„Wir sind hier sicher, aber sie dort riskieren ihr Leben“

Während Belarus eine weitere Gewaltnacht erlebte, protestierten auch in Deutschland einige gegen Präsident Lukaschenko. Wie sie ihr Heimatland sehen.
Von Maxim Landau
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Foto: Maxim Landau

Es ist ungewöhnlich ruhig, die Fahnen der Demonstrierenden flattern im Wind, scheinbar unbeachtet von den Menschen in den Autos, die vorbei rauschen. Doch manche fahren langsamer. Vielleicht auch, weil sie die Frau sehen, die mit blutigen Händen am Straßenrand steht. „So sehen die Leute in Belarus aus“, sagt sie. 

Vergangenen Montag haben sich vor der Botschaft der Republik Belarus in Berlin rund 150 Menschen versammelt. Sie demonstrieren unter anderem, weil sie die Gewalt verurteilen, die Protestierende in Weißrussland in diesen Tagen erfahren. Die Jungen Liberalen Brandenburg hatten zu dem Protest aufgerufen. Das Blut auf den Schildern und Fingern der Demonstrierenden in Berlin ist nicht echt. Videos von den Ausschreitungen in der belarussischen Hauptstadt Minsk zeigen eine andere Realität.

Laut Medienberichten setzten dort Einheiten des Regimes Gummigeschosse, Tränengas und Blendgranaten gegen Demonstrierende ein. Zu sehen sind Videos, auf denen Polizist*innen Menschen mit Schlagstöcken angreifen und Demonstrierende aus Müllcontainern Barrikaden errichteten. Menschenmassen zogen durch die Straßen – auch in anderen Städten des Landes. In sozialen Netzwerken wurden immer wieder Szenen veröffentlicht, die zeigen, wie Polizist*innen brutal auf Menschen einprügelten. Aber auch Demonstrierende attackierten Polizist*innen, um Festnahmen zu verhindern.

Auslöser der Proteste war die angebliche Wiederwahl des Präsidenten Alexander Lukaschenko am Montag. Dem vorläufigen Ergebnis nach soll er rund 80 Prozent der Stimmen erhalten haben, so sollen es die Zahlen der staatlichen Wahlkommission belegen. Die Spitzenkandidatin der Opposition, Swetlana Tichanowskaja, sei dagegen nur auf rund zehn Prozent der Stimmen gekommen. Tichanowskaja erkannte das Ergebnis nicht an und Protestierende werfen der Regierung Wahlbetrug vor. Auch die Kommissionspräsidentin der EU, Ursula von der Leyen, forderte, das Ergebnis müsse genau geprüft werden und kritisierte die Gewalt gegen Protestierende. Tichanowskaja ist mittlerweile in das benachbarte Litauen geflohen, um dort Schutz vor Repressionen durch das belarussische Regime zu suchen.

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Valeria übersetzt den Schriftzug: "Die Polizei tötet Menschen. Die EU ist besorgt."

Foto: Maxim Landau

Die Frau, die ihre Arme in Berlin mit Blut bemalt hat, heißt Valeryia. Die 28-Jährige sagt, einige Menschen in Belarus wüssten nicht mal, was in ihrem eigenen Land gerade los sei. Denn seit den Wahlen funktionieren das Internet und viele Messenger-Dienste nur sehr eingeschränkt. Regierungskritiker*innen gehen davon aus, dass die Regierung dahinter steckt. Valerjia sagt, sie schicke ihren Freunden die Nachrichtenlage deshalb per SMS. „Sie fühlen sich machtlos und verloren, weil sie kaum Internet haben“, sagt sie. Mit ihrem blutbesudeltem Outfit übt sie auch Kritik an der plötzlichen Aufmerksamkeit für ihr Land. „Es musste erst so weit kommen, damit die Menschen endlich sehen, dass es dort ein Problem gibt.“

Einige Meter weiter, nahe an den Redner*innen in der ersten Reihe, steht Olia. Die 35-Jährige war vor zehn Jahren selbst bei Protesten in Minsk dabei. Auch damals: nach den Wahlen. Auch damals war der Gewinner: Lukaschenko. Seit mittlerweile 26 Jahren ist er an der Macht, oft wird er als letzter Diktator Europas bezeichnet. Olia erinnert sich an die Massen, die schon vor zehn Jahren auf die Straßen gingen. Die Stimmung war aufgeladen. Menschen schlugen Scheiben ein, andere kamen ihr mit Blut im Gesicht entgegen. „Man weiß nicht mehr, wo man ist“, beschreibt sie ihre Überforderung in dem Moment. Als sie sah, dass Militärkräfte auf sie und ihre Freunde zukamen, rannten sie zur U-Bahn. Sie stiegen in einen Zug, wenige Minuten, bevor die Station geschlossen wurde. „Danach habe ich entschieden, dass ich weggehe.“

