„Die Regierung lässt Menschen, die protestieren, töten“

Vier Iraner*innen erzählen, wie sie die US-Sanktionen und Drohungen erleben.
Protokolle von Mathis Raabe und Natalie Mayroth

Foto: Getty Images/Majid

Zwischen den USA und Iran brodelt es, schon länger fürchten viele Menschen eine Eskalation der Spannungen zwischen den beiden Ländern. Vor etwa einem Jahr hatte Donald Trump die USA einseitig aus dem Atomabkommen mit Iran herausgelöst, weil Irans Verhalten (zum Beispiel bei der Entwicklung von ballistischen Raketen oder der Unterstützung von Terror) dem Geist des Abkommens widerstrebe. Seitdem hat der US-Präsident Sanktionen gegen das Land wieder eingeführt, die die wirtschaftliche Lage Irans deutlich verschlechtern. Unter diesen Bedingungen hat Iran Verhandlungsangebote Trumps abgelehnt.

Zu Wochenbeginn hatte der US-Präsident Iran sogar mit einem Militärschlag gedroht und von einer „überwältigenden Auslöschung“ geschrieben, nachdem die USA Iran für Attacken auf Tankschiffe verantwortlich machte. 

Was machen die Drohungen und Sanktionen der USA mit Iran und seinen Bürger*innen? Was halten sie vom Verhalten der USA? Und was von der Regierung ihres eigenen Landes? Vier Menschen aus Teheran und Berlin erzählen.

„Die Regierung lässt Menschen, die protestieren, töten“

Amirpasha, 26, ist Techno-DJ in Teheran

„Ich habe das Geld, um im schlimmsten Fall den Iran zu verlassen und zum Beispiel in die Türkei zu gehen. Die Mehrheit der iranischen Gesellschaft, Menschen aus der Arbeitergesellschaft, haben diese Möglichkeit nicht. Wenn es allerdings tatsächlich einen Krieg geben sollte, dann wird es ähnlich sein wie in Syrien. Dann werden die Menschen das Land auch zu Fuß verlassen.

Die Spannungen, die man im Moment im Iran fühlt, haben aber noch mehr mit der wirtschaftlichen Situation zu tun als mit Donald Trumps Drohungen. Wenn man nichts zu essen hat, ist es auch nicht mehr so schlimm, wenn eine Bombe über einem schwebt. Der kleine Teil der Bevölkerung, der Teil der Regierung ist oder Geschäftsbeziehungen zur Regierung hat, wird trotz der Sanktionen immer reicher. Der Rest wird immer ärmer. Die Regierung verkauft Öl, niemand weiß genau, wie und wohin, und das Geld fließt direkt auf ihre Bankkonten.

Wenn von außen Druck ausgeübt wird, leitet die Regierung diesen Druck direkt auf die Bevölkerung um. Seit Trump Präsident ist, ist dieser Druck natürlich gestiegen, aber ich glaube, dass alle amerikanischen Präsidenten zur Situation beigetragen haben. Unter Barack Obama wurde verkündet, man würde die Entwicklung des Iran unterstützen, das Bankensystem wieder aufbauen. Es ist aber nicht wirklich etwas passiert.

Vielleicht wollen die USA erreichen, dass die Regierung vom Volk gestürzt wird, dass die Menschen gezwungen sind, zu protestieren. Das wird aber nicht passieren. Die Regierung lässt Menschen, die protestieren, töten. Meine Freunde und ich diskutieren jeden Tag über Politik. Wir wachen mit der BBC auf, wir schlafen mit der BBC ein. Jeder hat etwas gehört, jeder hat eine neue Analyse. Im Endeffekt können wir aber in dieser Situation nie eine Lösung finden.“

„Ich glaube nicht, dass man sich jemals bei einem Krieg für die Menschen interessiert hat“

Sanaz, 27, studiert Mathematik in Berlin

„Ich glaube, dass die Menschen, die derzeit im Iran leben, die Situation anders wahrnehmen als ich. Ich lese deutsche Zeitungen, ich lese Al Jazeera. Meine Familie in Teheran kennt nur die BBC Fārsī und andere persischsprachige Medien. Wenn ich hier Zeitung lese, klingt das alles immer total krass und dann telefoniere ich mit meiner Mutter und sie spricht hauptsächlich davon, dass sie heute beim Arzt war. Dann wirkt es so, dass die Menschen dort trotz allem ein normales Leben führen.

