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„Die ersten Hits trafen uns unvorbereitet, wir sind krass ausgeflippt“

MGMT haben uns erzählt, wie es sich anfühlt, sich endlich selbst zu finden.
Interview von Steffen Rüth
  • mgmt brad elterman dpa 2 cover
    Foto: Brad Elterman

Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser sind jetzt beide 35 Jahre alt, doch wirklich erwachsen wirken sie glücklicherweise weder persönlich noch musikalisch. An den Nachwirkungen der drei Zufallsmegahits „Kids“, „Electric Feel“  und „Time To Pretend“ vom 2007 veröffentlichten Debütalbum „Oracular Spectacular“ hatte das Duo, das sich 2002 beim gemeinsamen Studium eher aus Ulk auf der Bühne wiederfand, ja bekanntlich lange zu knabbern. Doch jetzt, nach zwei schwer zugänglichen, LSD-haften Platten zwischendurch, sind sie auf „Little Dark Age“ endlich mit sich im Reinen. Manche künstlerische Referenz auf der Platte schnallt zwar immer noch kein Mensch, aber das Album als solches macht ziemlich gute Laune. Wir trafen Ben Goldwasser zum Interview in Köln.

jetzt: Ben, aus dir und Andrew wird man mal wieder nicht schlau. Viele eurer neuen Songs, zum Beispiel „She Works Out Too Much“ oder „Little Dark Age“ hören sich absolut fröhlich an, doch sind die Texte teilweise ziemlich zynisch und ernst. Wollt ihr die Hörer mal wieder schön verwirren?

Ben Goldwasser: Tabletten schmecken einfach besser, wenn du ihnen ein Bonbonaroma verpasst. „Little Dark Age“ spielt zum einen auf persönliche schwere Zeiten an, die wohl jeder von uns schon einmal durchlebt hat. Wir alle fühlen uns manchmal mies, down und fertig, auch Andrew und ich. Zum anderen ist der Titel auch eine Referenz an all das Übel, das in der Welt gerade vor sich geht. Trotzdem und genau deshalb: Obwohl es „Little Dark Age“ heißt, ist das hier ein optimistisches Album.

Leben wir denn wirklich in einem dunklen Zeitalter?

Wer würde das ernsthaft bestreiten? Da draußen schwirren viele grässliche Gefühle herum, insbesondere in unserem Land. Aber es gibt auch sehr viel Positives und Menschen, die zum Wohle aller denken und kluge Dinge tun, Initiativen wie den „Women’s March“ anstoßen, sich einmischen und wirklich etwas bewegen. Wir halten es für sehr wichtig, dass sich die Menschen nicht unterkriegen lassen. Und deshalb fühlt es sich gut und richtig an, in dieser Phase Musik zu machen.

Eure neue Platte heitert einen echt auf. Von wem handelt etwa „She Works Out Too Much“?

Ach, von einem Mädchen halt. Sie will supergesund leben und jede Faser ihres Körpers optimieren. Er findet das lächerlich und möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Das ist ein Song, der in unsere Zeit passt. Die einen drehen durch und übertreiben alles, die anderen werden zynisch und wehren alles ab. Die Sozialen Medien und all diese idiotischen Apps zum Schritte zählen verstärken diesen Trend ja noch.

„Wir gelten da draußen als die komischen Vögel, die ihre Popkarriere sabotierten, weil sie ihnen auf den Sack ging“

Ein anderer neuer Songs heißt „TSLAMP“, was „Time spent looking at my phone“ bedeutet. Sind Soziale Medien für euch ein großes Elend?

  • Sie sind weder Elend noch Segen. Sie sind einfach da. Wir wollen die nicht abschaffen oder sagen: „Wie schön das damals war, als die Telefone noch eine Scheibe hatten“. Wir wischen ja selbst sehr viel an unseren Handys herum. Wir bekennen uns schuldig (lacht).

Ihr beide geltet ja sowieso eher als Nerds, die den ganzen Tag vor ihren Laptops hocken und an Songs tüfteln.

Ja, ja, aber wir sind nicht gegen Sport. Sport ist gesund. Auch wir müssen in Form bleiben.

Welchen Sport machst du?

Pilates. Das ist wunderbar für meinen Körper. Ich mache das seit einigen Jahren und kann mich super strecken, bin viel beweglicher geworden.

