„Ich habe das Gefühl nur noch ein Spielball der US-Politik zu sein“

Die US-Regierung droht, ausländische Studierende auszuweisen, wenn die Uni-Kurse ab Herbst komplett online stattfinden.
Protokolle von Julia Dagg und Franziska Setare Koohestani
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Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Harvard, Berkeley, Columbia, Princeton oder Yale: Auf der ganzen Welt träumen Studierende davon, an einer der amerikanischen Top-Universitäten zu lernen. Doch die Zukunft derer, die diesen Traum verwirklicht haben, ist derzeit ungewiss: Ausländische Studierende in den USA sollen das Land verlassen, sofern deren Universitäten ab Herbst ein reines Online-Programm fahren. Das erklärte die US-amerikanische Einwanderungspolizei ICE (Immigrations and customs enforcement) diese Woche.

Wie auch in Deutschland haben in den USA viele Universitäten die Kurse pandemie-bedingt ins Internet verlegt. Präsident Donald Trump hat sich bereits öffentlich dafür ausgesprochen, Schulen und Universitäten bald wieder zu öffnen. Dabei liegen die Infektionszahlen in den USA in Rekordhöhe: Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität gab es allein am vergangenen Dienstag mehr als 60 000 Neuinfektionen. Die Zahl der insgesamt bekannten Corona-Fälle hat mittlerweile die Drei-Millionen-Marke überschritten.

Die ICE-Erklärung könnte jedoch den Druck auf die Universitäten erhöhen, die Präsenzlehre wieder einzuführen. Gestern haben die Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) deshalb Klage gegen das Heimatschutzministerium und ICE eingereicht. Sie wollen, dass Studierende trotz Online-Kursen in den USA bleiben dürfen. Denn ausländische Studierende finanzieren die Universitäten schließlich mit.

Jährlich beginnen mehr als eine Million ausländische Studierende ein Studium in den USA  – darunter auch viele Deutsche. Die Zahlen sind jedoch seit der Amtszeit von Präsident Trump zurückgegangen. Wir haben mit drei deutschen Studierenden an US-amerikanischen Elite-Universitäten über die drohende Ausweisung gesprochen:

„Sobald ich einmal ausreise, kann ich auf unbestimmte Zeit nicht mehr einreisen”

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Foto: privat

Maximilian Klein, 27, macht seinen Master in Public Policy an der Harvard University:

„Ich bin schon Mitte Mai, kurz nach Ende des Semesters, zurück nach Deutschland geflogen. Damals ging die Unsicherheit für mich los. Denn mir war klar: Sobald ich einmal ausreise, kann ich auf unbestimmte Zeit nicht wieder einreisen. Die Grenzen waren ja geschlossen. Bevor ich nach Deutschland geflogen bin, habe ich deshalb all meine Sachen in der Wohnung in den USA in Kisten gepackt, damit meine Mitbewohner mir die im Notfall schicken können. 

Schon vor der Verordnung des ICE haben wir von Harvard aus die Möglichkeit bekommen, unser Studium für ein halbes oder ganzes Jahr auszusetzen. Ich war bis zuletzt unsicher, ob ich das wirklich tun sollte. Letztendlich hat mir die neue Regelung die Entscheidung aber abgenommen. Die Krise hat mir gezeigt, dass sich alles innerhalb weniger Tage komplett ändern kann. Deshalb werde ich mein Studium erst einmal für ein halbes Jahr pausieren: Ich habe den ganzen Aufwand für den Studienplatz und das Stipendium nicht betrieben, um dann in Deutschland online zu studieren. 

Jetzt habe ich das Gefühl, nur noch ein Spielball der US-Politik zu sein. Meine eigene Lebenssituation ist davon abhängig, ob Grenzen geöffnet werden oder nicht. Und, ob mein Visum noch gültig ist oder nicht. Trump will aber nicht öffnen, solange Europa nicht öffnet  – und andersherum. Wir sind politische Verhandlungsmasse. Die neue Verordnung reiht sich in die fremdenfeindliche Einwanderungspolitik unter Trump ein, die nun auch Studierende aus aller Welt trifft. Das macht mir schon Angst, obwohl ich mit einem deutschen Reisepass und meiner vorzeitigen Rückkehr extrem privilegiert bin. Trotzdem fühle ich mich machtlos, denn ich kann über mein eigenes Leben gerade nicht wirklich bestimmen. Ich sehe das aber natürlich im Kontext, dass es vielen Studierenden aus anderen Ländern viel schlimmer geht als mir. Deshalb finde ich es auch wichtig sich zu solidarisieren und um politische Unterstützung zu werben.“

„Ich habe Angst davor, abgeschoben zu werden“

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Foto: privat

Anca Wilkinger, 30, promoviert in Religionswissenschaft an der Harvard University: 

„Ich habe ein ganzes Leben hier: eine Wohnung, einen Partner, zwei Katzen und einen Freundeskreis. Ich lebe seit vier Jahren hier und habe Angst, das alles von einem Tag auf den anderen aufgeben zu müssen. Deshalb kann ich mich derzeit überhaupt nicht mehr auf meine Forschung konzentrieren. Seit das ICE die Verordnung öffentlich gemacht hat, kann ich kaum schlafen und habe Albträume. Ich habe wirklich Angst davor, abgeschoben zu werden. Ich würde es natürlich nicht darauf ankommen lassen und früher gehen, aber ich könnte von heute auf morgen gezwungen werden.

