[object Object]

Shaparak (links) und Jafar in ihrem Restaurant in Chemnitz.

Foto: Johanna Roth

Die Polizeimeldung klingt wie eine von hunderten. „Zwischen Samstag, gegen 22 Uhr, und Sonntag, gegen 8 Uhr, haben Unbekannte mehrere Fensterscheiben eines Restaurants in der Lohstraße beschädigt. Der Sachschaden wird auf einige hundert Euro geschätzt.“ Aber wenn man den Kontext kennt, klingt die Meldung bedrohlicher als eine einfache Sachbeschädigung: Der Vorfall ereignet sich in Chemnitz, im September 2018, wenige Wochen nach den massiven rechtsextremen Ausschreitungen, über die sogar die New York Times berichtete. Und das Restaurant, dessen Scheiben eingeschlagen wurden, ist nicht irgendein Restaurant. Das „Schmetterling“ serviert persisches Essen – und gehört zwei jungen Flüchtlingen aus dem Iran.

Zwei Monate später, an einem Dienstag Ende November, sitzt Shaparak Ghanbari an einem Zweiertisch im „Schmetterling“ und schiebt gedankenverloren die Tasse Tee hin und her, die vor ihr steht. Draußen ist es schon dunkel, aber das Restaurant ist leer, für Dinnergäste ist es noch zu früh. Shaparak ist eine zierliche, sehr schöne Frau, die Wimpern sind sorgfältig verlängert, die Füße stecken in makellos weißen Sneakers. Sie wirkt abgeklärt und schüchtern zugleich, wie jemand, der zu viel erlebt hat, um nach außen überhaupt noch Wut oder Trauer zu zeigen. „Das Restaurant war der Anfang von einem neuen Leben“, sagt sie. „Aber inzwischen fragen wir uns, ob das eine falsche Entscheidung war. Ob wir naiv waren, gerade hier neu anzufangen. Vielleicht war diese Stadt ein Fehler.“

Es war nicht einfach, aber es funktionierte. Bis die Stadt ihre hässliche Seite zeigte

Shaparak, 32, und ihr zwei Jahre jüngerer Mann Jafar sind als politisch verfolgte Christen aus dem Iran geflohen. Sie reisten zu Fuß, per Bus, schließlich auch mit dem Boot über das Mittelmeer, von der Türkei nach Griechenland. Ursprünglich wollten sie nach England, wohin ihre Familien bereits geflüchtet waren. Sie kamen nur bis Deutschland. Ende 2015 erreichten sie Hamburg und wurden wenig später nach Chemnitz weiterverwiesen, wo sie einige Monate in einer Erstunterkunft verbrachten, bevor sie in eine Wohnung ziehen konnten.

Die Zeit auf der Flucht war hart, Shaparak wurde schwer krank, und mit ihrem Englisch kam sie hier kaum weiter. Aber in der Erstunterkunft lernten sie Menschen kennen, Chemnitzer, nette Leute, die ihnen halfen, sich zurechtzufinden. Und die ihnen im letzten Frühjahr unter die Arme griffen, als sie beschlossen, sich etwas aufzubauen: ein Restaurant mit Gerichten aus ihrer Heimat. Nahost trifft Ostdeutschland. Es war nicht einfach, aber es funktionierte. Bis die Stadt ihre hässliche Seite zeigte.

Als sie am nächsten Morgen in ihr Restaurant kommen, sind die Scheiben kaputt. Aber Steine finden sie im Innenraum keine

An jenem Abend im September gehen Shaparak und ihr Mann schon gegen 22.30 Uhr nach Hause. Normalerweise würden sie noch länger im Restaurant bleiben, aber Gäste sind ohnehin kaum da. Denn vor der Tür herrscht Ausnahmezustand: Die rechte Gruppierung „Pro Chemnitz“ hat in der Innenstadt zu einer Kundgebung aufgerufen, rund 2000 Teilnehmer sind gekommen. Der Polizeibericht von jener Nacht verzeichnet 15 Anzeigen; ein Journalist soll geschlagen worden sein, außerdem wird das Gebäude eines linken Vereins mit Steinen und Eiern angegriffen, nur ein paar Häuser entfernt vom Restaurant Schmetterling. „Wir haben das Blaulicht gesehen“, sagt Shaparak. „Aber dass man uns auch angreifen würde, damit haben wir nicht gerechnet.“

[object Object]

Anfangs, nach der Eröffnung im Sommer, hatte Shaparak noch viel zu tun.

