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Foto: Screenshot youtube / Jennifer Rostock

Klar, das Video zu „Hengstin“ ist großartig verstörend. Das Wort „Hengstin“ alleine macht schon Kopfknoten. Und dann ist da Jennifer Weist, schwertätowierte Frontsängerin der Band Jennifer Rostock. Manchmal ist sie nackt, manchmal bounct sie ziemlich cool und am Ende ist sie ein Zentaur, also eine Mischung aus Pferd und Frau – Hengstin eben. Dazwischen tanzt eine Art Autonomen-Ballett, es treten mehrere mehr oder minder berühmte Frauen mit coolen Jobs auf – und das alles zu ziemlich grandiosen Beats und diesem Songtext:  

„Es ist seit Hunderten von Jahren dieselbe Leier / dasselbe Lied, zu dem die Chauvis gerne feiern. Sie besaufen sich am Testosteron, bis sie reihern / ich seh‘ so viele Männer - und so wenig Eier.

Erzähl mir nicht, dass das Thema kalter Kaffee ist / man muss nicht alles schwarz anmalen, um zu erkennen was Sache ist. Wir leben in 'nem Herrenwitz, der nicht zum Lachen ist / doch wenn man ihn nur gut erzählt, merkt keine Sau, wie flach er ist.“  

Bislang war es immer recht einfach, Jennifer Rostock doof zu finden. Die Sängerin Jennifer Weist zu prollig, zu oft nackt, die Message zu einfach und anbiedernd. Alles Dinge, die über die Band geschrieben werden, seit sie 2008 beim Bundesvision Song Contest richtig bekannt wurde. Dinge, die Menschen auch jetzt bereits unter das Video kommentieren, das dieses Wochenende mit großer Sicherheit über jeden Facebook-Kanal krachen wird. Aber, wenn man jetzt einfach mal einen Schritt zurücktritt, muss man zugeben: Dieses Video lässt einen nicht kalt. Egal, ob es einen verstört, nervt oder eine Gänsehaut auslöst, auf jeden Fall rührt sich etwas in einem. Und das ist mehr als deutsche Popmusik sonst tut.

Und es zeigt, wie wenig wir politische, deutschsprachige Musik noch gewöhnt sind, insbesondere von Frauen. Wie selten sie überhaupt zu uns durchdringt. Denn natürlich gibt es in Deutschland politische Songwriter und Songwriterinnen. Aber schaut man mal darauf, was sich derzeit verkauft, ist das ziemlich deprimierend. Auf Platz eins der Albumcharts ist derzeit Tim Bendzko. Dessen Songs klingen alle so, als würde er sie seiner Freundin vortragen. Es geht um Gefühle, hauptsächlich Liebe. Dass er dabei so glatt klingt wie Politiker der großen Koalition haben wir ja kürzlich erst nachgewiesen. Ansonsten: „Stoff und Schnaps“ von Lil‘ Kleine und Ronny Flex. „Bonfire“ von Felix Jaehn (den übrigens der Jennifer-Rostock-Keyboarder geschrieben hat), der Quatsch-Song „Holz“ von den 257ers, der Rap-Song „Ohne mein Team“ von Bonez MC & RAF Camora. Alles hedonistische Songs übers Jungsein. Übers Feiern, nicht an morgen denken, Geld verdienen. Wenn es zu so viel Text überhaupt zwischen all den Nananananas reicht.

Das ist nicht nur eine Momentaufnahme. Die Zeiten sind politisch aufgeheizt wie lange nicht mehr. Aber wenn man mal genauer darüber nachdenkt, fallen einem eigentlich nur KIZ, Feine Sahne Fischfilet, vielleicht noch die Antilopen-Gang ein, die sich politisch geäußert haben. Früher vielleicht noch MIA, die haben sich zumindest für Ökostrom eingesetzt. Ansonsten? Alles voller Bouranis, Bendzkos, Nenas und Silbermonds. Als Jennifer Rostock vor einigen Wochen den satirischen "AfD-Wahlsong" rausbrachten, hielten das viele noch für einen Ausrutscher. Der neue Song "Hengstin" zeigt, dass die Band tatsächlich mehr zu sagen hat und sich das auch traut. Jetzt müssen wir nur noch wieder lernen, damit umzugehen. 

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