LSD Titelbild
Foto: Stephan Schuh

Abgesehen von vereinzelten Eigenpressungen erschien 1991 das erste, offiziell über ein Label veröffentlichte, Rap-Album aus Deutschland: LSD "Watch Out For The Third Rail", das  heute noch Kultstatus besitzt. Ein Vierteljahrhundert später sprechen Rick Ski, Ko Lute und Defcon über die erste deutsche Rap-Generation, Außenseitertum und Prügeleien.

jetzt: Die Texte auf "Watch Out For The Third Rail" sind Englisch. Deutschsprachiger Rap war Anfang der 90er Jahre noch kein Thema?

Ko Lute: Englisch zu rappen erschien damals völlig normal. Die englische Sprache war integraler Bestandteil des musikalisch-textlichen Stils, für den man sich begeisterte. Selbst heute noch werden in deutschen Raptexten häufiger als in anderen Musikgenres Anglizismen verwendet. Alleine schon weil bestimmte Hip Hop-Begriffe im Deutschen keine Entsprechung haben.

Seht ihr euer Album mit dem Abstand von 25 Jahren in der deutschen Hip-Hop-Historie ausreichend gewürdigt?

Rick Ski: Innerhalb der Szene absolut. In den Medien ist leider das Gegenteil der Fall, was wohl am übermäßigen Fokus auf deutschsprachigem Rap liegt. Wegweisenden Gruppen wie Bionic Force oder No Remorze geht es diesbezüglich sehr ähnlich. Respekt an alle, die damals Pionierarbeit geleistet haben – doch es ist einfach ein Fakt, dass unser Album vor den Fanta 4 oder Advanced Chemistry erschien. Wenn dann über die Anfänge von Rap in Deutschland berichtet wird, ohne LSD zu erwähnen, hat das einen faden Beigeschmack.

"Wir wurden von Gleichaltrigen in unserem Dorf angefeindet und sind sogar mal in Prügeleien geraten."

Dann blicken wir zurück: Wie seid ihr Anfang der Achtziger überhaupt mit Hip Hop in Berührung gekommen?

Rick Ski: Hauptsächlich durchs Fernsehen. Dort liefen immer mal wieder Sendungen über New York, die sozialen Brennpunkte und die kulturelle Szene dort. Mich persönlich hat insbesondere die Dokumentation »Breakout - Tanz aus dem Ghetto« fasziniert. Die wurde vom deutschen Fernsehen produziert und 1983 auf zahlreichen dritten Programmen ausgestrahlt. Außerdem war »Wild Style«, der erste erfolgreiche Film über Hip Hop- und Grafitti-Kultur, ja eine deutsche Co-Produktion, die im ZDF gezeigt wurde, noch bevor die Amerikaner selbst den Streifen zu sehen bekamen.

Was war das damals für ein Gefühl, in Deutschland Rap zu machen?

Ko Lute: Für mich war es ein Befreiungsschlag und hat meinem Drang, Ideen umzusetzen ein Ventil gegeben. So hatte ich die Gelegenheit, mich durch eine eigene Veröffentlichung in die Gruppe von Künstlern einreihen zu können, deren Werke mich mitrissen.

Rick Ski: Das Ganze war im Europa der frühen 80er Jahre noch so neu und die Quellen so eingeschränkt, dass wir uns das Know-How hart erarbeiten mussten. Das gab einem das euphorische Gefühl, viele DJ- und Produktionstechniken „neu erfunden“ zu haben. Anders ging das damals auch gar nicht, insbesondere weil wir in unserem Dorf in der Eifel bis zum 18. Lebensjahr, mangels Führerschein und Auto, weitgehend abgeschottet waren ...

... und als Paradiesvögel gegolten habt, oder?

Rick Ski: Der Otto-Normalverbraucher verstand Hip Hop mit Abklingen der Breakdance-Welle 1985, als reine Modeerscheinung. Wir hatten uns damit allerdings hundertprozentig identifiziert und dafür die Außenseiterrolle in Kauf genommen. Wir wurden von Gleichaltrigen in unserem Dorf angefeindet und sind sogar mal in Prügeleien geraten. Die Tatsache, dass uns die Vereinsmeierei im Ort egal war und wir mit Herzblut Musik machten, welche die anderen Jugendlichen nicht verstanden, sahen viele offenbar als persönlichen Angriff.

Was eure Eltern sicherlich nicht so toll fanden.

Rick Ski: Unsere Eltern haben uns immer unterstützt, auch wenn sie das Ding damals weder verstanden noch eine Job-Karriere darin gesehen haben. Das ging so weit, dass viele namhafte Leute aus der Hip-Hop-Szene nach Studiosessions regelmäßig in unserem Elternhaus übernachten konnten.