Ihr habt vor zehn Jahren ein Debütalbum voller Hits gemacht und anschließend zwei eher schräge, psychedelische Platten, die nicht so erfolgreich waren. Wie sehr habt ihr euch denn diesmal zwischen den Polen „Coole Musik, die keiner kapiert“ und „Hits“ gestreckt?

Das waren für uns nie wirklich Gegensätze. Wir gelten da draußen als die komischen Vögel, die ihre Popkarriere sabotierten, weil sie ihnen auf den Sack ging. Die ersten Hits trafen uns einfach unvorbereitet, wir sind krass ausgeflippt, haben das alles ein bisschen zu sehr genossen und sind wieder auf dem Boden gelandet. Aber nicht hart. Wir stehen zu sämtlichen Alben, die wir rausgebracht haben und sind froh darüber, dass wir nie versucht haben, die ersten Hits zu imitieren. Es gibt ja eh keine Formel für Erfolg, und wenn es sie gäbe, fänden wir es langweilig, sie anzuwenden.

Wo steht ihr denn jetzt, ein Jahrzehnt nach eurem Debütalbum „Oracular Spectacular“?

Wir sind wieder bei dem guten alten Gefühl angekommen, das wir hatten, als wir mit der Band anfingen. Diesem Gefühl von Unschuld und reinem Spaß. Wir haben es endlich geschafft, die Vergangenheit zu verarbeiten und mit Mitte Dreißig zu uns selbst zu finden.

 

Wie habt ihr die Unschuld zurückbekommen?

Ich glaube, das ist von selbst passiert. Wir sind von Natur aus keine Menschen, die es geil finden, viel Aufmerksamkeit hervorzurufen. Aber das ist halt passiert, und wir brauchten eine Weile, um zu verstehen, was da geschehen ist, um nicht mehr durchzudrehen und insgesamt wieder in ein Gleichgewicht zu kommen. Daher war jetzt auch mal eine Pause nötig gewesen.

 

Hattet ihr euch für „Little Dark Age“ vorab irgendwas vorgenommen?

Ja. Die Songs mussten im Mittelpunkt stehen. Und man sollte dazu tanzen können.

 

„Wir sind jetzt, zumindest teilweise, ein Fernbeziehungskreativpaar“

 

Am tanztauglichsten klingt „Me and Michael“. Wer ist Michael?

Eine Kunstfigur. Ursprünglich hieß der Song „Me and my Girl“, das fanden wir aber zu öde und änderten den Titel. Eine tiefere Bedeutung hat das Stück nicht, es soll einfach Freude verbreiten.

 

Der Song klingt ganz schön nach den Achtzigern. Absicht?

Voll. Wir lieben die Achtziger, wir haben uns immer schon inspirieren lassen von der Musik aus der Zeit, von den Filmen, von allem. Diese Einflüsse wollen wir auch nicht verstecken, trotzdem machen wir keine aufgewärmte Retro-Musik. Das hört sich schon alles auch nach Heute an.

 

Während Andrew unverändert in New York lebt, bist du nach Los Angeles gezogen und wohnst jetzt mit deiner Verlobten zusammen. Wie hat der Ortswechsel dich und eure Musik beeinflusst?

Wir sind jetzt, zumindest teilweise, ein Fernbeziehungskreativpaar, das ist cool. Dadurch, dass wir uns nicht mehr ständig auf der Pelle hocken, kriegen wir mehr auf die Reihe und können konzentrierter arbeiten. Und für mich persönlich war es an der Zeit für einen Umzug. Ich war New York irgendwie überdrüssig geworden. In Los Angeles gibt es so viel mehr Natur, bei uns in der Straße trifft man Coyoten, einmal ist ein Adler in unserem Garten gelandet.

 

Was tut man, wenn man einen Coyoten trifft?

Man schlägt Krach, dann haut er ab. Coyoten beißen eigentlich nicht, aber sie wühlen dir im Müll herum und sind eher nervig.

 

Woher kam dein New-York-Überdruss?

Das Leben dort ist sehr anstrengend, die Stadt hat mir die Energie ausgesaugt. Ich merkte, wie ich immer ungeduldiger wurde, die New Yorker sind ja ständig in Eile. Gemächlichkeit kennen die überhaupt nicht. Aber immer nur alles so schnell wie möglich zu erledigen, ist nicht gesund. Ich wollte an einem Ort leben, an dem das Tempo niedriger ist.

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