Am 9. September wird in Schweden ein neues Parlament gewählt und die 15-jährige Greta Thunberg findet, dass im Wahlkampf und in den Wahlprogrammen der Parteien ein Thema viel zu kurz kommt: das Klima. Darum geht sie derzeit nicht in die Schule, wo sie eigentlich die 9. Klasse besucht, sondern sitzt seit knapp zwei Wochen täglich vor dem Parlamentsgebäude und streikt. Mit einem Schild auf dem „Schulstreik für das Klima“ steht, mit Flyern, die sie verteilt, und immer öfter auch mit Unterstützern.

Greta will ihren Protest bis zur Wahl durchziehen, in der Hoffnung, so zu erreichen, dass die Klimapolitik im schwedischen Parlament in Zukunft eine größere Rolle spielt. Für das Thema interessiert sie sich schon lange. Der taz sagte sie, dass sie in der Grundschule erstmals vom Klimawandel gehört habe, mit zwölf habe sie sich dann entschlossen, kein Fleisch mehr zu essen und nie zu fliegen. Im vergangenen Schuljahr hätten sie in einer Gruppe diskutiert, wie man mehr Aufmerksamkeit für das Thema erreichen könnte – und so kam Greta auf die Idee mit dem Streik.

Ende August wurde ein ins Englische übersetzter Text von Greta in den sozialen Netzwerken gefeiert und geteilt. Darin wirft sie den Politiker ihres Landes vor, zu lügen und den Klimawandel zu ignorieren. „Das erste Mal, als ich vom Klimawandel hörte, dachte ich: Das kann nicht stimmen, es kann nicht sein, dass es etwas gibt, das ernsthaft unsere Existenz bedroht“, schreibt sie. „Denn wenn es so wäre, würden wir doch über nichts anderes sprechen. Wenn du den Fernseher einschaltest, würde es nur um dieses Thema gehen. In Schlagzeilen, dem Radio, Zeitungen. Du würdest von nichts anderem lesen oder hören. Als würde ein Weltkrieg toben. Aber in Wirklichkeit sagte niemand etwas…“

Der Text trägt den anklagenden Titel: „Schweden ist kein Vorbild“. Als solches wird das skandinavische Land nämlich eigentlich weltweit gehandelt: Im aktuellen Klimaschutz-Index von „Germanwatch“, in dem seit 2006 jährlich die 56 größten Treibhausgas-Emittenten anhand der Menge der Emissionen, dem Energieverbrauch, dem Ausbau der erneuerbaren Energien und den Klimaschutzpläne verglichen werden, belegt Schweden Platz 4 (und damit eigentlich Platz 1, weil die ersten drei Plätze nie vergeben werden – als Symbol dafür, dass kein Land genug Klimaschutz betreibt). Damit gilt Schweden unter den Ländern der Welt, die am meisten CO2 ausstoßen, als das sauberste – und am meisten darum bemüht, die Bilanz weiter zu verbessern. In diesem Jahr trat zudem ein neues Gesetz in Kraft, mit dem Schweden sich verpflichtet, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu sein.

Doch Greta findet, dass das zu wenig und zu spät ist. Schweden sei kein grünes Paradies, sondern habe eine der schlechtesten CO2-Bilanzen der Welt, sagte sie dem Guardian. In der weltweiten Rangliste der Länder nach CO2-Ausstoß belegt Schweden Platz 67 von 210. Gretas Protest schließt zudem an einen Sommer an, der den Schweden die Folgen des Klimawandel besonders deutlich vor Augen geführt hat: Nachdem es wochenlang nicht geregnet hatte, gab es im heißesten Juli seit mindestens 260 Jahren mehr als 70 Waldbrände, die nur schwer unter Kontrolle gebracht werden konnten.

Bei ihrem Streik hat Greta ihre Schulbücher immer bei sich, um lernen zu können. „Aber ich denke mir auch: Was verpasse ich schon?“, sagte sie dem Guardian. „Was lerne ich in der Schule? Fakten haben keine Bedeutung mehr, Politiker hören Forschern nicht zu, warum also sollte ich lernen?“ Dass man für echten Aktivismus bisweilen etwas überspitzte Aussagen treffen muss, hat Greta anscheinend schon verinnerlicht – auch, wenn sie nach ihrem Streik vermutlich wieder zur Schule gehen und weiterlernen wird.

Greta ist mit ihrem Protest nicht lange alleine geblieben. Mittlerweile haben viele Medien über sie berichtet, in den sozialen Netzwerken zeigen Menschen sich beeindruckt und sprechen ihr Mut zu und von Anfang an haben sich immer wieder weitere Streikende zu ihr gesellt, Erwachsene wie Schüler. Und ihre Lehrer sagen zwar, dass sie zurück in den Unterricht kommen soll – aber persönlich unterstützen ebenfalls viele von ihnen sie. Gretas Eltern betonen, dass sie schulpflichtig sei, aber sie sind auch stolz auf ihre Tochter. Ihre Mutter, eine bekannte Opernsängerin, hat wegen Gretas Aktivismus sogar ihre internationale Karriere beendet – denn Fliegen ist nunmal besonders schlecht fürs Klima. Und ihr Vater sagt, er respektiere, dass sie Widerstand leisten wolle. „Sie kann entweder zu Hause sitzen und sehr unglücklich sein, oder protestieren und glücklich sein“, zitiert ihn der Guardian.

Dass vor allem junge Menschen sich für eine effektivere Klimapolitik einsetzen, ist logisch: Es geht hier um ihre Zukunft. Um eine Zeit, in der alle, die heute die politischen Entscheidungen treffen, längst tot sein werden. Beim „Zero Hour March“, einer Demonstration Ende Juli in Washington, weiteren US-Städten, Sao Paolo und London, haben die jungen Demonstranten genau dieses Problem mit Plakaten und ihren Stimmen auf die Straßen getragen. Und auch Greta verliert dazu in ihrem Text deutliche Worte: „Wenn ich 100 werden sollte, werde ich im Jahr 2103 noch leben. Wenn ihr heute über ,die Zukunft‘ nachdenkt, denkt ihr nicht weiter als bis ins Jahr 2050. Ich werde dann, im besten Falle, noch nicht einmal die Hälfte meines Lebens hinter mir haben. [...] Was ihr jetzt tut oder nicht tut, wird mein ganzes Leben beeinflussen, und das meiner Kinder und Enkel. Vielleicht werden sie fragen, warum ihr nichts getan habt und warum die, die es wussten, etwas hätten sagen können, aber geschwiegen haben.“

nasch

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