Zusammen mit anderen Betroffen versuche ich das deshalb zu verhindern. Wir sprechen viel mit Anwälten, geben Interviews und schreiben Stellungnahmen. Die Universität in Harvard hat schon angekündigt, dass sie gegen die neue Verordnung klagen möchte. Es gibt so viele Unklarheiten. Ich weiß nicht, ob ich in Deutschland weiter mein US-Gehalt bekommen würde. Ich könnte aber auf jeden Fall nicht richtig weiterforschen. In Deutschland fehlen mir die Bücher, für meine Arbeit brauche ich die Bibliothek hier vor Ort. Außerdem bin ich in der Phase meiner Promotion, in der ich noch Kurse an der Uni belegen muss. Wegen der Zeitverschiebung müsste ich dann wahrscheinlich mitten in der Nacht im Keller meiner Eltern an den Kursen teilnehmen. 

Es gibt aber auch keinen logischen Grund uns wegzuschicken, weder wirtschaftlich noch gesundheitlich. Die Regierung in den USA will mit diesem Ban die Unis im Land zwingen, wieder aufzumachen. Weil es so viele internationale Studierende an den Unis gibt, vor allem an den Top-Unis, ist das ein starkes Druckmittel. Wir sind kleine Spielsteine der Trump-Administration. Wir internationalen Studierenden, die sehr viel zur amerikanischen Gesellschaft beitragen, werden ausgenutzt für politische Machtspiele.”

„Ich habe das Gefühl, ausländische Studierende werden für den Wahlkampf instrumentalisiert“

Elisa, 25, promoviert zurzeit und lebt in New York:

„Seitdem ich von der ICE-Erklärung gehört habe, bin ich in einer Art Schockstarre. Gerade ist noch vieles unklar: Sowohl die Bedeutung der Formulierungen in der Erklärung, oder ob die Ankündigung tatsächlich umgesetzt wird. Ich hoffe gerade darauf, dass ich bleiben darf, auch wenn die Richtlinien für meine Situation nicht eindeutig sind. Denn meine eigene Uni hat ein Hybridmodell angekündigt, also eine Mischung aus Präsenz- und Online-Programm. Zugute kommt mir vermutlich auch, dass ich mich in einer Phase meiner Promotion befinde, in der ich keine Kurse mehr besuchen muss. Ich muss hauptsächlich an meiner Dissertation arbeiten. Außerdem bin ich derzeit noch in den USA, nicht im Ausland, habe also auch keine Wiedereinreiseprobleme. Andere haben da definitiv weniger Glück. 

Trotzdem: Die Probleme für ausländische Studierende sind schon länger Gesprächsthema in meinem Umfeld. Da waren die sogenannten muslim bans, die Menschen aus bestimmten Ländern die Einreise verboten haben. Seit Covid-19 gab es Einwanderungs- und Reisebeschränkungen, die viele Studierende hart getroffen haben, die ihr Visum erneuern mussten oder gerade im Ausland sind. Außerdem gab es die die executive order, die explizit chinesische Studierende von bestimmten Unis ausweist und keine neuen Visa ausstellt. In meinem Umfeld hat das eine massive Panik ausgelöst. Ich habe das Gefühl, ausländische Studierende werden für den Wahlkampf instrumentalisiert. Die Wiedereröffnung von Schulen und Unis ist ein zurzeit zentrales Thema für die republikanische Politik. Viele Universitäten beziehen maßgebliches Einkommen aus den häufig hohen Studiengebühren ausländischer Studierender. Daher sehe ich die ICE-Erklärung als eindeutiges Druckmittel, um die Universitäten dazu zu bringen, ihren Campus wieder zu öffnen. So interpretiert das die New York Times, und so war es auch in Regierungskreisen selbst zu vernehmen.

Auch wenn ich selbst gerade vorsichtig optimistisch sein kann, kenne ich viele Menschen, denen es anders geht. Manche können aus politischen Gründen gar nicht in ihr Herkunftsland zurück. Vielen wird es hier generell nicht leichtgemacht, sich auf das Studium zu konzentrieren. Man bekommt verhältnismäßig wenig Unterstützung, ist langwierigen und schwierigen Bürokratie-Prozessen ausgesetzt, bekommt teilweise kaum juristischen Rat seitens der Uni. Es gibt wenig reale Hilfestellung.

Da haben wir Deutschen es vergleichsweise besser. Schließlich sind wir mit dem Privileg aufgewachsen, uns über Grenzüberschreitungen nur selten Gedanken machen zu müssen. Deshalb ist das gerade ein Aufwachmoment für mich. Schon seit März muss ich jeden Tag meine Zukunft neu planen. Ich war zwischenzeitlich wohnungslos, weil ich meinen Campus verlassen musste. Lange war unklar, wo ich unterkommen kann. Dann veränderte sich corona-bedingt jeden Tag die allgemeine Situation. Währenddessen wurde von mir erwartet, in Vollzeit weiterzuarbeiten. Mein Leben hier ist sehr instabil. Trotzdem bleibe ich: Wenn ich gehe, riskiere ich einerseits unter den derzeitigen Richtlinien, mein Gehalt zu verlieren. Andererseits ist mein Leben mittlerweile in den USA – auch, wenn mein Status nur ‚temporary alien‘ lautet.“

Update vom 15. Juli 2020: Die US-Regierung hat die Androhung inzwischen zurückgenommen. Ausländische Studierende dürfen weiterhin in den USA bleiben.

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