„Viele finden es super, dass Menschen wie ich sichtbar sind“

Aminata Touré wird wohl die jüngste stellvertretende Landtagspräsidentin aller Zeiten.
Interview von Christina Waechter

Aminata Touré ist 26 und demnächst voraussichtlich jüngste stellvertretende Landtagspräsidenten aller Zeiten.

Bild: Jan Gemkow

Aminata Touré ist 26 Jahre alt und seit zwei Jahren Mitglied des Landtags von Schleswig-Holstein. Demnächst könnte sie die jüngste stellvertretende Landtagspräsidentin aller Zeiten werden, wenn sie nach der Sommerpause voraussichtlich gewählt wird. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit, Instagram und ihren Auftrag gesprochen.

jetzt: Aminata, was macht man eigentlich als stellvertretende Landtagspräsidentin?

Aminata Touré: In erster Linie muss man die Sitzungen mitgestalten und organisieren, die Plenar-Woche vorbereiten. Und vor allem muss man die Sitzungen selbst orchestrieren: Man ruft die Leute auf, sagt, wer dran ist, wann die Redezeit vorbei ist – und muss auch mal Abgeordnete zur Ordnung rufen. Außerdem ist man in dieser Funktion auch damit betraut, den Landtag nach außen hin zu vertreten. Man reist also durchs Land oder lädt Besuchergruppen ins Parlament ein, hält Reden und repräsentiert.

Wie stehen deine Chancen, nach der Sommerpause gewählt zu werden?

Bei uns im Landtag ist es so organisiert, dass CDU, SPD, Grüne und FDP einen Präsidenten stellen. Der Landtagspräsident ist von der stärksten Fraktion der CDU gestellt, und als stellvertretende Präsidenten schlagen die Fraktionen ihren eigenen Kandidaten vor. Sagen wir so: Es wäre ein Novum, wenn eine Kandidatin der Grünen abgeschmettert würde. Aber dass das möglich ist, haben wir zuletzt bei der AfD im Bundestag gesehen

Glaubst du, dass du durch deine Wahl auch mehr Angriffen von Gegnern ausgesetzt sein wirst?

Das Risiko geht man als Mensch des öffentlichen Lebens immer ein. Deshalb stelle ich mir die Frage auch nicht jetzt, die habe ich mir gestellt, als ich als Abgeordnete kandidiert habe. Je mehr man in der Öffentlichkeit steht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für rassistische oder sexistische Angriffe. Aber es wäre mir wirklich zu doof, deswegen jetzt irgendwelche Dinge nicht mehr zu tun. Ich glaube, ich kann die Gefahr recht realistisch einschätzen. Und außerdem steigt ja nicht nur die Zahl der Angriffe mit steigender Öffentlichkeit, sondern auch die Zahl der zustimmenden Nachrichten.

Du bist jung, weiblich und hast einen Migrationshintergrund. Man könnte meinen, dass das lauter Gründe sind, die deine Wahl unwahrscheinlich machen.

Genau deshalb ist die Wahl ein Signal für all diese Gruppen. Ich glaube, es hat eine große Relevanz, wer unser Parlament nach außen vertritt. Vor allem bei Instagram bekomme ich sehr oft die Rückmeldung, dass Leute es super finden, dass Menschen wie ich sichtbar sind.

Die Politik ist geprägt von Menschen, die alle den gleichen Hintergrund haben und gleich aussehen. Und deshalb ist es relevant, dass auch andere Hintergründe gezeigt werden.

Die ersten fünf Jahre deines Lebens hast du in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt. Möchtest du ein Vorbild für Migranten sein?

Mir geht es um ganz viele Gruppen, aber natürlich auch um Menschen mit Migrationshintergrund. Die haben nämlich häufig das Gefühl, politisch nicht mitentscheiden zu dürfen. Wobei: Selbst ältere weiße Männer haben manchmal den Eindruck, dass sie nichts entscheiden dürfen. All die möchte ich erreichen und ihnen das Gefühl geben, dazuzugehören. Man darf nicht unterschätzen, welche Wirkung Repräsentation hat. Wenn ich den Fernseher anschalte und da lauter Menschen sehe, die nicht so aussehen wie ich, dann habe ich das Gefühl, dass ich nicht mitmachen kann.

Dich hat das nicht abgehalten.

Ich hatte irgendwie immer die Haltung: Das juckt mich nicht, ich mache es trotzdem.

Wirst du im Landtag mit Respekt behandelt?

Es gibt natürlich Leute, die es nicht gut finden, dass ich da bin, aber viel mehr, die es super finden. Die sehen ja, dass ich nicht nur als Feigenblatt fungiere, sondern politisch hart kämpfe. Wir hatten schon diverse Debatten, in die ich mit Wumms reingegangen bin.

Hast du dein politisches Engagement von deinen Eltern geerbt?

Ja, ich glaube schon. Viele junge Leute sagen ja, dass sie mit Politik nichts zu tun haben. Das kenne ich so nicht, weil Politik einen direkten Einfluss auf unser Leben hatte. Unser Status als Flüchtlinge war immer abhängig von politischen Entscheidungen, wir waren also persönlich massiv von der Politik betroffen. Insofern hat Politik schon immer eine Rolle in meinem Leben gespielt. Meine Eltern haben auch immer die Nachrichten gesehen. Und zwar die deutschen, die französischen und die malischen.

Im Gegensatz zu manch anderen Politikern scheinst du Social Media kapiert zu haben. Warum ist es wichtig, auf Instagram zu sein?

Ich würde nicht sagen, dass es unbedingt nötig ist, aber irgendeine Form von Transparenz muss man schaffen. Ich zeige auf Instagram einfach meine täglichen Termine. Ältere Kollegen denken oft, dass ich die ganze Zeit nur vor dem Handy rumhänge und auf Instagram bin und verstehen nicht, dass ich meine reguläre Arbeit auf der Plattform einfach nur dokumentiere.

Warum ist Transparenz dir so wichtig?

Das zeigen alleine die ersten Fragen, die meine Freunde und Familie nach meiner Wahl gestellt haben. Die wussten einfach nicht, was ich den ganzen Tag mache. Die wenigsten Leute wissen, was eine Abgeordnete so macht. Und das ist nicht gut. Deshalb muss nicht jeder gleich Instagram anschmeißen, aber wir müssen unsere Arbeit zugänglicher machen für die Bürger. Und Instagram ist eine Möglichkeit, die Leute in meinen Alltag mitzunehmen. Und dann verstehen sie womöglich auch, wofür ich gewählt wurde. Außerdem ist es wichtig, den Leuten auch zu zeigen, dass das wirklich jeder machen kann.

Kann wirklich jeder Politik?

Absolut, das ist der Grundgedanke unserer demokratischen Verfassung. In der Verfassung steht, dass man die deutsche Staatsbürgerschaft haben und mindestens 18 Jahre alt sein muss, und möglichst nicht im Knast sitzen sollte. In der Verfassung steht hingegen nicht, dass du Abitur haben, Jura studiert oder in einem Wirtschaftsunternehmen gearbeitet haben musst, weiß und männlich sein sollst.

  • teilen
  • schließen