Wo bleibt der studentische Klima-Protest?

Fridays for Future gilt als Schüler*innenbewegung. Zurecht?
Von Dominik Schelzke

Sitzen Studierende nur in der Bibliothek und gehen weniger auf die Straße?

Foto: Catherina Hess; Illustration: jetzt

Während am 20. September die Großdemo gegen den Klimawandel über die Ludwigstraße in München zog, besuchten wenige Meter entfernt einige Student*innen ganz normal die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Obwohl nicht nur Schüler*innen, Berufstätige und Senior*innen, sondern auch Studierende zum Klimastreik aufgerufen waren, bereiteten sich manche lieber auf Klausuren vor oder arbeiteten an Hausarbeiten.„Ich habe gerade keine Zeit, weil ich morgen Klausur habe“, erklärte zum Beispiel Ingo (Name geändert), ein 30-jähriger Soziologiestudent, sein Fernbleiben von der Demonstration. „An sich ist es natürlich schon ein wichtiges Thema, aber irgendwie macht es eher den Anschein, dass die Aktion etwas Jüngeres ist und ich vermisse den Anteil an Studenten. Außerdem würde ich einigen Schülern unterstellen, dass sie das nur machen, um frei zu haben.“ Lena, eine 21-jährige Pädagogik- und Psychologie-Studentin, war an diesem Tag ebenfalls in der Uni. Auch sie kann sich nicht wirklich mit der Bewegung identifizieren: „Ich bin nicht bei der Demo, weil es mich persönlich nicht so betrifft. Der Grund ist schon sehr wichtig, aber mir war der Aufwand zu groß, weil es eh nicht so wichtig ist, ob ich da jetzt als einzelne Person hingehe.“ 

Diese Aussagen passen auch zu den Erfahrungen von Oskar Fischer, der an der LMU am Institut für Soziologie zu sozialen Protesten forscht. In München passiere in Bezug auf „Fridays for Future“ tatsächlich nicht so viel an den Unis. „Es ist hier eine fast rein schulische Bewegung. In Jena, Leipzig oder Berlin passiert da mehr.“ Die Mobilisierungen der letzten Zeit in Bayern – noPAG, ausgehetzt, Seebrücke, bezahlbarer Wohnraum – seien aber durchaus jugendlich gewesen. „Nach den großen Studienprotesten, die 2011 im Volksbegehren gegen die Studiengebühren mündeten, waren die Proteste nur nicht mehr sehr studentisch im Sinne einer organischen Bindung an die Uni und ihre Strukturen.“

Frederike studiert in Bremen und geht jeden Freitag auf die Straße.

Foto: Benedikt Neugebauer

Die Studierenden von heute scheinen den Start von „Fridays For Future“ verschlafen zu haben

Das gelte aber nicht für ganz Deutschland, so Fischer. Insgesamt gingen immer mehr Student*innen für das Klima freitags nicht mehr in ihre Vorlesungen. Wie die 20-jährige Psychologiestudentin Frederike Oberheim. Sie ist die Sprecherin der Studenten-AG innerhalb von „Fridays For Future“ Deutschland. Eigentlich wollte sie sich in der Hochschulpolitik für mehr Feminismus einsetzen, als sie in Bremen an die Uni kam. Doch dann starteten die „Fridays For Future“-Demos: „Wir haben uns erst nach und nach unter den Gruppen vernetzt, die an den einzelnen Hochschulen gegründet wurden, um auch die Frage zu beantworten, welche Rolle die Studierenden eigentlich im Schulstreik haben“, sagt Frederike.

Eine berechtigte Frage, denn anfangs war diese tatsächlich eher klein. Das ist erstaunlich, da in der Vergangenheit sehr häufig genau diese Bevölkerungsgruppe Ausgangspunkt von Protesten war, wie Oskar Fischer sagt: „Eine gesellschaftliche Blaupause für Protestbewegungen in Deutschland sind sicher 1968 und die Folgejahre. Diese Proteste waren sehr studentisch geprägt, wodurch ein Bild entstand, das auch heute noch die Vorstellung von sozialen Bewegungen dominiert.“

