„Je schneller wir die Regeln befolgen, desto schneller ist es wieder vorbei“

In ganz Frankreich wurde eine Ausgangssperre verhängt. Junge Menschen erzählen, wie sie den Alltag jetzt erleben.
Protokolle von Valérie Müller

Fotos: Privat

Seit Dienstag gilt in ganz Frankreich eine Ausgangssperre, die mindestens 15 Tage lang, also vorerst bis zum 1. April, anhalten soll. Das hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am vergangenen Montagabend in einer TV-Ansprache verkündet. Für die Menschen im ganzen Land bedeutet das, dass sie das Haus nur verlassen dürfen, wenn es unbedingt notwendig ist. Wenn sie weiterhin zur Arbeit gehen müssen zum Beispiel oder um Lebensmittel zu kaufen. Auch zum Arzt oder zur Apotheke dürfen sie weiterhin gehen, Hilfsbedürftigen helfen, Hunde ausführen oder kurz Sport machen. Wer das Haus verlässt, muss nun allerdings immer einen Ausweis und ein entsprechendes Formular mit sich führen und ankreuzen, warum er oder sie draußen ist. Wir haben junge Franzosen und Französinnen gefragt, wie sie mit dieser Situation umgehen, wie ihr Alltag jetzt aussieht und was sie von der Maßnahme halten.

„Ich habe mir tatsächlich ein Formular geschrieben, dass ich draußen bin, um den Müll wegzubringen“

Foto: Privat

Margot Quettelart, 25, Projektmanagerin in Aix-en-Provence

„Ich wohne mit meinem Freund zusammen in der Stadt. Wir haben eine relativ kleine Wohnung und müssen beide von hier aus arbeiten. Deshalb haben wir ein wenig umgebaut: Wir haben einen Sessel rausgeworfen und dafür zwei Tische organisiert. Jetzt sitzen wir Rücken an Rücken, damit wir uns nicht sehen und gegenseitig ablenken können.

Ich fange am Montag einen neuen Job an. Das ist auch irgendwie seltsam. Meine neuen Kollegen lerne ich dann erst mal über den Chat kennen. Vergangenen Montag hab ich extra einen Laptop bekommen, damit ich von zu Hause starten kann. Ich arbeite in einer Art Zeitarbeitsagentur – da jetzt ja aber alles still steht, habe ich allerdings Angst, dass sie nicht genug Arbeit für mich haben und mich noch in meiner Probezeit wieder rausschmeißen. Das können sie theoretisch machen. Und dann hätte ich plötzlich absolut kein Einkommen mehr. Mein Freund ist zudem selbstständig. Wenn er keine Aufträge mehr kriegt, hat er auch kein Einkommen mehr. 

Generell haben wir hier in der Situation aber noch Glück, weil wir einen kleinen Garten haben. Dann kann ich da ein bisschen raus. Aber es ist schon irre. Als ich kürzlich den Müll rausgebracht habe, habe ich mir tatsächlich ein Formular geschrieben, dass ich draußen bin, um den Müll wegzubringen. Aber die Maßnahmen wurden aus guten Gründen verabschiedet. Ich finde das völlig in Ordnung. Ich vermute nur, es wird länger dauern als zwei Wochen. Aber ich denke jetzt lieber Tag für Tag. Ich glaube, je schneller wir die Regeln befolgen, desto schneller ist es wieder vorbei.

Meine Eltern wohnen im Norden, in Lille. Sie arbeiten beide im Krankenhaus, deshalb gehen sie noch jeden Tag normal zur Arbeit. Das macht mir ein große Angst. Sie sind nicht mehr die Jüngsten, mein Vater ist Diabetiker und sie haben direkten Kontakt zu Patienten. Ich mach mir mehr Sorgen um sie, als um uns. Das schwierigste ist jetzt, so weit weg von ihnen zu sein. Bei meiner Oma habe ich vor allem Angst, dass sie noch mehr vereinsamt, wenn das jetzt länger dauert. So komplett ohne Besuch, das wird sie sicher deprimieren. Ein Anruf ersetzt dann auch keinen Besuch. Mit meinen Freunden stehe ich ständig über die Messenger in Kontakt. Heute Abend machen wir alle zusammen einen Skype-Aperitif.“