Foto: Johanna Roth

Als sie am nächsten Morgen in ihr Restaurant kommen, sind die Scheiben kaputt. Aber Steine finden sie im Innenraum keine. Baseballschläger? Eisenstangen? Und vor allem: Wer waren die Täter, und was war ihr Motiv? „Wir ermitteln nach wie vor in alle Richtungen“, sagt Tom Bernhardt vom LKA Sachsen. Trotzdem: Die Vermutung liegt nahe, dass es hier nicht um gewöhnlichen Vandalismus geht, sondern dass es einen Zusammenhang gibt zu den Protesten gewaltbereiter Neonazis und rechter Wutbürger, von denen Chemnitz seit August immer wieder heimgesucht wurde. Denn das „Schmetterling“ ist kein Einzelfall: Mindestens vier Chemnitzer Restaurants wurden im vergangenen Herbst innerhalb weniger Wochen gewalttätig angegriffen. Zuerst das jüdische Restaurant „Schalom“, dann das „Schmetterling“, kurze Zeit später wurde der Besitzer des persischen Restaurants „Safran“ mit seinen eigenen Einrichtungsgegenständen krankenhausreif geprügelt. Und Mitte Oktober brannte das türkische Restaurant „Mangal“ nach einer nächtlichen Brandstiftung komplett aus.  

Die öffentliche Aufmerksamkeit für die rechten Demos ist längst abgeflaut, dabei gibt es sie noch immer

Weder, dass diese Fälle zusammenhängen, noch, dass sie von Neonazis verübt wurden, ist bislang bewiesen. Trotzdem ermittelt der Staatsschutz wegen eines möglichen politischen Hintergrunds. Tatsächlich war auch der Zeitpunkt des Angriffs auf das „Schmetterling“ eine Nacht von Freitag auf Samstag, in der eine rechte Demo stattfand; in der Pressemeldung der Polizei stand irrtümlich das spätere Datum, wie ein Sprecher gegenüber jetzt einräumt. Die öffentliche Aufmerksamkeit für die rechten Demos ist längst abgeflaut, dabei gibt es sie noch immer: „Pro Chemnitz“ hat seit Ende August beinahe jeden Freitag zu Kundgebungen aufgerufen; am 9. November kamen dazu laut Zahlen der Polizei immerhin noch 1200 Teilnehmer, aber nur rund 750 Gegendemonstranten.

Für Jafar und Shaparak ist alles anders geworden – und zwar nicht erst seit dem Angriff auf ihr eigenes Restaurant. Seit Ende August, als die fremdenfeindlichen Ausschreitungen eskalierten, sind die Besucherzahlen des „Schmetterling“ dramatisch zurückgegangen. „Den ganzen Sommer über waren wir gut besucht, vor allem freitags und samstags“, sagt Shaparak. „Aber inzwischen kommen am Freitag nur noch halb so viele Leute. Die Innenstadt ist für viele durch die Demonstrationen dann einfach tabu.“ Immerhin haben sie Stammgäste, die ihnen treu bleiben, und die Bewertungen auf Google und anderen Portalen sind fast alle begeistert: „Eine der besten Küchen in Chemnitz zu absolut fairen Preisen”, schreibt ein User, ein anderer lobt: „Sehr lecker!!! Wenn wir in der Nähe sind gehen wir wieder hin !!!“

Es sei harte Arbeit, sagt sie, aber auch etwas, worauf sie sehr stolz seien

Für ihren Traum vom eigenen Restaurant haben die beiden vier Monate lang rund um die Uhr gearbeitet, renoviert, eine Speisekarte entworfen, unzählige Behördengänge absolviert. Erst Mitte Juni hatte das „Schmetterling“ eröffnet. Jafar ist gelernter Koch, für ihn ist das Restaurant „wie zuhause”, wie seine Frau sagt. Shaparak selbst ist eigentlich Architektin, aber weil ihr Deutsch noch nicht so gut ist, traut sie sich nicht zu, in ihrem alten Beruf zu arbeiten – sofern ihre Ausbildung überhaupt anerkannt würde. Jetzt steht sie jeden Tag von morgens bis abends hinter der Theke. Es sei harte Arbeit, sagt sie, aber auch etwas, worauf sie sehr stolz seien: „Wir hatten uns das alles so schön vorgestellt.“

[object Object]

Seit Freitags regelmäßig Rechte in der Innenstadt demonstrieren, ist das Restaurant oft leer.

