„Einige sagten, ich hätte nichts verloren auf dem Posten“

In Altenstadt war ein NPD-Politiker Ortsvorsteher. Nun wurde er abgesetzt, die 23-jährige Tatjana Cyrulnikov löst ihn ab.
Interview von Sophie Aschenbrenner

Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Als Anfang September ein NPD-Politiker zum Ortsvorsteher der Waldsiedlung in Altenstadt (Hessen) gewählt wurde, war Tatjana Cyrulnikov entsetzt. Denn auch sie ist Teil des Beirats, der Stefan Jagsch (NPD) einstimmig wählte. Die 23-Jährige fehlte an diesem Abend entschuldigt – und schrieb kurz danach auf Facebook: „Diese Wahl werde ich nicht akzeptieren.“

Der NPD-Kandidat Stefan Jagsch, 33, wurde mit den Stimmen von CDU, SPD und FDP einstimmig gewählt, angeblich, weil es keinen Gegenkandidaten gab. Es folgte ein bundesweiter Aufschrei. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak bezeichnete die Wahl als „Schande“, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagte, die Wahl sei „unfassbar und mit nichts zu rechtfertigen“. Am Dienstag wurde Stefan Jagsch nun abgewählt – und durch Tatjana Cyrulnikov ersetzt. Die Studentin ist Mitglied des Ortsbeirates und Vorsitzende der Jungen Union im Wetteraukreis, in dem die Gemeinde Altenstadt liegt. 

jetzt: Tatjana, deine Wahl ist Ergebnis eines politischen Skandals. Wie konnte es zuvor passieren, dass ein NPD-Politiker zum Ortsvorsteher gewählt wurde?

Tatjana Cyrulnikov: Als Stefan Jagsch gewählt wurde, haben vielleicht nicht alle richtig über die Konsequenzen nachgedacht. Wir sind keine Berufspolitiker. Als ihnen bewusst wurde, was passiert war, waren viele direkt schockiert. Niemand von uns unterstützt die politischen Ansichten der NPD. 

Du warst bei der Wahl aus persönlichen Gründen nicht dabei. Was hast du gedacht, als du vom Ergebnis gehört hast? 

Ich war geschockt und wollte es erst nicht glauben. Stefan Jagsch und seine Partei vertreten Werte, die zum großen Teil verfassungsfeindlich sind. Aber auch in einer Demokratie passieren Fehler, und ich bin sehr froh, dass wir diesen Fehler jetzt auf rechtlich korrektem Weg korrigieren konnten. 

„Einige sagten, ich hätte nichts verloren auf dem Posten der Ortsvorsteherin“

Dein Parteikollege Norbert Szielasko hat die Wahl Jagschs damit begründet, dass dieser einen Computer bedienen und Mails verschicken könne. Das klingt absurd. 

Das stimmt. Aber sagen wir so: Herr Szielasko ist in seinem hohen Alter nicht sehr technikaffin. Tatsächlich können die meisten von uns Mails verschicken.

Eine andere Erklärung für die Wahl von Jagsch war auch, dass es einfach zu wenige junge Menschen gebe, die sich in der Kommunalpolitik engagieren. Warum machst du das eben doch?

Es stimmt, dass ein Ehrenamt Kraft und viel freie Zeit kostet. Aber ich finde es wichtig, Verantwortung zu übernehmen, deshalb bin ich der Jungen Union und später auch der CDU beigetreten. Wenn Menschen sich immer nur beschweren, aber sich nicht einsetzen, dann verstehe ich das nicht. Mein Ziel ist es, mehr Menschen für das politische Ehrenamt zu begeistern, vor allem junge Menschen. Das ist so wichtig. Wir suchen händeringend Freiwillige.   

Nach der Wahl konzentrierte sich die Aufmerksamkeit schnell auf dich als Person. Wie hast du die vergangenen Wochen erlebt? 

Das war eine anstrengende und aufregende Situation für mich. Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, vor allem aus der eigenen Partei und der Jungen Union. Es gab aber auch Menschen, die sich über mein Alter aufgeregt haben und sagten, ich sei noch viel zu jung. Einige sagten, ich hätte nichts verloren auf dem Posten der Ortsvorsteherin. 

Was entgegnest du diesen Menschen? 

Ich finde das absurd. Wir leben alle in einer Gesellschaft zusammen. Wieso sollte ich keine gute Ortsvorsteherin sein, nur weil ich erst 23 bin? 

„Nicht alle waren begeistert davon, dass ich gewählt wurde“

Bist du von Seiten der NPD direkt angefeindet worden? 

Nein, zum Glück nicht. Bei der Wahl selbst gab es aber schon Tumulte, nicht alle waren begeistert davon, dass ich gewählt wurde. Eine Frau aus dem Publikum sprach von „Wahlmanipulation“. Aber ich habe dann entgegnet, dass es eben ein politisches Umdenken gegeben hat. 

Wie hast du den Wahlabend erlebt? Es waren hunderte Zuschauer*innen und Journalist*innen da. 

Natürlich war der Druck groß. Aber ich habe mich gefreut, dass so viele Menschen da waren und sich dafür interessiert haben, was passiert ist. 

Offenbar plant Jagsch, gegen die Abwahl zu klagen. Macht dir das Sorgen?

Ich will ihm sein Recht zu Klagen nicht absprechen, aber ich bin mir sicher, dass er damit keinen Erfolg haben wird. Seine Abberufung war korrekt. Für mich persönlich ist das Thema jetzt erst einmal abgeschlossen. Ich will mich auf die inhaltlichen Aufgaben konzentrieren und bin sehr motiviert. 

Was sind die ersten Themen, die du angehen willst? 

Das klingt jetzt sehr klein, aber den Menschen ist es zum Beispiel wichtig, dass die Spielplätze in einem guten Zustand sind und die Rasenflächen im Ort gemäht werden. Daran mangelt es aktuell leider. Diese Dinge sind wichtig, da sie die Bürger direkt betreffen und dazu beitragen, dass sich die Menschen in Altenstadt wohlfühlen. Ich würde auch gerne Schilder am Ortseingang aufstellen, die die Menschen im Ort willkommen heißen. 

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