AOC zeigt auf Twitch, wie Politik auf Augenhöhe geht

Die US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez hat live „Among Us“ gezockt und dabei etwas erreicht, was vor ihr niemand geschafft hat.
Kommentar von Raphael Weiss
alexandria ocasio cortez twitch cover

Alexandria Ocasio-Cortez schleicht durch enge, dunkle Gänge. Zusammen mit ihrem Komplizen verfolgt sie die andere Person. In einem unbeobachteten Moment ergreift AOC, wie sie genannt wird, die Chance und schneidet ihren Gegner entzwei. Ihre Augen leuchten, sie reißt den Mund auf, so als könnte sie selbst nicht glauben, was sie gerade getan hat. Halb lachend, halb geschockt von sich selbst schaut sie durch die Kamera in die Gesichter von rund 400 000 Zuschauer*innen.

Die New Yorker Kongressabgeordnete der Demokraten hat sich am vergangenen Dienstag als eine der ersten international bekannten Politiker*innen getraut, live zu streamen, wie sie ein Spiel zockt. Dreieinhalb Stunden lang traf sie sich in ihrem ersten Twitch-Livestream mit anderen Politker*innen wie Ilhan Omar, aber vor allem mit professionnellen Gamer*innen und Youtuber*innen, um sich in Gestalt kleiner Comic-Figuren gegenseitig umzubringen. Das dabei gezockte Among Us ist ein Online-Spiel, nach dessen Grundprinzip schon Generationen von Teenagern und Erwachsenen gespielt haben. Manche nennen es Werwolf, andere Vampir; der Ablauf ist immer der gleiche: Mehrere Personen werden als Mörder*innen ausgewählt, die in der Dunkelheit (ob digital erschaffen oder durch verschlossene Augen) andere Mitspieler*innen umbringen und dann versuchen, nicht als Schuldige entlarvt zu werden. Gerade auf Youtube und Twitch ist Among Us das wohl derzeit beliebteste Spiel.

Auch Donald Trump ist auf Twitch

Mit diesem Move begibt sich AOC mal wieder direkt in die Lebensrealität von jungen Leuten. Und wieder einmal funktioniert das sehr gut. Während des Streams schauten live mehr als 400 000 Menschen zu, nach Ende des Streams kamen bislang noch einmal über vier Millionen dazu. Ganz nebenbei platzierte AOC immer wieder ihre Message – den eigentlichen Grund, warum sie diesen Stream gestartet hatte: „Get out and vote“. Bei der Verbreitung ihrer Botschaft half ihr zum einen, dass in diesem Spiel regelmäßig darüber abgestimmt wird, wer wohl der Mörder sein könnte – was sie immer wieder für Anspielungen auf die US-Wahl am 3. November nutzte. Aber vor allem half ihr, dass sie sich überhaupt getraut hat, die Plattform als das zu akzeptieren, was sie ist: Hier filmen sich junge Menschen beim zocken und reden dabei mit der Community und den anderen Gamer*innen. Es ist eine Welt, die nicht unbedingt die von AOC ist, aber sie zeigte Interesse an dieser Welt, kommunizierte offen, dass sie sich nicht allzu gut auskennt, machte Fehler, bat um Hilfe – und gerade das machte sie sympathisch. 

AOC ist bei weitem nicht die erste Politikerin, die einen Twitch-Account hat. Aber die erste, die ihn wirklich sinnvoll nutzt. Donald Trump hat seinen 2019 gegründet. Beziehungsweise er wurde für ihn gegründet. Ob er überhaupt davon weiß, ist fraglich. Selbst eingeloggt hat er sich zumindest nie. Die zahlreichen Videos auf seinem Kanal sind Mitschnitte von TV-Debatten, Interviews und Parteitagen. Die Klicks bewegen sich zwischen 1000 und niedrigen fünfstelligen Aufrufen. Auch mehrere französische Minister*innen veranstalteten im vergangenen Jahr eine Online-Diskussion auf der Plattform, aber wieder ging es ausschließlich um Politik und wieder waren weniger als 10 000 Zuschauer*innen dabei. 

Aus der deutschen Politik nutzt vor allem der Europaparlamentarier Tiemo Wölken (SPD) die Plattform Twitch. Er filmt sich dort tatsächlich regelmäßig beim zocken. Doch anders als bei AOC steht dort auch während des Streams der politische Alltag im Vordergrund. Wölken erzählt von der Sitzungswoche, davon, was Ursula von der Leyen gesagt hat, und spricht über Upload-Filter. Seine Klickzahlen sind häufig in einem ähnlichen Bereich wie die von Donald Trumps Account. 

Immer wieder beklagen Parteien, dass sie junge Menschen nicht erreichen. An fehlendem Interesse an Politik der Unter-30-Jährigen kann das allerdings nicht liegen. Denn die Generation Z ist eine politisch sehr aktive und interessierte Generation. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die jüngere Generation nicht akzeptiert, wenn sie von oben herab behandelt wird. Wenn Politiker*innen sich über ihre Plattformen in ihre Welt hinein drängen wollen, ohne sich auch nur ein bisschen damit auseinandergesetzt zu haben, wie diese Welt tatsächlich aussieht, wie man sich dort verhält und wie man dort authentisch ist.

Begegnungen auf Augenhöhe als Erfolgsrezept

AOC hat einen komplett anderen Ansatz. Sie hat  sich aus ihrer Komfortzone rausbewegt, ist mutig und vor allen Dingen zeigt sie, dass sie die Plattform und die Nutzer*innen respektiert. Sie begegnet ihnen auf Augenhöhe, lernt von ihnen, betont immer wieder, dass sie sehr dankbar sei, dass sie so gut aufgenommen wird und mitmachen darf. Und dieses Prinzip, sich etwas nicht einzuverleiben, nicht nur nach den eigenen Regeln spielen zu wollen, sondern auch die eigene Komfortzone zu verlassen, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, hat Ocasio-Cortez schon mehrfach angewendet, wie beispielsweise bei ihrem Schmink-Tutorial für die Vogue

Selbstverständlich ist AOC eine extrem charismatische, eloquente und intelligente Politikerin und nicht jede*r wird mit diesem Prinzip Erfolg haben können. Doch bei allen gelungenen Publicity-Aktionen der Politikerin war der Schlüssel zum Erfolg: Augenhöhe, Respekt gegenüber dem Publikum. Genau das macht sie greifbar, menschlich und vertrauenswürdig.

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