„Ich würde es nicht riskieren, ohne die Papiere rauszugehen“

Foto: Privat

Grégoire Mwayembe, 29, Filmproduzent in Paris

„Am Tag vor der Ankündigung von Macron wollte ich kurz einkaufen gehen, aber vor jedem Supermarkt waren Schlangen – man musste bis zu zwei Stunden anstehen. Wir hatten noch ein paar Reserven zu Hause, deshalb ging ich wieder nach Hause. Aber als wir gestern einkaufen wollten, war alles leer. Alles weg. Die Menschen drehen komplett durch. Wir wollten eigentlich keine Vorräte kaufen, sondern regelmäßig einkaufen gehen, aber irgendwie herrscht so eine Mischung aus Panik und Ignoranz, dass man nicht so recht weiß, ob man sich darauf verlassen kann.

Wenn wir vor die Tür gehen wollen, müssen wir ab jetzt immer unseren Ausweis und ein Formular mit uns führen, auf dem steht, warum wir uns draußen aufhalten. Ich wurde bis jetzt noch nicht kontrolliert, war aber auch seit Montag nur eine halbe Stunde draußen. Ich weiß aber, dass in anderen Vierteln in Paris sehr viel stärker kontrolliert wird. Ich würde es nicht riskieren, ohne die Papiere rauszugehen, und finde es absolut gerechtfertigt, dass das jetzt so strikt gehandhabt wird. Die Leute müssen das langsam mal ernst nehmen. Ich glaube nämlich, es ist sehr ernst.

Ich wohne mit meiner Freundin zusammen auf 53 Quadratmetern. Wir versuchen uns an ein paar Regeln für das Zusammenleben hier zu halten, damit wir uns nicht allzu sehr auf die Nerven gehen. Wir versuchen zum Beispiel, uns ein bis zwei Stunden pro Tag in verschiedene Räume zurückzuziehen, um ein bisschen Ruhe zu haben. Ich habe vor Kurzem noch auf 30 Quadratmetern im Zentrum von Paris gewohnt und bin gerade sehr froh, dass ich umgezogen bin. Das wäre dort absolut nicht möglich gewesen. Hier habe ich jetzt wenigstens einen Balkon und ein bisschen mehr Platz. Aber das schlimmste ist wirklich die Langeweile. Es ist ein bisschen wie mit kleinen Kindern: Seit man mir verboten hat, rauszugehen, hab ich noch mehr Lust rauszugehen.

Ich habe ein paar Freunde, die in kleinen Ein-Zimmer-Wohnungen wohnen und denen die Decke auf den Kopf fällt. Viele von ihnen sind inzwischen zu ihren Eltern gefahren. Wir haben auch überlegt, aber ich fand, das ist keine gute Idee, sie jetzt zu besuchen in ihrem Alter. Aber ich versteh auch, dass die anderen raus mussten. Wir facetimen viel mit unseren Familien. Meine Mutter ruft mich jeden Tag an, weil sie sich so Sorgen macht. Wir versuchen aber auch, uns nicht zu oft gegenseitig runterzuziehen. Wenn wir uns anrufen und uns nur gegenseitig erzählen, wie schlimm es ist, bringt das ja auch nichts.“

„Es gibt gerade größere Probleme, als sich mit Klopapier zu versorgen“

Foto: Privat

Jeanne Durand, 24, Tagesmutter in Arles

„Ich wohne mit meinem Freund und meiner Tochter auf dem Land – das ist jetzt gerade natürlich ein großer Vorteil. Mein Freund hat einen Bauernhof, um mich herum sind fast nur Felder und ich habe auch einen Garten. So kann ich ein wenig raus, frische Luft schnappen. Das ist ganz gut für die Stimmung aktuell. Denn ich finde es total beängstigend. Ich bin absoluter Hypochonder und verlasse den Hof schon seit einem Monat nicht mehr wirklich, außer für notwendige Besorgungen. Meine Tochter hat Probleme mit dem Herzen, deshalb bin ich da besonders vorsichtig. Die Eltern, auf deren Kinder ich normalerweise aufpasse, haben das verstanden und andere Lösungen gefunden.

