„Es macht mich stolz, beim Gelöbnis dabei zu sein“

Soldat*innen und Kritiker*innen erzählen, was sie von der öffentlichen Zeremonie der Bundeswehr halten.
Protokolle von Annika Säuberlich

Illustration: Federico Delfrati

Die Vereidigung von Soldat*innen der Bundeswehr ist eine feierliche Zeremonie am Anfang ihrer Dienstzeit. Am Montagabend wird im Münchner Hofgarten ein solches Gelöbnis von Soldat*innen wieder öffentlich stattfinden – erstmals seit zehn Jahren. Die Rekrut*innen werden dort geloben, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Beim letzten Mal in München (im Jahr 2009) gab es viel Protest, auch diesmal kündigen sich Demonstrierende an. Wir haben daher sowohl Kritiker*innen als auch Soldat*innen gefragt, was das feierliche Gelöbnis für sie bedeutet.

„Die Gesellschaft soll wissen, dass sie sich auf uns verlassen kann“

Foto: Bundeswehr

Eren, 20, ist freiwillig Wehrdienstleistender und legt am Montag im Hofgarten sein Gelöbnis ab:

„Es macht mich stolz, beim öffentlichen Gelöbnis dabei zu sein und zeigen zu können, was ich gelernt habe. Wir haben alle lange dafür geübt. Es werden wichtige Politiker anwesend sein und es wird viele Zuschauer geben, nicht nur vor Ort, sondern auch vor den Fernsehern. Ich finde es wichtig, dass es hin und wieder solche Gelöbnisse in der Öffentlichkeit gibt, damit die Gesellschaft weiß, dass wir da sind und dass sie sich auf uns verlassen kann, wenn wir gebraucht werden sollten.

Die Kritiker kann ich verstehen, natürlich ist Krieg schlecht. Es geht aber auch niemand zur Bundeswehr, weil er sich denkt: „Ich hab Lust auf Krieg.“ Wir machen das, weil wir es machen müssen. In Deutschland ist es friedlich, aber es gibt nun mal Krieg in dieser Welt und es muss jemanden geben, der sich für die Menschen einsetzt, die vielleicht nicht die Rechte oder Sicherheit haben, die es in Deutschland gibt. Ich fühle mich durch die Kritik oder die Gegendemo auch nicht persönlich angegriffen. Die Leute sehen eben den Soldaten – und nicht Eren.

In der Öffentlichkeit darf ich meine Uniform im Moment noch nicht tragen. Aber wenn ich mit meinem Rucksack nachhause fahre, erkennen die Leute auch, dass ich Soldat bin. Meine Erfahrungen waren immer sehr positiv. Wenn ich angesprochen werde, dann meistens, weil sich die Leute für meinen Beruf interessieren. Eine Frau mit Kind hat mich einmal gebeten, ihr beim Koffertragen zu helfen. Sie meinte, als Soldat wäre ich sicher sehr stark.“

„Es schreckt mich ab, wenn ich Menschen in Uniform sehe“

Foto: privat

Rica, 21, studiert Jura und Philosophie:

„Ich bin generell kein Fan von der Bundeswehr, hatte in meinem Leben allerdings auch wenig Berührungspunkte mit ihr. Ich glaube, dass das vielen in meiner Generation so geht, deshalb fühlen sie sich von einem öffentlichen Gelöbnis auch nicht angesprochen.

Die Soldat*innen müssen sich wie in einem Museum begutachten lassen und das an einem Ort, der für viele Menschen in München leider geschichtlich vorbelastet ist. Grundsätzlich schreckt es mich eher ab, wenn ich Menschen in Uniform sehe. Und ich denke nicht, dass das Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung steigt, wenn junge Frauen und Männer, die quasi in meinem Alter sind, mit riesigen Gewehren rumlaufen.