Foto: Johanna Roth

Die beiden haben Angst um ihre Zukunft, das ist das eine. Das andere ist die Angst vor der Gegenwart. Etwa zwei Wochen, nachdem die Scheiben zerstört worden sind, taucht plötzlich eine Gruppe glatzköpfiger Männer im Restaurant auf, ganz offensichtlich Neonazis. Sie schlendern zum Getränkekühlschrank hinter der Theke und nehmen sich einfach ein Bier. Shaparak, die gerade allein bedient, holt ihren Mann aus der Küche. Jafar ist ein eher stiller Typ, aber in dieser Situation könnte es vor allem geholfen haben, dass er gut trainierte Oberarme hat. Die Männer verlassen das vollbesetzte Restaurant wieder. Gesagt haben sie nichts, aber Jafar und Shaparak haben trotzdem verstanden: „Wir hatten einfach nur Angst.“

Shaparak und Jafar kennen inzwischen beide Seiten von Chemnitz: Die, die sie bedroht. Und die, die für sie da ist

Und diese Angst begleitet sie seitdem. Beim Einkaufen, auf dem Heimweg, rund um die Arbeit sowieso. „Besonders freitags gehen wir eigentlich nur zu zweit raus. Und bevor wir uns dem Restaurant nähern, vor jedem Rein- und Rausgehen, schauen wir erst mal, ob da vielleicht jemand ist.“ Aber es seien nicht nur sie selbst, die ängstlicher geworden seien. Die ganze Stadt habe sich seit dem Sommer verändert, sagt Shaparak. „Man muss nur rausgehen und spürt es sofort. Früher haben wir Rassismus gar nicht so wahrgenommen, aber jetzt lesen und hören wir immer wieder von Leuten, die auf der Straße beleidigt werden. Einfach so, weil sie anders aussehen.“

André Löscher weiß, wovon sie spricht. „Manche Menschen fühlen sich in Chemnitz nicht mehr sicher”, sagt er über den beunruhigenden Anstieg rechter Gewalt. „Durch die Demos hat sich eine Spirale in Gang gesetzt: Leute fühlen sich ermutigt, ihren Hass zu zeigen. Im Zuge dessen ist die Zahl der Angriffe enorm gestiegen.“ Löscher arbeitet für die Chemnitzer Opferberatung der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie e.V., kurz RAA.  Zwischen Ende August und Anfang November hat der Verein in Chemnitz 47 Fälle von rechter Gewalt registriert – doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2017, sagt Löscher. Und das seien nur die, die ihnen gemeldet würden: „Viele Fälle von Alltagsrassismus werden von uns gar nicht erfasst.“ In einer Chronik auf der Website werden die Attacken aufgelistet: Ende Oktober beispielsweise wurden drei Männer beim Einkaufen rassistisch beleidigt, geschlagen und aus dem Supermarkt gedrängt.

Shaparak und Jafar kennen inzwischen beide Seiten von Chemnitz: Die, die sie bedroht. Und die, die für sie da ist. Ihre Gäste zum Beispiel kommen fast alle aus Deutschland. Und während Shaparak von den vergangenen Monaten erzählt, baut Jafar die Verkleidung der Heizung aus – gemeinsam mit ihrem Freund Dietmar, den sie noch aus der Erstunterkunft kennen, wo er damals arbeitete. Er hat ihnen nicht nur beim Renovieren geholfen, sondern auch bei den ganzen bürokratischen Hürden. Wenn sie davon erzählt, strahlt Shaparak. Aber es hält nie lange an. Denn das Gefühl, endlich angekommen und in Sicherheit zu sein, das sie durch den Sommer begleitet hat – das ist weg.

Mehr zu den Demos in Chemnitz: