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„Wir werden hier die gleichen Probleme haben wie in Moria“

Nach dem Feuer in Moria wurde schnell ein neues Camp errichtet. Es befindet sich auf dem alten Schießübungsplatz Kara Tepe nahe der Inselhauptstadt Mytilini.
Foto: Yara Nardi / REUTERS

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Ali Mustafa Bakhtyari, 19, ist aus Afghanistan geflohen und erreichte im Dezember 2019 die griechische Insel Lesbos. Dort hat er im Camp Moria gelebt, bis dieses in der Nacht vom 8. auf den 9. September fast vollständig niederbrannte. Ali ist bei „Stand By Me Lesvos“ aktiv, eine Non-Profit-Organisation, in der Bewohner*innen von Lesbos, internationale Helfer*innen und Geflüchtete zusammenarbeiten. Sie organisieren zum Beispiel Unterricht und Sprachkurse, Aufräum- und Recycling-Aktionen und klären über das Coronavirus auf.

Das Interview mit Ali wird per Sprachnachricht geführt, weil das weniger Akku verbraucht als ein Anruf – Strom ist knapp im neuen Camp, das nach dem Feuer auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Nähe der Inselhauptstadt Mytilini eilig errichtet wurde. Das UN-Flüchtlingshilfswerk, das am Aufbau beteiligt war, erklärt, es handle sich um eine „Nothilfe“-Einrichtung, die nicht für die langfristige Unterbringung geeignet sei. Beobachter*innen von außen haben so gut wie keinen Zugang.

jetzt: Ali, wie hast du den Brand im Camp erlebt?

Ali Mustafa Bakhtyari: Das war eine schlimme, schreckliche Nacht. Mein Zelt in Zone 4 des Camps war eines der ersten, die Feuer gefangen haben, und ich habe alles verloren. Ich habe es nicht mal mehr geschafft, mir noch eine Hose aus dem Zelt zu holen. All meine Dokumente sind verbrannt, alle meine Klamotten. Ich habe vorher anderen Geflüchteten Englischunterricht gegeben, die Hefte und meine Tafel sind auch verbrannt. Anfangs dachte ich nicht, dass das Feuer fast das ganze Camp zerstören würde, aber dann haben die meisten Menschen hier alles verloren.

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Ali ist seit Dezember 2019 auf Lesbos. In Moria hat er im „Corona Awareness Team“ mitgearbeitet.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari
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Das Team hat die Bewohner*innen des Camps über das Coronavirus aufgeklärt, Wasser und Hygieneprodukte verteilt und Plastikmüll eingesammelt.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari
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Im neuen Camp, befürchtet Ali, wird es dieselben Problem geben wie im alten: zu wenig Platz, zu wenig Wasser, zu wenig Essen.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari

Die griechische Regierung sagt, das Feuer sei mutmaßlich von Geflüchteten gelegt worden, fünf Tatverdächtige wurden festgenommen. Was denkst du darüber?

Klar ist, dass die Situation im Lager kurz vorher noch angespannter wurde als sowieso schon, weil Krankenwagen kamen, um Menschen mitzunehmen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Aber ich sage dir, was ich mit eigenen Augen gesehen habe: Das Feuer begann außerhalb des Camps, also müssen Faschisten es gelegt haben. Später in der Nacht, als das Lager schon brannte, haben einige Geflüchtete mitgemacht und noch mehr Feuer im Camp selbst angesteckt.

Bist du jetzt in dem neuen Camp?

Ja. Viele wollten anfangs nicht hier rein, weil sie Angst hatten, dass es wie ein Gefängnis sein würde. Wir haben für eine Woche auf der Straße geschlafen, aber dann hat die Polizei alle gezwungen, in das neue Camp zu ziehen.

„Alle hier, auch ich, sind sehr müde. Müde vom Warten, Müde vom Leben im Camp“

Wie ist die Lage dort?

