„Wir waren die Freaks, die Verrückten“

Green Day ist wieder da – dieses Mal weniger politisch, sondern mit einer Spaßplatte.
Interview von Steffen Rüth

Foto: dpa; Bearbeitung: jetzt

Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Fakt ist jedenfalls, dass Green Day seit über 25 Jahren eine extrem erfolgreiche Punk-Band sind. Fakt ist auch, dass es keine Kellerparty gab, gibt und geben wird, bei der nicht mindestens „Basket Case“ oder „When I come around“ gespielt wird. Am 7. Februar ist ihr neues Album „Father of all Motherfuckers“ erschienen – wir haben sie in Madrid zum Interview getroffen.

jetzt: Ihr habt in der Vergangenheit sehr ernste und politische Alben wie „American Idiot“ oder „21st Century Breakdown“ gemacht. Habt ihr euch in spannungsgeladenen Zeiten wie diesen bewusst gegen politische Songs entschieden?

Tré Cool: Ich finde, wir haben es uns verdient, eine Spaßplatte zu machen. Wir gönnen uns das jetzt einfach mal. Natürlich ist uns das alles bewusst: Faschistische Staatenlenker, Rassismus und eine politische Kultur in Amerika, die total aus dem Ruder gelaufen ist. Aber „American Idiot“ ist immer noch da. Man kann das Album hören und sich freuen, wie aktuell es immer noch ist.  

Billie Joe Armstrong: Die politischen Inhalte sind vorhanden, aber sie sind eher subtil. Im Song „Graffitia“ geht es um Fabriken, die im Rust Belt der USA geschlossen haben und um schwarze, männliche Teenager, die in Chicago von Polizisten erschossen werden. Der Song „Father Of All Motherfuckers“ dreht sich darum, wie es sich aktuell anfühlt, in Amerika zu leben mit all der Hysterie und Paranoia. Was bei uns gerade passiert, ist deprimierend und auf lange Sicht toxisch für das Zusammenleben. Aber einfach nur einen Song zu machen, der „Fuck Donald Trump“ heißt, wäre, auch wenn diese Worte unsere Haltung absolut wiedergeben, nichts Neues gewesen und außerdem zu offensichtlich.

„Du darfst alles machen – außer zu langweilen“

Was halten eure Kinder eigentlich von dem eher provokanten Albumtitel „Father of all Motherfuckers“?

Billie Joe: Meine sind doch schon groß (lacht). Joey ist 24 und Jakob 21, beide sind selbst Musiker. Auch meine Frau Adrienne ist Künstlerin, die sieht das locker. Mehr noch: Alle wissen, dass du mutig sein und auch mal absichtlich anecken musst. Du darfst alles machen – außer zu langweilen. Dieser Titel packt die Leute am Kragen.  

Mike Dirnt: Meine Kinder schockt überhaupt nichts mehr. Außer Einhörnern. Bei Einhörnern flippen sie aus (lacht). Warum? Keine Ahnung. Allerdings gestand mir mein Sohn, der in die fünfte Klasse geht, kürzlich, dass sein Lehrer wohl etwas irritiert gewesen sei wegen des Titels. Mal vorsichtig formuliert. Als ich meinen Jungen neulich von der Schule abholte, guckte mich der Lehrer total böse an, so als wollte er sagen: „Da ist ja dieser miese Punk-Arsch.“

Das Album als kurz und knackig zu bezeichnen, käme fast einer Untertreibung gleich.

Mike: Es dauert 26 Minuten, um genau zu sein. Aber mit denen haben wir uns sehr viel Arbeit gemacht. Wir haben eine für Punkbands voll krasse Angewohnheit: Wir proben. Muss wohl damit zu tun haben, dass wir alle in Arbeiterklassefamilien groß geworden sind. Wir üben tatsächlich an vier bis sechs Tagen pro Woche, wenn wir nicht auf Tour sind. Überhaupt: Unser Studio gibt uns Struktur. Wir sind einfach gern an diesem Ort, wo wir kreativ sein oder auch einfach nur zusammen rumhängen können.

Viele der Songs hören sich sehr ungestüm an. Fühlt ihr euch so jung, wie ihr klingt?

