„Lass die Leute niemals sagen, du kannst was nicht“

Ihre Chancen stehen schlecht. Sie versucht es trotzdem. Noreen Thiel will in den Bundestag.
Foto: James Zabel

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Die Farben der FDP leuchten, das Blau, das Gelb, auch das Magenta-Pink, und das ist schon mal gut. Am wichtigsten aber auf dem Plakat ist das Gesicht, und na bitte, sogar aus nächster Nähe ist das Gesicht, gedruckt in schwarz-weiß, gestochen scharf. Zum ersten Mal begutachtet Noreen Thiel, 18, sich selbst in XXL. Ausgedruckt auf 2,5 mal 3,5 Metern, aufgestellt im Schatten der Plattenbauten von Berlin-Lichtenberg. „Richtig fancy“, sagt sie. Später wird sie das Plakat auf Twitter posten und dafür rund tausend Likes bekommen. So weit, so gut. Wäre da nicht diese Frau mit Rucksack auf dem Rücken, die nun neben dem Plakat auftaucht und an der guten Stimmung kratzen wird.

Noreen Thiel will für die FDP im Wahlkreis Berlin-Lichtenberg in den Bundestag. Das ist ein aussichtsloses Ziel, wie hier alle wissen, inklusive Noreen Thiel. 2017 holte der damalige FDP-Kandidat klägliche 3,4 Prozent der Erststimmen. Auch Noreen wird nicht gewinnen, schon mit fünf Prozent wäre sie zufrieden. Im Ostberliner Lichtenberg wählen die Menschen eben treu die Linke. 34,8 Prozent bekam Gesine Lötzsch bei der letzten Bundestagswahl. Seit 19 Jahren sitzt sie im Parlament, fünf Mal schon wurde sie direkt gewählt. Auch deshalb passt die FDP so wenig zwischen die Lichtenberger Plattenbauten wie das CDU-Parteiprogramm zu einem veganen Kunststudenten

„So ne Jungsche will mir was vom Leben erzählen?“, platzt es aus ihr heraus

Nun steht da also eine fremde Frau vor dem XXL-Plakat, auf dem Noreen zu sehen ist. Sie dürfte um die 50 sein und ruft einigermaßen laut: „Bist du das?“ Noreen antwortet: „Ja, das bin ich.“ Die Frau reagiert mit einem verblüfften „ach“ und neigt den Kopf nach rechts, neigt den Kopf nach links, um jetzt noch was anderes loszuwerden: „So ne Jungsche will mir was vom Leben erzählen?“, platzt es aus ihr heraus. „Ich habe so viel im Leben erlebt. Nee danke.“ Die Frau rüttelt ihren Rucksack zurecht, dann dreht sie ab und läuft zum Bus.

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In Berlin-Lichtenberg steht Noreen zum ersten Mal vor ihrem eigenen XXL-Plakat.

Foto: Marcel Laskus

So ist das im Wahlkampf. Wohin man auch geht als Kandidatin oder Kandidat – der Wind schlägt schnell um. Und bei Noreen vielleicht noch mal ein bisschen schneller. Denn da kommen ein paar Dinge zusammen: Ihr junges Alter. Ihre in manchen Milieus verhasste Partei. Ihr Wahlkreis, in dem sie nicht gewinnen kann. Und als wäre das nicht schon genug, macht sie auch noch ihre Depression bewusst zum Thema („Mental Health Matters“) – und sich damit zusätzlich angreifbar. Vieles spricht gegen sie. Aber wie sagte schon ihr Parteivorsitzender Christian Lindner im Alter von 16 Jahren? „Probleme sind nur dornige Chancen“. Bei der 18-jährigen Noreen klingt das ähnlich, wenn im Ton auch weniger breitbeinig: „Lass die Leute niemals sagen, du kannst was nicht.“ Noreen Thiels Wahlkampf ist ein „Trotzdem“-Wahlkampf.

Erst im April ist sie 18 geworden. Und damit 49 Jahre jünger als Angela Merkel, 24 Jahre jünger als ihr Parteichef Christian Lindner und 31 Jahre jünger als der durchschnittliche Abgeordnete im aktuellen Bundestag. Während Gleichaltrige eine Ausbildung beginnen, es bei Fortnite zu etwas bringen oder sich Sternburg trinkend im Stadtpark die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, leiert Noreen ihren eigenen Wahlkampf an, der sie 20 Stunden die Woche kostet, studiert Marketing und macht ihren Führerschein.

Ob ihr Alter ein Vorteil ist oder ein Nachteil, das ist nicht ganz klar. Geht es nach der Frau am Plakat, ist die Antwort klar. Noreen sagt dazu: „So was höre ich ständig.“ Fragt man bei der Berliner FDP nach, heißt es: „Noreen Thiel ist eine engagierte, kreative und talentierte Freie Demokratin.“ Und auch die politische Konkurrenz sieht in ihrem Alter eher ein Signal des Aufbruchs als einen Grund zur Häme. Fragt man die 60-jährige Gesine Lötzsch, sagt sie über das Alter ihrer Konkurrentin: „Das finde ich gut.“ 

Selbst wenn Noreen nicht gewinnen kann, hat sie sich vorgenommen, aus der Zeit bis zur Wahl etwas zu machen – auch inhaltlich. Zum einen will sie auf das Thema psychische Gesundheit aufmerksam machen. Ein Thema, zu dem einem eher die SPD einfällt als die FDP. Für sie aber, sagt Noreen, sei das kein Widerspruch. Als Person, die selbst unter Depressionen gelitten hat, wisse sie ja, wovon sie spreche. Sie will „Aufklärung und Awareness“ schaffen, wie es auf ihrem Wahlkampfflyer heißt. Zweitens, sagt sie, will sie sich mit der Kandidatur selbst etwas beweisen und daran persönlich wachsen – das klingt schon wieder mehr nach FDP. Und drittens geht es, natürlich, auch über die eigene Person hinaus: um Noreens Alter. „Ich will jungen Menschen aufzeigen, dass sie sich niemals sagen lassen sollen, dass sie etwas nicht können.“ Auf ihrem Wahlkampfflyer steht: „Man ist nie zu jung, um die besten Ideen zu haben.“ Dass sie die wahrscheinlich erstmal nicht umsetzen werden kann, ist dabei Nebensache. 

Wenn es um Direktmandate geht, wird bei dieser Wahl den Jüngeren häufig der Vortritt gelassen

In diesem Wahlkampf ist Noreen in ihrer Altersgruppe jedenfalls alles andere als allein. Wenn es um den Kampf um Direktmandate geht, wird bei dieser Wahl den Jüngeren häufig der Vortritt gelassen, nicht nur bei der FDP. Für SPD und Grüne treten nach einer Anfrage von Watson so viele unter 35-Jährige wie bei noch keiner Wahl zuvor an, unter ihnen der Fridays-for-Future-Aktivist Jakob Blasel (21, kandidiert in Rendsburg-Eckernförde für die Grünen) und die Chefin der Jusos Jessica Rosenthal (28, kandidiert in Bonn für die SPD). 

Ihre Art, Wahlkampf zu machen, unterscheidet sich von älteren Parteikolleginnen deutlich. Zwei Stunden vor dem Besuch am XXL-Plakat sitzt Noreen Thiel in ihrer Wohnung in Berlin-Marzahn und wartet zusammen mit ihrem Freund in ihrem Arbeitszimmer darauf, dass der Livestream beginnt, in dem die SPD ihren Wahlwerbespot vorstellt. Gebannt sitzen die beiden vor dem Bildschirm. Weniger als die Inhalte, interessiert sich Noreen für die Ästhetik und die Art und Weise, wie die SPD ihre Wählerinnen und Wähler anspricht. 

Als im Stream SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil stolz von mehr als einer Million Haustür-Besuchen berichtet, muss Noreen grinsen: „Äääh Haustürwahlkampf, warum?“. In ihrem Wahlkampf wird sie an keiner einzigen Haustür klingeln und auf keinem Marktplatz Kulis verschenken. Stattdessen setzt sie neben ihren Plakaten vor allem auf Social Media. Etwa tausend Euro will sie zunächst für bezahlte Werbung auf Instagram ausgeben. „Das ist viel zielgerichteter“, sagt sie. 

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Wer für Noreens Wahlkampf spendet, bekommt einen Dankesbrief – und Gummibärchen.

Foto: Marcel Laskus

Das Geld dafür muss sie selber sammeln. Deshalb steckt Noreen jetzt Gummibär-Tütchen in gepolsterte Briefumschläge. Dann legt sie ein Kärtchen dazu, auf dem sie sich für die Wahlkampfspende bedankt. Danke zu sagen, das gehört dazu. Bisher sei über Spenden ein Betrag im „unteren vierstelligen Bereich“ zusammengekommen, sagt sie. Das deckt die Kosten allerdings nur zum Teil. „Gerade in diesem schwierigen Umfeld ist jede Hilfe und jeder Support wichtig“, hat sie auf ihre Dankeskarte geschrieben. Erst am Tag zuvor hat sie gemerkt, wie schwierig dieses Umfeld tatsächlich ist. 