Es ist auch interessant, dass das Thema jetzt seit ein paar Monaten hier so groß berichtet wird, obwohl die wirtschaftlichen Probleme schon länger bestehen. Die erste Phase der Wirtschaftssanktionen hat im Sommer 2018 begonnen, zeitgleich mit der WM. Ich war vergangenes Jahr im März im Iran, da war ein Euro 4500 Toman wert. Als ich im September wieder da war, waren es 17 000. Da war auch auf den Straßen eine krass andere Stimmung, es hat sich angefühlt wie eine andere Realität, obwohl es die selbe Stadt sechs Monate später war.

Besonders betroffen sind Menschen, die Medikamente brauchen. Mein Onkel hat Multiple Sklerose und es ist für ihn im Moment richtig schwer, an seine Medikamente zu kommen. Es gibt zwar Versicherungen, aber solche Medikamente, die aus dem Ausland kommen, werden nicht vom Staat bezahlt.

Ich habe auch das Gefühl, dass alle plötzlich aus dem Land weg wollen. Als ich im September da war, haben alle nachgefragt, wie ich Deutsch gelernt habe und wie die Immigration funktioniert. Meine Mama ist 57 und überlegt, in den nächsten Jahren in die Türkei zu ziehen, falls es einen Krieg gibt oder wirtschaftlich noch schlimmer wird. Mit 57 überlegst du dir das nur, wenn du keine Alternative siehst.

Das Absurdeste an den Maßnahmen der USA: Die tun so, als wollten sie etwas für das iranische Volk tun, als wollten sie die Menschen retten. Das stimmt überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass man sich jemals bei einem Krieg für die Menschen interessiert hat.“

„Viele hier hoffen, dass Trump kommt und uns befreit“

A., 34, arbeitet im Import/Export, lebte früher in München, jetzt in Teheran

„Ich liebe mein Land, aber ich weiß nicht, ob ich hier eine Zukunft habe. Seit dem Ausstieg aus dem Atomabkommen wird es jeden Tag schlimmer. Innerhalb eines Jahres hat sich hier fast alles um das drei- bis sechsfache verteuert. Aber ich verdiene nicht mehr. Im Gegenteil. Unsere Wirtschaft ist am Ende. Es ist schwierig geworden, an Medikamente zu kommen. Der Preis für Produkte wird vom Schwarzmarkt diktiert. Schuld dran sind nicht allein die Sanktionen, sondern auch die Korruption. Jeder versucht, zu überleben und verlangt so viel, wie er kann. Du weißt nicht, was du für dein Geld am nächsten Tag noch bekommst oder was es noch wert ist. Dennoch habe ich Glück, ich komme über die Runden. Und muss an keiner Grenze Militärdienst schieben, weil ich ausgemustert wurde.

Keiner im Iran ist glücklich, dass wir in Armut leben müssen. Aber das Gute an den verschärften Sanktionen der USA ist, dass jetzt mit unserem Geld, das vor allem aus dem Ölexport stammt, weniger Terrorismus im Ausland finanziert wird. Dann bleibt das Öl wenigsten hier und kann vielleicht einmal unseren Kindern von Nutzen sein.   

Trotz der angespannten Lage glaube ich nicht, dass es zu einem Krieg mit den USA kommen wird. Denn das würde nicht nur einen Krieg zwischen zwei Ländern bedeuten, das wäre eine riesige Katastrophe für die ganze der Region. Die Islamische Republik hat großen Einfluss im schiitischen Teil des Iraks, sowie in Afghanistan und über die Hisbollah-Miliz auch im Libanon. Auch wenn jetzt weniger Geld in diese Regionen fließt, stehen sie im Zweifel auf der Seite des Irans gegen die USA, die Vereinigte Arabische Emirate und Bahrain. Da wäre ein Bürgerkrieg im Iran wahrscheinlicher.

Meine Gefühle den USA gegenüber sind gemischt. Ich mochte ihren Kapitalismus nie, doch sie waren auch nie der Feind der iranischen Bevölkerung. Erst nach der Islamischen Revolution 1979 hat die Regierung versucht, die USA als „Großen Teufel“ zu propagieren. Filme aus Hollywood und amerikanische Musik sind hier beliebt. Daran hat sich nichts geändert, obwohl sie offiziell verboten sind. Viele hier hoffen sogar, dass Trump kommt und uns befreit von diesem Regime. Mein Vater setzt dagegen auf Cyrus, den Sohn unseres letzten Königs, doch der lebt seit Jahren im Exil in den USA. Ich glaube weder an die USA noch an einen Thronfolger, wir müssen alleine einen Regimewechsel schaffen.