Billie Joe: Ich singe auf der Platte manchmal extra hoch, das ist quasi ein umgekehrter Stimmbruch, wahrscheinlich findest du die Stücke deshalb so jugendlich. Wir hatten Bock, ein bisschen zu experimentieren. Und ja, ich fühle mich wunderbar. Wenn ich Musik mache, bin ich immer noch der 17-Jährige von damals, der im Punk-Club Gilman Street in Oakland seine ersten Shows gespielt hat.

„Ich spüre jedes Mal eine irre Euphorie, wenn wir auf der Bühne stehen. Das ist für mich wie eine Droge“

Macht euch die Band glücklich?

Billie Joe: Gott, ja. Es erfüllt mich, Musik mit meinen Freunden zu machen. Ach, es ist noch mehr. Green Day ist eine der größten Bands der Welt, verdammt, ich spüre jedes Mal eine irre Euphorie, wenn wir auf der Bühne stehen. Das ist für mich wie eine Droge.

Die gesündeste Droge, die es gibt?

Billie Joe (zögert): Man darf nicht blauäugig sein. Für manche Menschen kann die Bühne ein gefährlicher Ort sein. Und früher oder später musst du von diesem High auch wieder runterkommen.

„Die Jugend war ein konstanter Kampf“

Es gibt auf eurem Album das hymnische Stück I Was A Teenage Teenager. Wer soll das sein?

Mike: Ich war einer. Und viele Jahre sehr horny. Oft fühle ich mich auch heute noch wie der Teenager von damals.  

Tré: Ich habe nie damit aufgehört, mich so zu fühlen.

Wart ihr glückliche Jugendliche?

Mike: Das würde ich nicht sagen. Mein grundsätzlicher Zustand zu Anfang der Pubertät war eher so eine Unzufriedenheit mit allem. Ich war schrecklich bockig. Und was die Mädchen anging, hey, ich habe das nicht gescheit hinbekommen. Die wollten sich einfach nicht mit mir treffen. Die Jugend war ein konstanter Kampf, ein ständiges Gefühl der Unzulänglichkeit. Ich hatte keine Talente und konnte meine Existenz in keiner vernünftigen Weise irgendwie erhellen oder glorreich gestalten.

Tré: Ich war ein frustrierter, suchender, manchmal auch glücklicher Teenager. Wir alle drei waren die Außenseiter, die Freaks, ein bisschen die Verrückten. Und ganz gleich, wie alt du bist – dieses Teenagergehirn bildet sich nie ganz zurück. Pete Townshend ist Mitte 70 und schreibt bis heute Hymnen über den verlorenen jungen Mann, der er einst war. Und der immer noch in ihm steckt.

Billie Joe: Ich wollte einen Song darüberschreiben, wie es ist, so als ganz gewöhnlicher Durchschnittstyp aufzuwachsen. Es gibt so viele Extrem-Jugendliche in der amerikanischen Kunst und Pop-Kultur, ob jetzt Werwölfe, Anarchisten oder Vampire. Dabei sind fast alle da draußen in Wirklichkeit stinknormale Jungs und Mädels, viele eher so ein bisschen auf der Loser-Seite.

„Wir haben lustige Sachen gemacht, kleine fiese, aber herzliche Streiche“

Du auch?

Billie Joe: Ja und nein. Ich bin das jüngste von sechs Kindern, meine Eltern entstammen der Arbeiterklasse, ich habe die High School abgebrochen, hatte keinerlei Ambitionen für einen Bürojob und habe am liebsten mit meinen Freunden gekifft. Auf der anderen Seite gibt es Green Day, seit ich 16 bin. Diese Band hält mich in der Balance und macht mich glücklich. Ich wusste immer, dass wir zu Großem berufen sind.

Hast du Ärger gemacht als Teenager?

Billie Joe: Ärger wäre zu hart formuliert. Ich würde sagen: „mischief“. Was heißt das auf Deutsch?

 

Unfug.

Armstrong: Ja, das trifft es. Wir haben lustige Sachen gemacht, kleine fiese, aber herzliche Streiche. Wir waren sicher keine bösen Burschen.

Mike: Als Jugendliche glauben alle immer, dass sie unsterblich sind. Und handeln dementsprechend. Man kann sich einfach nicht vorstellen, alt und vernünftig zu sein. Teenager sind Trottel, aber von Herzen.

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