Unbekannte haben eines ihrer Wahlplakate mit rotem Graffiti-Lack besprüht. „Asozial und reich“, ist nun auf das Plakat gesprayt, auf dem eigentlich Noreen und eine ihrer Katzen zu sehen sind. „Mich macht sowas unwahrscheinlich wütend“, schrieb sie dazu auf Instagram an ihre 5600 Followerinnen und Follower. Immerhin: Als sie das Foto geteilt hat, kamen noch einmal gut 20 Spenden dazu. „Diese Solidarität zu sehen, ist wichtig“, sagt sie. 

Zumal der Vorwurf, reich zu sein, auch sachlich nicht stimmt. Noreen Thiel ist, entgegen des FDP-Klischees, keine Bankiers-Tochter. Ihre Mutter ist gelernte Friseurin, ihr Vater Lkw-Fahrer. Aufgewachsen ist sie nicht in Berlin-Charlottenburg, sondern in der Nähe von Cottbus, wo die Arbeitslosenquote in ihrem Geburtsjahr 2003 bei 20 Prozent lag. Und auch sonst wirkt Noreen eher unprätentiös. Mit ihrem Freund wohnt sie in Marzahn in einem Neubau im neunten Stock. „Wichtiger als eine tolle Lage ist es mir, dass die Wohnung schön ist“, sagt sie. 

Wäre Noreen Thiel nicht bei der FDP, sondern bei den Grünen, würde man wohl kaum so sehr die Aufmerksamkeit auf sie richten. Doch wenn man schon als Teenager Mitglied bei einer Partei wird – und dann noch bei der FDP – dann ist das eben etwas Besonderes. Einerseits können viele junge Menschen mit der FDP wenig anfangen. Zu spießig, zu konservativ. Anderseits liegt Noreen möglicherweise auch im Trend. Bei den letzten Landtagswahlen hat die FDP bei Jüngeren überraschend gut abgeschnitten. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage wäre die FDP unter den Jüngeren hinter den Grünen zweitstärkste Kraft. 

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Fotos machen, Flyer einwerfen, Plakate begutachten: Der Bus ist ihr Wahlkampfmobil.

Fragt man Noreen, wie sie zu ihrer Partei gefunden hat, dann erzählt sie von der Schule. Als sie zur Zeit der Bundestagswahl 2017 mit 14 den Jungen Liberalen beigetreten ist, war das für sie alternativlos. Den damaligen Slogan der FDP„Digital First, Bedenken Second“ fanden viele damals albern. Noreen aber sprach er an, weil er ihr Lebensgefühl traf. „In meiner Schule arbeiten die Lehrer mit der Tafel, und auch als wir Whiteboards hatten, konnten die Lehrer damit nichts anfangen.“ In der FDP sah Noreen die Partei, die das ändern könnte. „Unser Bildungssystem ist by far nicht zeitgemäß“, sagt sie. 

Die Grünen seien eine „Verbotspartei“, sagt sie

Und auch wenn manches bei ihr nicht nach FDP klingt, steckt doch viel FDP in ihr drin. Zwar wirbt Noreen vor allem mit dem Thema „Mentale Gesundheit“, doch auch sie fordert eine Senkung der Rundfunkgebühr, ist gegen Steuererhöhungen und für eine Aktienrente. Wenn sie von den Grünen spricht, dann klingt sie ganz wie ihr Parteichef. Die seien eine „Verbotspartei“, sagt sie. Veggieday, Tempolimit, Verbot von Kurzstreckenflügen – damit könne sie nichts anfangen, das sei für sie „totaler Quatsch“. 

„Von klein auf war ich selbstbestimmt“, sagt sie. „Ich bin freiheitsliebend.“ Einmal, erzählt sie, habe sie als Kind von ihrer Mutter Handyverbot bekommen. Noreen gab das Handy zwar ab, sich damit aber nicht zufrieden. Über Mittel und Wege besorgte sie sich heimlich ein zweites Handy. Wie damals ihr Handy an ihre Mutter wird sie auch den Wahlsieg zum Direktmandat an andere abgeben müssen. Erfolglos wäre sie aber auch dann nur auf den ersten Blick.

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