Als ich noch in München gelebt habe, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich der Iran so zum Negativen verändern würde. Mit 16 ging ich dort vor das iranische Konsulat und habe protestiert. Damals hatte ich Hoffnung auf die Opposition im Iran. Ich habe 15 Jahre in Europa gelebt, aber nach meinem Uni-Abschluss konnte ich nicht bleiben. Durch den Protest damals wurde mir nach meiner Rückkehr in den Iran erst mal der Pass abgenommen. Auch da hatte ich immer noch Hoffnung auf einen Wandel.

Heute weiß ich, dass unser Problem die Alternativlosigkeit zum Regime ist. Die einzigen, die aufstehen und sich wehren, sind die Frauen. Sie riskieren jeden Tag Gewalt, wenn ihre Kopftücher nicht tief genug sitzen oder ihre Jeans zu eng sind. Seit den Kopftuch-Protesten 2017 und 2018 hat sich die Situation sehr verschärft. Die politische Elite fürchtet um Machteinfluss, weil die Bevölkerung nicht mehr hinter ihnen steht. Anstatt einzulenken, verschärfen sie die Sittenpolizei, um irgendwie die Kontrolle zu bewahren. Doch Social Media hat uns die Augen geöffnet: Das Regime kann uns – auch nicht durch gesperrte Apps wie Facebook oder Telegram – vom Rest der Welt abschotten. Wir haben längst bemerkt, dass sie mit Fake-News versuchen, von der Krise mit den USA abzulenken. Lange können sie das nicht mehr durchhalten.“

Sie sprechen im Scherz von Selbstmord. Das ist normal geworden

 Ali, 27, ist Fotograf in Teheran

„Ich bin Fotograf und meine Freunde sind Fotografen. Die Preise für das Equipment, das wir brauchen, um unsere Arbeit zu machen, sind auf Grund der Wirtschaftssanktionen der USA in den Himmel geschossen. Unsere Währung ist so wenig wert wie noch nie. Es gibt die Redewendung, dass wir Tomans verdienen, aber Dollar ausgeben. Um etwas zu kaufen, das nicht im Iran hergestellt wurde, muss ich drei Mal so viel arbeiten wie vor ein oder zwei Jahren. Das ist sehr frustrierend für mich und all die anderen, die jetzt mehr arbeiten und dafür weniger bekommen.

Es fühlt sich an, als wäre die gesamte Nation innerhalb der vergangenen Jahren deprimiert und müde geworden. Viele Menschen in meinem sozialen Umfeld sprechen davon, das Land zu verlassen. Sie sprechen im Scherz von Selbstmord. Das ist normal geworden. Sie sagen scherzhaft, wir sollten ruhig in den Krieg ziehen, weil es eh nicht viel schlimmer werden kann. Ein Krieg wäre natürlich katastrophal, aber die Menschen haben jetzt schon eine Scheiß-drauf-Attitüde. Die Regierung selbst ist wenig betroffen von dem, was gerade passiert. Sie haben das Geld und die Macht. Es ist das Volk, das leidet.

Beide Seiten in diesem Konflikt verhalten sich absolut idiotisch. Sie tun Dinge, nur um eine Reaktion hervorzurufen. Das ist ein sehr gefährliches Glücksspiel. Ein Krieg, auch einer, der mit begrenzten Angriffen beginnt, wird immer eskalieren, denn ich sehe keine Vernunft auf keiner Seite. Donald Trump ist ein Wahnsinniger, der seine Entscheidungen scheinbar über Nacht trifft. Wenn ich internationale Fernsehsendungen sehe, kann ich nicht glauben, was ich höre. Er denkt, er ist ein Genie, aber er ist einer der größten Idioten der Menschheitsgeschichte.

Es gab einen Atomdeal zwischen dem Iran und fünf anderen Nationen, aus dem er ausgestiegen ist. Jetzt will er wieder verhandeln. Unsere Regierung wird sich darauf nicht einlassen, denn welche Garantie gibt es, dass er nicht einfach erneut aussteigt? Das ist ein legitimes Argument. Er verschärft die Sanktionen, er hat vergangene Woche fast einen Krieg begonnen und jetzt will er wieder verhandeln? So funktioniert das nicht. Er hat einen Angriff angeordnet und zurückgezogen, einfach nur um seine Macht zu demonstrieren. Das fühlt sich für mich nach einem Glücksspiel an.“

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