"Bei intellektuellen Gruppen funktioniert das weniger gut"

Screenshot: Youtube, Medimeister Mainz

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Zu den Medimeisterschaften, dem jährlichen Festival von Medizinstudenten an deutschen Unis, setzten sich Mainzer Studenten für einige Stunden zusammen, um ihren Beitrag zu erarbeiten. Entstanden ist „Medicopter Mainz17“ – ein Song, der inzwischen die Spotify-Liste der viralen Hits in Deutschland anführt, in Clubs und auf Festivals gespielt und gefeiert wird. Aber was macht den Song eigentlich so besonders?

Dr. Hendrik Neubauer ist Musikwissenschaftler an der Musikakademie der Stadt Kassel und hat sich unter anderem mit den Erfolgsfaktoren humorvoller Musik beschäftigt. Er erklärt, wie das Lied zum Hit werden konnte.  

jetzt: Herr Neubauer, Sie sind Musikwissenschaftler und müssen es wissen: Was gibt „Medicopter Mainz17“ musikalisch her?

Dr. Hendrik Neubauer: Musikalisch ist das Lied relativ banal und entspricht dem Pop-Klischee vollkommen. Es hat keine raffinierte Melodie, die Dynamik ist nicht vorhanden, nur an einer Stelle wird es etwas interessanter, wenn die Geschwindigkeit ein wenig variiert. Ansonsten fällt auf, dass die Produktion wenig aufwändig war: Am Anfang hören wir eine akkustische Gitarre, die sicher live eingespielt wurde. Danach wird viel mit elektronischen Elementen gearbeitet, die sicher aus dem gebastelt wurden, was ein Laptop so hergibt. Das Ganze scheint also, eine normale Homeproduktion zu sein. Rein auditiv ist es aber trotzdem ein Partykracher: Er ist auto-, radio-, aber auch clubtauglich. Wahrscheinlich aber vor allem deshalb, weil Text und Video interessant sind.  

Liegt es nicht immer vor allem an Text und Video, wenn ein Hit als humorvoll empfunden wird?

Heutzutage können wir tatsächlich kaum mehr über reine Musik lachen – was ich sehr schade finde. Früher haben sich Komponisten noch musikalisch gegenseitig aufs Korn genommen. Heute haben nur noch wenige, wie etwa Hans Liberg, einen Zugang zu humorvoller textfreier Musik. Humor wird jetzt fast ausschließlich mit Mimik, Gestik und Worten verbunden.

Wie entsteht denn dann bei Medicopter Mainz17 der Eindruck, dass das Lied lustig sei?

Das hängt besonders vom Wortwitz des Textes ab, der ja sehr individuell zu sein scheint. Junge Menschen lachen einfach gerne über Späße wie „ich intu-Bier“, wenn das ein Medizinstudent singt. Und was noch wichtiger ist: Die Bewegungsabläufe im Video bergen nicht nur eine Menge sexueller Anspielungen, sondern sind auch synchron und kongruent zu Text und Musik – wovon wissenschaftlich erwiesen ist, dass wir es schön finden. Der Mensch empfindet Gleichzeitigkeit grundsätzlich als ästhetisch.

Warum finden vor allem junge Leute Gefallen daran?

Das Lied spricht sie auf verschiedenen Ebenen an: Das beginnt schon einmal damit, dass es von Medizinstudenten produziert wurde, also quasi von Menschen, die viel mit den Hörern gemeinsam haben. Musikalisch passt er außerdem vor allem auf Parties, und damit in die jugendliche Lebenswelt. Sicher läuft er auch auf Festivals gut. Denn das ist ja das Konzept von Popmusik: Dass der Hörer sie auf gewisse Weise mitgestaltet - zum Beispiel durch das Tanzen dazu. Das Video gibt jungen Leute nun sogar eine richtige Anleitung, wie sie das bei diesem Lied am Besten umsetzen. Wenn sich alle danach richten, entsteht dann auch ein intensives Gruppenzugehörigkeitsgefühl. Bei rein intellektuellen Gruppen funktioniert das meistens weniger gut. Kopfmenschen lassen sich weniger leicht dazu hinreißen, etwas zu tun, was vorgemacht wird.

Zum Schluss, unter uns: was halten Sie selbst von diesem Song? Gefällt er Ihnen?

Als Musikwissenschaftler gebe ich ungern subjektive Bewertungen ab. Allerdings muss ich sagen, dass das Lied musikalisch keine Überraschungen bietet und man leider nicht staunen kann. Das macht es schwer, es interessant zu finden. Dafür erkenne ich aber durchaus an, dass der Text einen gewissen Wortwitz hat, der sich auch mit einem netten Videoclip ergänzt.

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