Drei Jahre später setzte sie ihren Plan endlich um und zog nach Deutschland, um ihren Master in Grafikdesign abzuschließen. Jetzt, 2020, sieht sie Parallelen zu ihren Erfahrungen. Freunde aus Belarus erreichten sie am Abend der Wahlen über den Nachrichtendienst Telegram und berichteten ihr, was sie erlebten. Bis zwei Uhr in der Nacht ploppten Fotos und Videos auf ihrem Handy auf. „Ich konnte nicht schlafen“, sagt sie. Die staatliche Gewalt gehe heute noch viel weiter als damals. 

Als Olia ihre Tante anrief, die in einem Dorf lebt, erfuhr sie, dass sie Lukaschenko gewählt hatte. Olia versuchte ihr zu erklären, was im Land gerade vor sich gehe, aber ihre Tante habe ihr nicht zuhören wollen. Sie legte auf. Olia glaubt, dass ältere Menschen Lukaschenko möglicherweise auch aus der Angst heraus wählen, die Umstände im Land könnten ohne ihn noch schlechter werden. Schließlich hätten sie die Umstände in der Sowjetunion und manche sogar Kriege miterlebt. Olia umschreibt die Worte ihrer Tante: „Besser so – wir haben Brot, Milch und Butter – als wieder nichts.“

An der Demonstration in Berlin fahren immer wieder hupende Autos vorbei, aus denen durch heruntergelassene Fenster Menschen jubeln. Die Demonstrierenden antworten mit Rufen. Es wirkt, als würden sie sich gegenseitig Mut zujubeln. Hat die Demonstration still angefangen, wird es jetzt doch noch laut und ausgelassen. Eine Rede wird von der nächsten und schließlich von der Musik belarussischer Bands abgelöst.

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Margarita kennt die Lieder, die über den Platz hallen. Ihr Freund Georges begleitet sie.

Foto: Maxim Landau

Margarita, 26, kennt die Bands. Eines der Lieder habe sie früher am Lagerfeuer gesungen. In den Texten gehe es um Veränderung und darum, wie schön das Land sei. Die Veranstaltung finde aus gutem Grund vor der Botschaft statt. Margarita sagt, die Redner*innen hätten an die Demonstrierenden appelliert. „Wir sind hier sicher, aber sie dort riskieren ihr Leben“, übersetzt sie. Gemeint sind die Protestierenden in Minsk und in anderen Städten des Landes. „Wir sollen der Botschaft zeigen, dass wir auch etwas tun.“ Margarita sagt, sie sei vor wenigen Tagen schon vor der Botschaft gewesen, um wählen zu gehen. Doch es habe nur eine Wahlkabine gegeben und sie sei nicht an die Reihe gekommen. Margarita macht es den Beamten zum Vorwurf und drückt es etwa so aus: „Sie waren dort sehr langsam.“

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Svetlana und ihr Mann Valentin. Freunde und Familie protestieren in Weißrussland.

Foto: Maxim Landau

Ein paar Meter weiter stehen Valentin, 30, und Svetlana, 31. Über ihren Köpfen  schwenken sie die Flaggen von Belarus. Sie haben von Deutschland aus gewählt. Es passiere immer wieder das gleiche, sagt Valentin. Früher hätten die meisten Menschen die Situation einfach hingenommen. Aber mittlerweile sei der Zusammenhalt vor allem zwischen den jungen Menschen stärker. Svetlana sagt, ihre Familie und Freunde würden auch auf die Demonstrationen in Belarus gehen. Sie sehe Bilder davon, wie Menschen angegriffen werden und sagt, sie habe Angst um ihre Familie. Sie weint. Svetlana und Valentin nehmen sich gegenseitig in die Arme. „Man kann es nicht fassen“, sagt Valentin, „diese Einheiten sind eigentlich da, um die Menschen zu schützen.“ Beide hoffen, dass bald jemand gewählt wird, den die Menschen wirklich als Regierungschef*in haben wollen. Es gebe so viel, an dem gearbeitet werden müsse – das Gesundheitssystem, die Löhne. „Aber erst mal brauchen wir richtige Wahlen“, sagt Valentin. „Deshalb sind wir hier“, sagt Svetlana, „damit ein Wechsel so früh wie möglich passiert.“

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