„Die Corona-Krise ist ein Übungsfeld, um herauszufinden, wo wir uns beschränken können”

Historikerin Luise Tremel erklärt, was jede*r von uns jetzt für das Klima tun kann.
Interview von Berit Dießelkämper

Foto: Jens Gyarmaty, FUTURZWEI

Eigentlich waren wir gerade dabei, für das Klima mit umweltschädlichem Verhalten aufzuhören, aber jetzt – Corona made us do it – lassen wir uns wieder alles Mögliche in Plastik einpacken, per Post schicken oder in To-go-Becher füllen. Luise Tremel, 37, ist Historikerin und hat zu Transformationsprozessen und Prozessen des Aufhörens geforscht. Sie hat untersucht, wie große gesellschaftliche Umwälzungen ablaufen und was man aus ihnen für den Umgang mit der Klimakrise lernen kann. Im Interview hat Luise Tremel erklärt, was die Pandemie für die Klimakrise bedeutet, warum es so viel einfacher war, in der Corona-Krise die Notbremse zu ziehen und was jede*r von uns jetzt noch für das Klima tun kann.

jetzt: Was können wir aus der Corona-Krise für die Klimakrise lernen? Luise Tremel: Die Corona-Krise ist gewissermaßen ein freiwilliges Aufhören. Wir haben als Gesellschaft entschieden, wir hören erst einmal auf, so zu leben wie bisher, um das Problem zu bewältigen. Für die Klimakrise müsste etwas Ähnliches auch passieren. Nur waren wir bisher nie bereit, uns aus einem Gefühl der Verantwortung für das Klima so sehr zu beschränken. 

„Das ist eine interessante Chance, die da gerade aufgetaucht ist”

Warum ist das so?

Es gibt verschiedene Erklärungen: Eine ist, dass wir alle vom Coronavirus direkt betroffen sind und deshalb ein konkreteres Gefühl der Bedrohung haben. Eine andere Erklärung ist, dass das Coronavirus ein Gegenwartsproblem ist und kein Zukunftsproblem wie die Klimakrise. So funktioniert unsere Politik und unsere Diskurse. Wir beschäftigen uns viel eher mit der Gegenwart als mit der Zukunft.

Einige würden aber auch sagen, die Regeln haben wir uns nicht freiwillig gegeben, sie wurden uns eher auferlegt …

Mit freiwillig meine ich, dass wir als Demokratie angesichts einer äußeren Bedrohung darauf vertrauen, dass unsere Politiker*innen für uns entscheiden. An den Zustimmungsraten für die Maßnahmen sehen wir, dass wir diesen Weg als Gemeinwesen im Großen und Ganzen mitgehen. Aufhören ist etwas, das man nicht alleine machen kann. Es braucht eine Politik, die Regeln setzt, und Bürger*innen, die bereit sind, das als Wähler*innen und als Konsument*innen zu unterstützen. Das ist eine interessante Chance, die da gerade aufgetaucht ist.

Eine Chance?

Ja, die Corona-Krise zeigt, was alles möglich ist. Sie ist auch ein Übungsfeld, um herauszufinden, wo wir uns beschränken können und wo nicht. Wir merken, dass es okay ist, mal weniger einzukaufen oder weniger zu fliegen. Diese Erfahrung können wir auch für eine ökologische Veränderung nutzen.

„Die ökologische Veränderung braucht unbedingt lebendige Wirtschaftsräume”

Wir bemerken gerade aber auch, dass wir Dinge, die wir uns eigentlich abgewöhnt hatten, plötzlich wieder machen. Dürfen wir uns mit dem Wissen, das wir haben, jetzt überhaupt noch alles einpacken und schicken und in Plastikbehälter füllen lassen?

Wir müssen die Maßstäbe da selbst setzen. Wir müssen bereit sein, in die richtige Richtung zu gehen und zwischen dem, was wir grundsätzlich unterstützen wollen und dem, was wegen der Corona-Pandemie jetzt notwendig ist, unterscheiden. Beispielsweise könnte man das Online-Shopping bei einem Laden in der Nachbarschaft machen, um eine nachhaltige Wirtschaftsstruktur und faire Produktion zu unterstützen – auch wenn das vielleicht teurer ist als Amazon. Und wenn dann eine Plastikverpackung drum herum ist, muss man das wegen Corona eben in Kauf nehmen.

