich diese Männer mit den Gewehren. Der erste von ihnen ging zum DJ und befahl ihm, die Musik abzuschalten. Dann schrien sie herum und alle mussten sich auf den Boden legen“, sagte eine der Mitarbeiterin des Café Gallery gegenüber dem GuardianAcht Menschen mit Drogen sollen insgesamt festgenommen worden sein. 

Mit der Reaktion der jungen Szene von Tiflis hatte das Innenministerium dabei wohl nicht gerechnet. Viele junge Menschen in Tiflis, das sich in den vergangenen Jahren zu einer kosmopolitischen, liberalen Insel im in großen Teilen noch  restriktiv-autoritären Kaukasus entwickelt hat, sehen im brachialen Vorgehen der Einsatzkräfte einen Angriff auf ihre Freiheiten. Unter anderem beflügelt von den erfolgreichen Protesten im Nachbarland Armenien, forderten sie den Rücktritt des Premierministers. 

Nichtregierungsorganisationen kritisierten, dass die vermeintlichen Drogendealer bereits mehrere Stunden vor der Razzia festgenommen worden sein, nicht bei der Razzia selbst. „Die Razzia war keine Operation gegen den Drogenhandel – sie war ein Einsatz gegen die Freiheit“, sagte einer der Bassiani-Betreiber gegenüber dem Guardian: „Techno ist das Medium, mit dem unsere Generation ihre Meinungsfreiheit ausdrückt. Eine Bewegung für progressive, westliche Werte. Ich glaube, dass viele der Menschen, die uns stoppen wollen, gegen westliche Werte sind und daher nicht wollen, dass solche Clubs existieren.“

Innenminister Giorgi Gakhari hat sich mittlerweile für das Vorgehen bei den Razzien entschuldigt

Gerade die Technoclubs stehen in den Augen vieler für Toleranz und Weltoffenheit als Gegenpol zum patricharchalen Gehabe anderer Großdiskotheken und konservativer Kräfte. Deswegen kam es am Wochenende zu einer Großdemonstration vor dem Parlamentsgebäude, bei denen sich einmal mehr das im Westen oft vergessene politische Potenzial von Techno zeigte:

Der Innenminister Giorgi Gakhari hat sich mittlerweile für das teils offenbar rüde Vorgehen bei den Razzien entschuldigt: „Ich entschuldige mich nicht nur persönlich. Ich entschuldige mich, falls irgendwer von euch von einem Mitarbeiter des Innenministeriums bedroht wurde. Genauso sollten aber auch all die eine Entschuldigung anbieten, die eine Sicherheitskraft bedroht haben.“

Als die Proteste sich am vergangenen Sonntag fortsetzen, kam es parallel zu einer Gegendemonstration von Nationalisten und Rechtsextremen, die den Demonstranten „Sodomie“ und „Drogenpropaganda“ vorwarfen – und versuchten, sie zu attackieren. „Wir standen kurz vor echten Ausschreitungen“, sagte der georgische Präsident Giorgi Margvelashvili am folgenden Tag bei einer Pressekonferenz.

Die Demonstranten aus der Technoszene befürchten weitere regressive Maßnahmen, fordern den Schutz ihrer erkämpften „safe spaces“ und einen liberaleren Umgang mit Drogen. So hatte jemand, der innerhalb von zwölf Monaten zwei Mal mit Marihuana erwischt wurde, bis vor kurzem noch bis zu 14 Jahre Haft zu befürchten. Innenminister Gakhari hat eingewilligt, in einen Dialog zu treten und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Am kommenden Wochenende wollen die Aktivisten wieder auf die Straße gehen. 

qli

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