„Gut integrierte“ Kinder sind nicht mehr wert als „schlecht integrierte“

In Österreich wurden zwei Mädchen abgeschoben, die als „gut integriert“ galten. Doch ist das wirklich wichtig, um Empörung darüber zu empfinden?
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Vergangene Nacht wurden in Österreich zwei Wiener Schülerinnen mit ihren Familien nach Georgien und Armenien abgeschoben. Eine der beiden ist die 12-jährige Tina, ihre Abschiebung hat im Netz für besonders viel Entsetzen gesorgt. Tinas Eltern kommen aus Georgien, doch sie selbst ist in Wien geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie sei „bestens integriert“, betonen Politiker*innen und Journalist*innen, sie spreche gut Deutsch, ihre Eltern seien berufstätig. Fast schon mantraartig wird die „gelungene Integration“ dieses Mädchens hervorgehoben, als hätte ihre Abschiebung dadurch noch mehr Mitgefühl, noch mehr Empörung verdient, als die von anderen Kindern. Allein deswegen, weil sie als in Wien geborene Schülerin – surprise, surprise – gut Deutsch spricht.

Das Entsetzen über die Abschiebung von Tina ist richtig – es sollte aber an keine Bedingungen geknüpft werden. Ihre Abschiebung ist nicht deshalb ein Skandal, weil Tina gut Deutsch spricht oder ihre Eltern arbeiten, sondern, weil Tinas Heimat Österreich ist. Hier ist sie geboren, aufgewachsen, hier geht sie zur Schule, hier sind ihre Freund*innen, ihr Leben. Das wäre übrigens auch so, wenn sie schlecht Deutsch sprechen würde und ihre Eltern arbeitslos wären.

Kein Kind sollte sich sein Recht auf ein sicheres, unbeschwertes Leben „erarbeiten“ müssen

Weder sie, noch irgendein anderes Kind auf dieser Welt, sollte sich sein Recht auf ein sicheres, unbeschwertes Leben „erarbeiten“ müssen. Weder sie, noch irgendein anderes Kind sollte nachts aus dem Schlaf gerissen und in ein fremdes Land abgeschoben werden. Das hat niemand verdient. Nein, auch nicht die „schlecht Integrierten“, die nicht gut Deutsch sprechen. Wer also die „gelungene Integration“ als Argument gegen derartige Abschiebungen anführt, spielt einer diskriminierenden Erzählung in die Hände. Eine, die uns vermittelt, dass es „gute“ und „schlechte“ Migrantenkinder gibt. Solche, die eine unbeschwerte Kindheit mehr verdienen als andere, nur, weil sie es schaffen, den Erwartungen gerecht zu werden, die die Mehrheitsgesellschaft an sie stellt. 

Dass die Abschiebung „rechtens“ ist und Tinas Eltern sie in den vergangenen Jahren schon mehrere Male verhindert haben sollen, ist im Übrigen auch kein Argument. Menschen wirklich glaubhaft vorzuwerfen, dass sie alles dafür tun, um in wirtschaftlich und demokratisch stabileren Verhältnissen zu leben, kann nur, wer selbst anders handeln würde. Würdest du? Es ist ignorant, sich über das Verhalten geflüchteter Menschen zu echauffieren, während man selbst das große Glück hat, zufällig im „richtigen“ Land geboren worden zu sein.

Und selbst wenn das einzige Argument wirklich jenes sein sollte, dass die Abschiebung „rechtens“ ist, sollten wir vielleicht überprüfen, ob unsere Definition von „rechtens“ überhaupt richtig ist. Wenn sie nämlich bedeutet, dass Kinder nach zwölf Jahren in ihrer Heimat ganz legal aus ihrem Alltag gerissen, traumatisiert und in die Ungewissheit abgeschoben werden können, dann ist sie das schlicht nicht.  

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