Meine Mutter und meine Oma leben im Nachbarort, aber ich habe sie trotzdem seit einem Monat nicht mehr gesehen. Ich rufe sie jeden Tag an. Meiner Oma habe ich selbst nochmal klar gemacht, dass sie auf keinen Fall mehr rausgehen soll. Ich habe einiges für sie eingekauft, damit sie nicht raus muss. Ich habe hier auch einen Gemüsegarten und stelle ihr regelmäßig Gemüse vor die Tür. Oder ich bringe Fleisch von unseren Tieren vorbei. Da haben wir es gerade gut. Ich habe Freunden schon Essen angeboten, aber bisher brauchte es niemand.

Mein Freund muss sich natürlich um die Tiere kümmern. Einige Schafe sind auf entfernteren Feldern, da muss er mit dem Auto hinfahren und wird regelmäßig von der Polizei kontrolliert. Jedes Mal muss er sein Formular zeigen und diskutieren, warum er dort hinfahren muss. Generell finde ich es aber absolut notwendig, dass die Regeln so streng sind. Es ist besser so.

Neuerdings kommen nun auch immer mehr Menschen aus den Städten aufs Land, um hier spazieren zu gehen. Deshalb vermeide ich es mittlerweile, mich außerhalb meines Gartens aufzuhalten. Ich verbringe viel Zeit mit der Gartenarbeit, kümmere mich um den Gemüsegarten, pflanze, gieße und so weiter. Und sonst kümmere ich mich um meine Tochter. Sie langweilt sich allerdings sehr.“

 

„Dann machen wir eine große Party, wenn alles vorbei ist“

Foto: Privat

Antoine Gaffez, 26, Architekt in Aix-en-Provence

„Als Macron die Ausgangssperre verkündet hat, habe ich am nächsten Tag einen Laptop mit den notwendigen Programmen im Büro abgeholt und kann jetzt zum Glück von zu Hause arbeiten. Eigentlich ändert sich für meinen Berufsalltag nicht viel, außer dass ich mir den Weg zur Arbeit spare und für Absprachen mit Kollegen jetzt mehr telefoniere als sonst. Mit meiner Freundin muss ich mich jetzt eben so organisieren, dass wir beide hier arbeiten können. Wir wohnen zusammen und sie arbeitet auch von zu Hause. Aber ich denke, das kriegen wir schon hin. Wir haben ja auch keine Wahl. 

Meine größte Sorge im Moment ist, ob ich weiter arbeiten kann. Die Baustellen wurden alle still gelegt und neue Bauprojekte gibt es im Moment auch nicht. Ich arbeite selbstständig – im Moment für eine Agentur, aber wenn die mich nicht mehr brauchen, habe ich keinen Plan B. Dann kommt kein Geld mehr rein. Der Staat hat zwar Hilfen angekündigt, aber damit hab ich mich noch nicht auseinandergesetzt. Das wird ja gerade erst aufgebaut. 

Ich bin aber generell eher Optimist. Ich glaube, irgendwie werden wir das schon hinkriegen. Wir müssen uns eben ein bisschen umstellen, aber wir werden uns dran gewöhnen. Das ist jetzt eine Zeit, in der wir viel über uns nachdenken und Sachen tun können, für die wir sonst vielleicht nie Zeit gehabt hätten. Ich denke, wir können auch viel lernen daraus.

In eine Bar zu gehen und mit Freunden abzuhängen, das wird mir schon fehlen. Aber ich glaube mit dem Internet sind wir alle ganz gut in Kontakt. Dann machen wir eben eine große Party, wenn alles vorbei ist.“

 

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