Youtuber unterbrechen ihre Videos mit Botschaft gegen weibliche Genitalverstümmelung

Sind Youtube-Stars dafür wirklich das richtige Medium?
Von Melanie Wolfmeier

Ein Rauschen, ein Flimmern. Ein Schnitt, mitten durch Scola Dondos Youtube-Video, in dem sie gerade ihre Follower mit der Preisgabe privater Tinder-Nachrichten unterhält. Anstatt zu erfahren, wie die 20-jährige Youtuberin auf eine Anmache reagiert, kommt bei 4:58 Minuten plötzlich ein Fremd-Content, eine Video-Botschaft, gesprochen von einem jungen, afroamerikanischen Mädchen: "Hey, dieser Schnitt ist vermutlich irritierend. Aber manche Schnitte zerstören das Leben. Hilf kenianischen Mädchen, FGM zu entgehen."

FGM – das steht für "female genital mutilation", also: weibliche Genitalverstümmelung. Youtuber wie Scola Dondos unterstützen mit dem kurzen Video-Einschub die englische, gemeinnützige Organisation ActionAid. Mit der Aktion #BrutalCut wollen sie Aufmerksamkeit auf die nach wie vor existierende, grausame Tradition der Verstümmelung von Frauen lenken.

Youtube. Eine dieser Seiten, auf der Selbstdarsteller, Lidstrich-Königinnen und stolze Katzenbesitzer um Klicks batteln. Ein Social Media Kanal, der die Möglichkeit bietet, zu manipulieren, Leuten Sachen anzudrehen, die sie nicht brauchen, nur weil ihr Youtube-Star gerade die Regale eines Drogeriemarktes leer geräumt hat – und man diese Produkte als echter Fan natürlich auch braucht.

Videos von Youtube-Stars also. Die nun neben der Selbstbeweihräucherung auch Platz für den Kampf für Menschenrechte bieten wollen? Es klingt seltsam, verkehrt irgendwie. Denn hauptsächlich bauen diese Videos doch eine virtuelle Welt auf und sperren die Realität aus. Sie wollen in erster Linie unterhalten, auf angenehme, vielleicht manchmal auch skurrile, schwarzhumorige und fragwürdige Art und Weise. Die digitale Welt jedoch mit der analogen zu crashen – das ist eher nicht das Ziel von Youtubern und der altarmäßigen Plattform, auf der sie sich selbst feiern.

Und doch, gerade weil sie dort so abgehen und zelebriert werden – ist es nicht da der logischste Schluss, über die Unterhaltungsschiene den Tunnelblick der Abonennten zu weiten?

Laut Unicef gibt es mindestens 200 Millionen Frauen und Mädchen auf der Welt, die eine Genitalverstümmelung durchmachen mussten. Der gewalttätige Eingriff wird bereits bei jungen Mädchen durchgeführt, oft nur Wochen bevor sie verheiratet werden – wenn es überhaupt soweit kommt. Denn oftmals überleben sie die Beschneidung gar nicht. In 30 Ländern wird diese Tradition praktiziert und fortgeführt. Und obwohl 2012 noch ein Rückgang vermeldet worden war, hat Unicef dieses Jahr einen erneuten Anstieg festgestellt. Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Guinea und Dschibuti gehören zu den Ländern, die am häufigsten mit Rasierklingen Frauen Schnitte zufügen, die zu deren Tod oder zu lebenslangen Blutungen und Infektionen führen. An erster Stelle steht Somalia: 98 Prozent der weiblichen Bevölkerung werden dort beschnitten.

Scola Dondo hat 221.384 Abonennten. Und ja – wenn auch nur ein Zehntel ihrer Follower den Aufruf von ActionAid in ihrem unterhaltungslastigen Tinder-Date-Video mitbekommt, dann ist die Frage, ob die Kooperation mit Youtubern vertretbar ist, vollkommen überflüssig.

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