Wir stehen kurz vor einer Rezession, vielleicht sind wir schon mittendrin. Wir sollen konsumieren, um die Wirtschaft „am Laufen zu halten“ und wissen aber gleichzeitig auch, dass permanentes Wachstum die Klimakrise verschärft. Hilfe!

Es ist ja nicht so, dass alle Wirtschaft schlecht ist. Die ökologische Veränderung braucht unbedingt lebendige Wirtschaftsräume. Das heißt, es ist absolut richtig, jetzt zu kaufen. Es muss aber darum gehen, eine Art von Wirtschaft zu unterstützen, die nicht auf gigantisches Wirtschaftswachstum und Ausbeutung von Menschen und Natur gepolt ist. So wie die Welt funktioniert, werden mit den staatlichen Geldern nämlich die großen, schädlichen Industrien intensiver gerettet werden – auch, weil die Zahl der Arbeitsplätze und die öffentliche Aufmerksamkeit sehr viel größer sind.

„Im Moment habe ich den Eindruck, die Politik will nicht”

Für die Wirtschaft weiter konsumieren zu wollen, klingt für andere wie Hohn, weil sie ihre Jobs verloren haben oder selbst von den wirtschaftlichen Einbrüchen betroffen sind. Stellt sich die soziale Frage gerade noch einmal neu?

Ja, und das ist auch gut so! Unter anderem, weil wir sie für eine erfolgreiche ökologische Transformation auch brauchen. Uns wird als Gesellschaft gerade bewusst, wie privilegiert viele Gruppen sind, obwohl sie im neueren Sinne nicht systemrelevant sind und wie belastet dafür andere Gruppen sind. Wir müssen jetzt diskutieren, was uns wie viel wert ist, was gerecht ist und wie man diese Privilegien nutzen kann, um etwas Gutes zu unterstützen. Ich halte es daher für falsch, zu sagen: „Die anderen sind gerade arbeitslos oder in Kurzarbeit und können die Wirtschaft nicht unterstützen, also verzichte ich auch.“ Das führt dazu, dass dann niemand mehr bei den guten Unternehmen kauft und wirklich alles zusammenbricht.

Wenn zum Beispiel deutsche Autokonzerne Kurzarbeitergeld für ihre Mitarbeiter beantragen – also Staatshilfen – und gleichzeitig Hunderte Millionen Euro Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten – fragt man sich schon, ob Politik und Gesellschaft überhaupt in der Lage sind, bei Konzernen ein Umdenken zu erzwingen?

Im Moment habe ich den Eindruck, die Politik will nicht und entzieht sich dadurch selbst die Fähigkeit, zu einem Umdenken beizutragen. Es war total erwartbar, dass die Autokonzerne mit Arbeitsplatzverlusten drohen und natürlich sind Arbeitsplätze wichtig, aber darauf muss eine transformative Politik kreativere und weitsichtigere Antworten haben, als Abwrackprämien auszuteilen oder Dividenden zu subventionieren. 

Wohin kann uns die Corona-Krise im besten und im schlimmsten Fall führen?

Die Corona-Krise kann entweder dazu führen, dass die Wirtschaft unter Druck gesetzt wird, grün zu werden, oder aber, dass die Leute überhaupt keine Lust mehr haben, irgendetwas zu verändern, weil sich eh schon so viel geändert hat. Was davon passiert, lässt sich noch nicht absehen. Aber in Momenten, in denen sich Gesellschaften neu organisieren, gibt es meistens mehr Möglichkeiten, Themen in den politischen Prozess einzubringen, als in „normalen“ Phasen. Wenn Aktivist*innen diese Zeit jetzt nutzen und in der Logik der Krise argumentieren, dann können sie – können wir – mit ein bisschen Glück eine ökologische Veränderung voranbringen.

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