So funktioniert es mit dem Ehrenamt

Was muss ich tun, wenn ich Gutes tun will?
Von Christina Waechter

Illustration: Julia Schubert

Die gute Nachricht zuerst: Die Zahl der Deutschen, die sich freiwillig engagieren ist in Deutschland hoch. Fast die Hälfte, nämlich 43,6 Prozent, aller in Deutschland wohnenden Menschen arbeitet ehrenamtlich. Das ergab der „Freiwilligen-Survey“, der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend alle fünf Jahre erhoben wird. 

Die Erfahrung, dass Menschen sich engagieren möchten, erlebt auch Renate Volk, Leiterin bei „Tatendrang“, einer Organisation, die Freiwillige in München vermittelt: „Wir haben ganz viele hoch qualifizierte Menschen, die beruflich viel leisten müssen und feststellen, dass sie in ihrem Beruf am Ende des Tages kein Ergebnis sehen. Im Ehrenamt finden sie dagegen einen Sinn, Wertschätzung und vor allem auch ein sichtbares Ergebnis.“ Menschen zwischen 30 und 50 sind die Hauptgruppe derer, die sich bei „Tatendrang“ melden. Die meisten Menschen, die zu Renate Volk und ihren Kolleginnen kommen, wollen als erstes wissen, wo sie gebraucht werden. Volk dreht die Frage dann gerne um und fragt ihre Gesprächspartner, was sie gerne machen, was ihnen Freude macht oder was sie schon immer machen wollten. 

In einem ausführlichen Beratungsgespräch finden die Freiwilligen gemeinsam mit einem Mitarbeiter der Agentur heraus, welche Arbeit für sie die passende ist. Denn nur dann ist gewährleistet, dass die Freiwilligen auch Befriedigung in ihrem Engagement erfahren und dadurch auch längerfristig dabei bleiben. Das bestätigt sich auch im „Freiwilligen-Survey“ des Familienministeriums: Die meisten der Befragten gaben an, dass sie die Tätigkeit ausüben, weil sie ihnen Spaß macht und sie dadurch mit anderen Menschen zusammenkommen und die Gesellschaft mitgestalten können. 

In einem Schnupper-Angebot schauen, ob das Ehrenamt zu einem passt

Mehr als die Hälfte derer, die derzeit kein Ehrenamt ausüben, ist bereit, sich zukünftig zu engagieren – ganz besonders die jungen Menschen mit hoher Bildung. Um dieses Potential nutzen zu können, haben die Mitarbeiter der „Tatendrang“-Agentur begonnen, sich auf die veränderte Arbeits- und Lebenswelt junger Menschen einzurichten: So gibt es Möglichkeiten, sich zeitlich flexibel zu engagieren oder auch nur befristet in den Semesterferien. Viele der Freiwilligen stehen mitten im Leben, gehen noch zur Schule, studieren oder haben gerade in ihrem Job angefangen. In dieser Lebenssituation ist es schwierig, Zeit zu finden, sich ehrenamtlich zu engagieren. Für sie gibt es Schnupper-Angebote, bei denen sie schauen können, ob das Ehrenamt zu ihnen passt. In einer Whatsapp-Gruppe bietet „Tatendrang“ einmalige Engagement-Möglichkeiten an: so gibt es Beispielsweise die Möglichkeit, eine Senioren-Gruppe bei einer Reise zu begleiten oder bei einer Aufräum-Aktion vom Bund Naturschutz mitzumachen. Diese Schnupper-Angebote führen laut Volk häufig dazu, dass die Interessenten sich dauerhaft engagieren: „Ich verstehe durchaus die Angst, sich langfristig zu binden. Aber wenn man festgestellt hat, dass einem die Tätigkeit total Spass macht, merkt man bisweilen, dass es dann eben doch ins Leben reinpasst, beispielsweise alle zwei Wochen Nachhilfe zu geben.“

Damit diese neuartige Form des Engagements funktioniert, schaffen auch immer mehr Einrichtungen Formate, die zum Leben der Freiwilligen passen. Doch Volk gibt zu bedenken, dass die Flexibilität im Ehrenamt auch ihre Grenzen hat: „Im Umweltbereich gibt es immer wieder einmalige Aktionen für Freiwillige. Aber im sozialen Bereich funktioniert das nicht unbedingt. Denn da entsteht eine Beziehung zwischen zwei oder mehreren Menschen und die braucht Verlässlichkeit.“ Wer sich im Seniorenbereich, im Besuchsdienst oder in Schulen engagieren möchte, muss sich zudem an die Strukturen und den Rhythmus in den jeweiligen Institutionen anpassen, sonst funktioniert es nicht. 

Wer schon immer ein Ehrenamt übernehmen wollte, hat kaum mehr Ausreden

Renate Volk plädiert dafür, dass Interessenten sich allerdings nicht von irgendwelchen Bildern im Kopf abschrecken lassen sollte, sondern sich überraschen lassen, was es alles gibt. Denn jenseits dieser klassischen Bereiche gibt es immer häufiger kleine Projekte, die sehr individuell gestaltet sind und flexiblere Strukturen haben. Bei dieser Fülle das passende Angebot zu finden, ist gar nicht so einfach, weshalb sich ein Besuch bei einer Vermittlungs-Agentur empfiehlt. „Tatendrang“ arbeitet in München mit mehr als 400 Anbietern zusammen, vermittelt pro Jahr ungefähr 1000 Freiwillige und die Mitarbeiter sind auch da, wenn es mal nicht so rund läuft. Agenturen wie „Tatendrang“ gibt es in den meisten großen Städten Deutschlands.

Wer schon immer ein Ehrenamt übernehmen wollte, hat also kaum mehr Ausreden. Denn es braucht nicht viel: nur den Willen, sich einigermaßen regelmäßig Zeit zu nehmen. Ansonsten fehlt im Zweifel nur noch eines: Wenn man mit Minderjährigen oder Senioren arbeiten will, muss man normalerweise ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Das kann man für 13 Euro ganz einfach online beantragen. Und dann kann's auch schon losgehen.