Die Studierenden von heute scheinen zumindest den Start von „Fridays For Future“ verschlafen zu haben. So berichtete der Deutschlandfunk beispielsweise, dass der akademische Nachwuchs zu lethargisch und zu schlecht vernetzt sei. Außerdem seien da noch die mangelnde Zeit in einem zu verschulten Studiensystem und das fehlende Drohpotential. Wenn Schüler*innen schwänzen oder Berufstätige streiken, dann hat das einen spürbaren Effekt. Wenn allerdings ein paar Student*innen nicht in der Vorlesung sitzen, dauert es, bis davon jemand Notiz nimmt. Das sieht auch Frederike so: „Wenn ich am Freitagmorgen nicht in der Vorlesung bin, denkt sich der Professor bestimmt nicht direkt, dass ich gerade auf der Straße bin. Also ist die Wirkung eines Bildungsstreiks in der Uni natürlich geringer.“ 

„Fridays for Future“ ist vielen Studierenden nicht radikal genug

Unabhängig davon gibt es inzwischen immer mehr Student*innen, die sich engagieren, vor allem in großen Städten wie Hamburg oder Berlin. In Berlin ist auch Pascal Kraft aktiv. Der 30-Jährige studiert Geographie und hat die „Fridays For Future“-Gruppe an der Humboldt-Universität mitbegründet: „Unser erstes Ziel war es, dass sich die Universität mit den Zielen von ‚Fridays For Future‘ solidarisiert. Aber wir verfolgen auch konkretere Ziele, zum Beispiel, dass sich die HU bis 2022 klimaneutral gestaltet.“ Auch er bestätigt zwar das Problem, bei Protestaktionen durch reines Fernbleiben von der Uni weniger Hebelwirkung zu haben, ist aber der Meinung, dass die Student*innen zusätzlich auf anderen Wegen Einfluss nehmen können. Zum Beispiel durch administrative Tätigkeiten, die manche Schüler*innen schon allein wegen ihres Alters manchmal nicht übernehmen können, oder studentische Vollversammlungen.

Pacal engagiert sich in Berlin für den Klimaschutz.

Foto: privat

In Berlin haben die Student*innen dabei dieses Jahr Forderungen aufgestellt, die sie der Universität im Anschluss offiziell vorlegen konnten. So sieht Pascal auch die aktuelle Aufteilung bei „Fridays For Future“: Die Schüler*innen stünden zwar im Vordergrund, aber was Organisation und administrative Tätigkeiten im Hintergrund angehe, seien Student*innen inzwischen genauso beteiligt. So ähnlich beurteilt auch Frederike die Lage. Student*innen würden sich nicht nur untereinander immer besser vernetzen, sie könnten zum Beispiel auch ein wichtiges Bindeglied zwischen den Schüler*innen und den „Scientists For Future“ darstellen.

Wenn das Netzwerk und die Hebelwirkung immer besser werden, stehen den Student*innen dann immer noch Lethargie und mangelnde Zeit im Weg? „Teilweise ist es mit der Zeit schon ein bisschen schwierig, weil eben doch auch wichtige Vorlesungen auf den Freitag fallen können – wobei das einige Leute bestimmt auch als Ausrede benutzen“, sagt Frederike. Gleichzeitig seien viele der Studierenden, die sich politisch engagieren, einfach schon bei anderen Umweltorganisationen aktiv. „Diese Aktionen sind zum Teil auch zeitlich besser mit dem Studium zu vereinen, weil nicht jeden Freitag Demo oder alle zwei Monate Großdemo ist.“ Tatsächlich sind viele Student*innen bei Organisationen wie „Extinction Rebellion“ oder „Ende Gelände“ aktiv. Diese Gruppierungen wollen ihre Ziele mit präzisen Protestaktionen und zivilem Ungehorsam ohne Gewalt erreichen und greifen dafür zu deutlich drastischeren Mitteln als „Fridays For Future“. Damit riskieren sie häufig auch Strafen, die folgenschwerer sind als ein Schulverweis. Sind die Proteste von FFF also vielleicht manchen Studierenden nicht radikal genug? „Klar, ‚Fridays For Future‘ ist unglaublich niedrigschwellig, aber dadurch politisiert das vielleicht auch manche Studierende, die sich vorher nicht so interessiert haben“, sagt Frederike. Es ist also gut möglich, dass in Deutschland auch Student*innen die Klimabewegung in Zukunft so stark prägen, wie es ihre jüngeren Mitstreiter*innen schon längst tun.

  • teilen
  • schließen