Ko Lute: Bei mir war es ganz ähnlich. Dazu mag beigetragen haben, dass für mich feststand, einen „anständigen“ Beruf zu ergreifen. Alleine schon, um Unabhängig zu bleiben und bei der Musik keine kommerziellen Kompromisse eingehen zu müssen.

LSD hat für uns ein kurzes Mix aus ihrem Klassiker-Album gebastelt. Hier kannst du reinhören:

Als ihr angefangen habt, gab es weder Internet, noch ein deutsches Hip Hop-Magazin, Radio- oder TV-Formate darüber. Was waren eure Infoquellen?

Defcon: Wichtigstes „Informationsmedium“ waren für mich Plattenläden. Man ging hin, um zu sehen, was Neues an der Wand hing, und hat dann auf gut Glück mitgenommen, was interessant aussah und das Taschengeld hergab. Ab den späten Achtzigern gab`s die Englische Hip Hop Connection, die hatte ich abonniert. Auf dem britischen Alliiertensender BFBS lief John Peel und später Tim Westwoods Capital Rap Show. Die Sendung wurde jeden Freitag auf Kassette aufgenommen und nach guten Songs durchforstet.

Ko Lute: Ab und zu erfuhr man auch was in den Hip Hop-Rubriken deutscher Musikzeitschriften wie Network Press oder Spex.

Rick Ski: Es kursierten Radiomitschnitte von Rapshows aus New York, die immer weiter kopiert wurden und Gold wert waren. Wichtig waren auch englische Dancemusic-Magazine.

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So sah es aus, das Cover des ersten in Deutschland veröffentlichten Rap-Albums.

Albumcover
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Bad Boys aus der Eiffel. 

Foto: Stephan Schuh
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25 Jahre später sehen LSD so aus. 

Foto: Fred Urbanke

Mit dem Ergebnis, dass ihr auf Eurem Album mehr Samples verwendet habt als Public Enemy. Woher hattet ihr, mit gerade Anfang 20, bereits eine derart gut sortierte Sound-Bibliothek?

Rick Ski: Tatsächlich wollten wir alle Hip Hop Gruppen weltweit in Sachen Sampling und Komplexität toppen. Als das Album erschien, hatten wir bereits circa sieben Jahre intensives Plattendiggen hinter uns. Angefangen mit der Sammlung unserer Eltern über zahllose Flohmärkte, Plattenbörsen, Second-Hand Läden bis hin zu häufigen Busfahrten nach London. Dort wurden wir immer fündig.

Defcon: Für mich gab es keine Tabus, was Samplequellen angeht. Meine ungebremste Neugierde, gepaart mit Hartnäckigkeit konnte ich damit voll ausleben. Ich hatte bildlich gesehen immer einen Finger am Aufnahmeknopf egal ob TV, Radio, bei Freunden, verschmockten Rockertypen aus der Eifel oder in muffigen Second-Hand-Kellern.

 

Was macht ihr heute, nach eurer Rapkarriere beruflich?

Ko Lute: Ganz im Sinne des Consciousness Rap habe ich Rechtswissenschaften studiert und bin nach einigen Jahren als Anwalt in die Verwaltung gegangen.

Rick Ski: Hip-Hop ist immer noch tief in mir verankert. Ich habe das Glück, mein Wissen über Hip Hop und meine Kontakte in die Szene direkt oder indirekt beruflich nutzen zu können. In Köln betreibe ich eine Audioproduktionsfirma mit Tonstudio und arbeite u.a. viel fürs Fernsehen. Außerdem bin ich als Fachjournalist für DJ- und Studiotechnik tätig. Dabei kommen viele Aufträge über alte Hip-Hop-Kontakte zustande und ich kann mein Wissen über die Musik und Kultur einfließen lassen.

Dann bist du quasi gemeinsam mit Hip Hop erwachsen geworden?

Rick Ski: Ist Hip-Hop heute wirklich erwachsen? Ich hoffe nicht, denn das würde seinen Tod bedeuten. Eine lebendige Musikkultur braucht eine kindliche und leicht naive Entdecker-Energie. Dennoch bin ich überhaupt kein Anhänger der Idee, dass es sich bei Hip-Hop um eine Jungendkultur handeln soll. Die Ursprünge liegen in den frühen siebziger Jahren. Die Pioniere sind mittlerweile Ende Fünfzig, Anfang Sechzig Jahre alt und wären demnach aufgrund ihres Alters nicht mehr Teil der Bewegung, obwohl sie diese geschaffen haben. Hip-Hop ist für alle da. Unabhängig von Alter, Herkunft oder Geschlecht.

 

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