Ich glaube, es ist etwas sicherer als vorher, aber es zeichnet sich schon ab, dass wir hier die gleichen Probleme haben werden wie in Moria. Es gibt zum Beispiel nicht genug Toiletten oder Möglichkeiten, um sich zu waschen, und nicht genug Trinkwasser – für eine Flasche Wasser muss man eine halbe, manchmal eine ganze Stunde anstehen. Essen wird nur einmal am Tag ausgegeben, das reicht für jemanden wie mich schon nicht, geschweige denn für Familien. Alle hier, auch ich, sind sehr müde. Müde vom Warten, Müde vom Leben im Camp. Viele haben aufgegeben und wollen versuchen, zurück in ihre Heimatländer zu kommen.

Dürft ihr das Camp verlassen?

Ja, von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends.

In Moria haben viele verschiedene Hilfsorganisationen gearbeitet. Sind sie im neuen Camp auch aktiv?

Soweit ich weiß, dürfen sie nicht rein. Ich sehe immer nur „EuroRelief“ und „Movement On The Ground“, die beiden größten NGOs. Ansonsten niemanden.

Wie ist das Verhältnis zur lokalen Bevölkerung?

Nicht gut. Vor allem, wenn wir in das Dorf Moria gegangen sind, wurden wir sehr schlecht behandelt und beleidigt. Ich glaube, wenn die Polizei nicht immer da gewesen wäre, hätten uns manche von den Faschisten verprügelt oder sogar umgebracht. Für sie sind wir nichts wert.

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Nur einmal am Tag werde Essen ausgegeben, sagt Ali. Vor allem für Familien reiche das nicht.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari
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Auch die sanitären Anlagen im neuen Camp sind behelfsmäßig.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari
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Die Zelte stehen dicht an dicht. Abstand halten ist hier schwer.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari
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„Es gibt nicht genug Möglichkeiten, sich zu waschen“, sagt Ali.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari
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Anfangs wollten viele der Menschen, die zuvor in Moria waren, nicht in das neue Camp. Sie hatten Angst, dort eingesperrt zu werden. Aktuell haben sie Ausgang von acht bis 20 Uhr.

Fotos: Ali Mustafa Bakhtyari

In Moria hast du im „Corona Awareness Team“ mitgearbeitet. Was habt ihr gemacht?

Wir haben die Menschen aufgeklärt, wie sie sich vor dem Virus schützen können und wir haben Wasser verteilt: Wenn uns jemand zehn leere Flaschen gegeben hat, bekam er oder sie dafür eine mit Eiswasser. Außerdem haben wir Hygieneartikel ausgegeben, Zahnbürsten und Zahnpasta, Shampoo und so weiter.

„Viele glauben nicht daran, dass es hier wirklich Corona-Fälle gibt“

Aktuell gibt es mehr als 240 bestätigte Coronafälle unter den Geflüchteten auf Lesbos. Wo sind diese Menschen jetzt?

Sie sind isoliert von uns anderen untergebracht, in Quarantäne.

Haben die Menschen im Camp große Angst vor dem Virus?

Nein, denn viele glauben nicht daran, dass es hier wirklich Fälle gibt. Es geht das Gerücht rum, dass die griechische Regierung das nur behauptet, um Geld von der EU zu bekommen.

Was machst du, um zur Ruhe zu kommen und ein bisschen Abstand zu gewinnen?

Meistens suche ich mir, wie jetzt gerade, einen erhöhten Platz, einen kleinen Hügel, setze mich da in die Sonne und denke nach. Über die Lage und wie es weitergeht. Ich mache mir große Sorgen, weil unsere Zukunft so ungewiss ist. Niemand weiß, wie es weitergeht und wie lange wir noch hier sein werden. Ich hoffe sehr, dass das alles bald endet. Weißt du, ich bin einfach sehr müde, es ist langweilig hier und ich verliere meine Jugend, indem ich warte und warte.

Was würdest du in Zukunft gerne machen?

Wenn ich in ein anderes europäisches Land könnte, würde ich gerne studieren und mir einen Job suchen. Und Fußball spielen. Ich liebe Fußball.

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