Trotzdem finde ich störende Proteste während der Zeremonie nicht fair, Kritik kann man auch sachlich äußern. Ich glaube, dass Soldat*innen in Deutschland es – vor allem was das soziale Standing angeht – definitiv schwerer haben als zum Beispiel in Amerika. Aber nur weil sie hier keine große Rolle als Kriegsheld*innen spielen, heißt das ja nicht, dass man das ändern muss. Ich fände es besser, wenn ihre humanitäre Hilfe, wie zum Beispiel bei Hochwassernotfällen, mehr hervorgehoben werden würde.“

 „Recht, Freiheit, Wohlstand und Sicherheit sind nicht gratis zu haben“

Foto: privat

Johannes, 21, ist Soldat und Offiziersanwärter:

„Weil die Wehrplicht ausgesetzt ist, spielt das öffentliche Gelöbnis eine umso wichtigere Rolle, auch für mich. Es zeigt, dass Soldaten aus der Mitte der Gesellschaft kommen und einfach nur Staatsbürger in Uniform sind. Wenn die Gesellschaft durch ein öffentliches Gelöbnis an dem Werdegang eines Soldaten teilhaben kann, fördert das im Idealfall auch das Verständnis für den Beruf. Meiner Meinung nach sollten Gelöbnisse wie das im Hofgarten also häufiger stattfinden.

Die Bundeswehr sollte eine viel größere Rolle in der Gesellschaft spielen. Viele wissen gar nicht, wofür die Bundeswehr da ist. Leider liest man viele Negativschlagzeilen, die ein falsches Bild vermitteln können. Auch aufgrund der deutschen Geschichte wird die Bundeswehr oft immer noch als reines Instrument der Macht des Staates gesehen, dabei ist sie an das Grundgesetz gebunden. Trotzdem wird mir mit Respekt begegnet, wenn ich meine Uniform trage.

Den Menschen in Deutschland geht es sehr gut und viele wollen sich nicht damit auseinandersetzen, dass Recht, Freiheit, Wohlstand und Sicherheit nicht gratis zu haben sind. Jeder kann natürlich frei seine Meinung äußern, aber ich verstehe die Kritiker nicht. Die Bundeswehr ist parlamentarisch legitimiert und in einer Welt mit sich ständig ändernden Bedrohungslagen und Krisenregionen ist sie wichtiger als je zuvor.“

„In einer Welt, wie ich sie mir wünsche, gibt es keine Bundeswehr“

Foto: Robert Haas

Johannes, 28, ist Student an der Musikhochschule München:

„Ich kann mit militärischen Traditionen oder öffentlichen Aufmärschen grundsätzlich nicht viel anfangen. Ich finde, die Präsenz von Militär formt eine Gesellschaft. Das wünsche ich mir für München nicht. Deswegen werde ich auch an der Gegendemo zum Gelöbnis teilnehmen.

Manche Leute fordern die komplette Abschaffung der Bundeswehr. Ich kann das verstehen: In einer Welt, wie ich sie mir wünsche, gibt es keine Kriege und daher auch keine Bundeswehr.

Eine Alternative wäre dann zum Beispiel ein ziviler Katastrophenschutz. Die Arbeitsplätze könnte man, genau wie in der Rüstungsindustrie, umwandeln für eine friedliche Nutzung. Fürs Erste wäre ich jedoch zufrieden, wenn sich die Bundeswehr und die politisch Verantwortlichen wieder auf ihre vom Grundgesetz vorgesehene Rolle besinnen würden: die einer Verteidigungsarmee. Kriege zu führen, gehört für mich nicht dazu.

Aber auch unabhängig davon finde ich eine solche Werbung für die Bundeswehr wie beim Gelöbnis problematisch. Vor allem vor dem Hintergrund des Schauplatzes: Ein militärisches Spektakel beim Kriegerdenkmal im Hofgarten – also einem nationalsozialistisch belasteten Ort – vermittelt ein fatales Bild an die Öffentlichkeit.“

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