„Der Song hat keine Botschaft. Botschaften sind was für Nationalstaaten“

Wir fragten Henning May unter anderem, ob sich Musiker politisch positionieren müssen.
Interview von Tasnim Rödder

Henning May.

Foto: Robert Haas / Süddeutsche Zeitung

Vor Kurzem erschien das neue Album „Schlagschatten“ der Kölner Band

AnnenMayKantereit. Mit dem Song „Weiße Wand“ schlägt die Band ungewöhnlich politische Töne an. Spüren mittlerweile auch Musiker den Druck,  sich politisch äußern zu müssen? Frontsänger Henning May im Interview.

jetzt: In „Weiße Wand“ geht es um die Privilegien des Weißseins, des deutschen Reisepasses und die Flüchtlingskrise. Wie kam es zu dem Song?

Henning May: Am Anfang hatte ich nur ein paar Zeilen, den Refrain und eine grobe Richtung im Kopf. Wir sind als Band zusammen in die USA gefahren, um Urlaub zu machen. Unser Bassist Malte und ich haben dann in der Wüste zusammen Musik gemacht und es kam dazu, dass ich einen Fetzen des Textes über eine seiner Basslinien gesungen habe. Diese Skizze war unsere Grundlage. So richtig fertig geschrieben habe ich das Lied

mit Fabien Döll und Felix Römer. Das sind zwei Freunde von mir die ich sehr schätze, besonders wenn es darum geht, bei ein paar Bier ein bisschen zu texten.

Das klingt nicht nach politischer Agenda. Aber trotzdem klingt „Weiße Wand“  politischer als eure vorherigen Songs. Was ist seine Botschaft?

Der Song hat keine Botschaft. Botschaften sind was für Nationalstaaten. Belehren wollen wir nicht und es gibt auch keine eindeutige Message, die ich in einem Satz zusammenfassen könnte. Ich glaube, ich mag die Lyrics, weil ich den Zeigefinger auf mich selbst richte. Auf meine Privilegien und meine Sicht auf das, was um mich herum passiert. Und unter anderem natürlich auch, wie ich den Rechtsruck wahrnehme.

War es eine bewusste Entscheidung, einen politischen Song mit ins neue Album zu nehmen?

„Weiße Wand“ ist kein Song auf Nachfrage. Wir haben das Lied bewusst auf das Album genommen, weil wir es für eins der besten Lieder halten, die wir in den letzten zwölf Monaten geschrieben haben. Nicht, um da einen Haken hinter „Politik“ setzen zu können. Aber wir engagieren uns ja schon lange auf immer wieder unterschiedliche Art und Weise. Das kann unser Live-Album aus Berlin sein, dessen Erlöse gespendet wurden. Oder ein

Jungs-Kuss auf einer Bühne als Zeichen gegen Homophobie. Wir haben uns auch deutlich für die Seenotrettung an europäischen Außengrenzen ausgesprochen. Und das ist lange nicht alles. Wir machen einfach unser Ding und engagieren uns auch abseits von Bühnen. In gewisser Weise sind wir dabei manchmal aber auch einfach Privatpersonen und möchten unser Engagement dann auch privat halten.

Würdest du sagen, dass du mehr Einfluss auf junge Menschen hast als zum Beispiel der JuSo-Vorsitzende Kevin Kühnert? Immerhin hat AMK 16 Mal so viele Follower auf Facebook.

Wir haben vielleicht in den sozialen Medien mehr Reichweite als ein JuSo-Vorsitzender. Aber deswegen haben wir doch nicht mehr Einfluss. Wir sind vielleicht im Alltag von allen, die uns gerne hören, etwas präsenter. Aber den Einfluss auf Menschen von Follower- Zahlen abzuleiten halte ich für gefährlich.

Denkst du nicht, es ist auch ein Stück weit eure Verantwortung, eure Fans auf Probleme aufmerksam zu machen?

Musik ist doch auch ein bisschen Flucht, oder? Es wäre sehr schade, wenn alle Musiker und Musikerinnen ihrem Publikum die Möglichkeit kaputt machen, dem Alltag und der Welt um sie herum zu entfliehen, weil sie zwischen jedem Lied Waffenexporte, Atomenergie und Sexismus thematisieren. Ich versuch‘s mal mit einem Vergleich. Ein Lied über eine

Fernbeziehung hat drei Quadratmeter. Ein Lied über die Zukunft von Europa hat eher 1000 Quadratmeter. Solche riesigen Themen in einem dreiminütigen Lied zu behandeln, finde ich schwierig. Man sollte sich angemessen differenziert und auch ausführlich mit den 1000-Quadratmeter-Themen auseinandersetzen. Das ist meine Meinung dazu. Auch das Lied „Weiße Wand“ hat für mich nur wenige Quadratmeter. Es ist ja aus meiner Perspektive geschrieben und ich schaue unzufrieden in den Spiegel anstatt vorwurfsvoll den Zeigefinger auf jemanden zu richten.

Spürst du einen Druck, politisch wirksam zu werden oder siehst du deine Aufgabe allein im Entertainment?

Erstaunlicherweise fragen die meisten nach politischen Liedern, anstatt mich einfach mal zu fragen: „Was ist für dich Toxic-Masculinity?“ oder „Bist du eher Europäer oder eher Deutscher?“ Ich weiß nicht, woher das kommt, diese ständige Frage nach politischen Liedern. Woran liegt das? Abgesehen davon, bin ich kein Entertainer. Thomas Gottschalk

ist ein Entertainer. Ich schreibe Texte und bin Musiker.

Was glaubst du denn, woran das liegt?

Wenn ich den Grund wüsste, würde ich etwas daran ändern.

Weitere Interviews: