„Dieses Hoffen und Warten ist absurd und gefährlich“

Sarah Hadj Ammar ist eine der Autor*innen von „Ihr habt keinen Plan“. Im Buch sammeln sie Maßnahmen zur Rettung der Zukunft.
Interview von Nadja Schlüter

Sechs der acht Autor*innen von „Ihr habt keinen Plan“:  Jakob Nehls, Lucie Hammecke, Jonathan Gut, Niklas Hecht, Franziska Heinisch und Sarah Hadj Ammar (v. l. n. r.).

Foto: Marco Pultke

Das Klima retten, die Wirtschaft generationengerecht umbauen, die Demokratie neu beleben, Frieden sichern, die Arbeitswelt zukunftsfest machen: Die acht 18- bis 25-jährigen Autor*innen des Buches „Ihr habt keinen Plan. Darum machen wir einen“, das am 18. November im Blessing Verlag erschienen ist, haben sich viel vorgenommen. Sie gehören zum Jugendrat der „Generationen Stiftung“, die Lobbyarbeit für die Anliegen junger Menschen macht, und legen mit ihrem Text hundert Maßnahmen für eine gerechte und lebenswerte Zukunft vor. Unterstützt wurden sie dabei von zahlreichen Expert*innen wie etwa dem renommierten Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber und der Ökonomin und Expertin für Klimapolitik Maja Göpel. 

Sarah Hadj Ammar ist eine der Autor*innen. Die 20-jährige studiert Biomedizin in Würzburg und ist seit neun Jahren in der Klimabewegung aktiv. Sie hat uns erklärt, warum das Vorwort so provokant geraten ist, was es mit dem „Verursacher*innenprinzip“ auf sich hat und warum sie nicht glaubt, dass Innovationen uns retten werden.

jetzt: Euer Buch beginnt mit einer Schuldzuweisung: Im Vorwort klagt ihr die Generation der Babyboomer an, dass sie eure Zukunft verspielt haben. Ist diese Spaltung in „ihr“ und „wir“ nicht kontraproduktiv?

Sarah Hadj Ammar: Wir sind stolz auf unser Vorwort. Es ist entstanden aus Nächten, in denen wir nicht schlafen konnten, und aus Angst um unsere Zukunft. Wir sind wütend und enttäuscht, und ich finde, das dürfen wir auch sagen. Die Generationen vor uns haben unglaublich viel dafür geleistet, dass wir in die Schule gehen und studieren können, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, und das möchte ihnen auch niemand absprechen. Aber: Sie waren auch nicht mutig genug. Sie waren nicht laut, als sie laut hätten sein müssen. Erst, wenn das alle erkannt haben, können sich die Generationen zusammenschließen und das Problem gemeinsam angehen. Und wir sehen auch schon, dass das funktioniert.

„Klimaschutz darf nicht länger gegen soziale Gerechtigkeit ausgespielt werden“

Inwiefern?

Das Vorwort sorgt erstmal für Empörung – aber dann kommt der Punkt, an dem wir schreiben: „Wir brauchen euch, allein können wir es nicht schaffen.“ Darauf kommt jetzt schon viel positive Rückmeldung. Menschen aus der älteren Generation sagen: „Das zu lesen war, als hätte man mir einen Spiegel vorgehalten.“ Genau das war unser Ziel. Ein Mitautor und ich waren am Montag in einer Radiosendung, und egal, wie wütend oder entsetzt die Hörer*innen, die sich gemeldet haben, waren – als wir miteinander gesprochen haben, sind wir immer auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Weil sich jede*r hinter die Forderung einer schönen Zukunft für alle stellen kann.

Aber es ist doch wahnsinnig schwierig, Menschen davon zu überzeugen, etwas zu tun, was erst in einer Zukunft positive Auswirkungen haben wird, die sie selbst nicht mehr erleben.

Jein. Es gibt ganze Berufe, die darauf ausgelegt sind, zum Beispiel Förster. Und man muss ja auch nicht alle Handlungen heute ausschließlich für die Zukunft tun. Es passieren ganz viele Dinge, die schon heute negative Folgen haben. Zum Beispiel der Kohleabbau: Es wird immer gesagt, ein Ausstieg bis 2025 sei nicht möglich, weil 200 000 Arbeitsplätze gefährdet sind. Die stehen aber Millionen Menschen gegenüber, die jetzt schon unten den Folgen der Klimakrise leiden oder sterben. Da kann mir doch niemand sagen, dass die 200 000 Arbeitsplätze wichtiger sind.

Der Arbeiter im Tagebau sieht das anders.

Natürlich brauchen diese Menschen Alternativen, sie brauchen Umschulungen und neue Arbeitsplätze. Klimaschutz darf nicht länger gegen soziale Gerechtigkeit ausgespielt werden. Wir werden auch oft gefragt, wie wir das denn finanzieren wollen, und ja, bisher hat noch niemand einen Finanzierungsplan vorgelegt – aber eben auch noch keinen konkreten Maßnahmenplan. Wir haben das jetzt gemacht. Unsere Hoffnung ist, dass Frau Merkel zu uns kommt und sagt: „Super Plan, ist aber ein bisschen unnötig, denn wir haben hier auch einen und der funktioniert!“ Weil das aber bisher nicht passiert ist, können uns die Politiker*innen gerne einladen, und dann sprechen wir über die Machbarkeit unserer Maßnahmen, aber auch über Steuerhinterziehung und Subventionen für umweltschädliche Wirtschaft. Ich denke, da werden wir dann schon eine Lösung finden. 

Als „grundlegendes Prinzip“ für euren Plan nennt ihr das „Verursacher*innenprinzip“. Kannst du das genauer erklären?

Bisher schieben große Konzerne viel in den globalen Süden ab, etwa die Produktion. Damit verdienen sie hier und jetzt Geld, aber auf dem Rücken anderer und auf Kosten unserer Natur. Die schickt natürlich nicht einfach eine Rechnung ins Büro, sondern die Kosten kommen schleichend. Darum ist es so leicht zu ignorieren, was wir im Globalen Süden anrichten. Und darum sollen zum Beispiel Unternehmen, die besonders viel CO2 ausstoßen und Schäden verursachen, dafür auch verantwortlich gemacht werden und bezahlen.

„Mir wurde bisher noch nichts vorgelegt, das CO2 besser aus der Luft saugt als Bäume – und die sind wahrlich keine Innovation“

Viele hoffen ja darauf, die Klimakrise mit Innovationen lösen zu können. Wie steht ihr dazu?

Dieses Hoffen und Warten ist absurd und gefährlich. Es ist jetzt fünf vor zwölf und mir wurde bisher noch nichts vorgelegt, das CO2 besser aus der Luft saugt als Bäume – und die sind wahrlich keine Innovation. Wenn jemand es schafft, für alle Probleme, die wir angehen müssen, in den nächsten zwei Jahren eine Erfindung vorzulegen, die sie löst: krass! Dann wäre aber immer noch nichts schlimm daran, wenn wir bis dahin unsere Wirtschaft und Gesellschaft auf Nachhaltigkeit umgestellt haben. Alle tun ja immer so, als wäre das katastrophal, aber das ist es doch überhaupt nicht! Sich um die eigene Lebensgrundlagen und umeinander zu kümmern, müsste doch eigentlich sowieso das Ideal einer jeden Gesellschaft sein.

Welche Forderungen in eurem Buch hältst du für die wichtigsten?

Das Allerwichtigsten steht für mich zwischen den Zeilen: Wir müssen nicht nur das Mögliche machen, sondern wir müssen das Nötige möglich machen. Das ist für mich die Essenz dieses Buchs. Ansonsten gibt es drei Forderungen, von denen ich denke, dass sie besonders gut und sehr bald umsetzbar sind: Erstens die Finanzierung der Unternehmen nach der Gemeinwohl-Bilanz. Das bedeutet, dass am Ende des Jahres nicht die finanzielle Bilanz zählt, sondern eine, die offenlegt, dass das Handeln eines Unternehmens nicht schädlich für kommenden Generationen ist. Danach werden dann auch Kredite vergeben und dadurch wären Unternehmen vermutlich ab morgen CO2-neutral. Zweitens der Kohleausstieg Deutschlands 2025 und der globale Kohleausstieg 2030. Und drittens das sofortige Ende von Subventionen für umweltschädliche wirtschaftliche Aktivitäten.

Letztlich wollt ihr sogar die Organisation der kompletten Welt verändern und zum Beispiel ein Weltparlament einführen. Das ist dann aber schon ein bisschen naiv, oder?

Finde ich nicht. Viele Expert*innen haben unser Buch gelesen und gesagt: „Wenn die Menschen das machen wollen, dann können sie es auch machen.“ Wir haben ja nicht das Rad neu erfunden, sondern fassen zusammen, was ganz viele kluge Köpfe schon ganz lange sagen, verbinden es mit dem, was uns wichtig ist, und machen daraus unsere Zukunftsvision. Ich finde es traurig, dass man solche Ideen naiv nennen muss. Und wir sagen ja auch nicht, dass sie der Heilige Gral der Weltrettung sind. Das Buch ist ein Debattenbeitrag, eine Motivation, es soll dazu einladen, unsere Forderungen zu diskutieren. Ich hoffe, dass noch mehr Menschen mit uns eine Debatte starten wollen – und dass wir dann am Ende tatsächlich einen Plan haben.

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