„Ich bin nicht wirklich optimistisch, was die neue Regierung betrifft“

Enrida, Lorenzo und Hamilton berichten, was die neue Koalition für ihre Heimat Italien bedeutet.
Protokolle von Nina Büchs

Nach mühsamen Verhandlungen hat der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte eine neue Regierung aus der populistischen Fünf-Sterne Bewegung und den Sozialdemokraten (PD) vereidigt. Wir haben drei junge Menschen aus Italien gefragt, was sie von der neuen Koalition halten, warum sie weiterhin an eine positive Zukunft Italiens glauben und was ihrer Meinung nach getan werden sollte, um die aktuellen Probleme ihres Landes zu lösen.

„Ich sehe die neue Regierung auch als Erfolg“

Foto: privat

Enrida, 29, Studentin und Aktivistin aus Florenz

„Einerseits bin ich skeptisch, dass eine Koalition aus zwei zerstrittenen Parteien die richtige Lösung sein kann. Vermutlich wird es nicht einfach sein, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, da die Ansichten der Fünf-Sterne-Bewegung und der Sozialdemokraten sehr stark auseinander gehen. Aber ich sehe die neue Regierung auch als Erfolg, weil Salvini und die rechte Partei Lega Nord endlich von ihrem Amt abgelöst wurden und damit hoffentlich auch der Rassismus in unserem Land abnimmt und mehr Toleranz in unserer Gesellschaft Platz findet.

Ob wir mit der neuen Koalition wirklich eine besser Zukunft für Italien erreichen können, ist unklar. Umso wichtiger finde ich es, dass sich junge Leute in meiner Generation mit dem Thema Politik auseinandersetzen. Als Aktivistin und Mitarbeiterin der Organisation „Associazione Ricreativa e Culturale Italiana“ (Italienischer Freizeit- und Kulturverein) versuche ich, junge Menschen in Italien unter anderem durch Filmvorstellungen und Lesungen, die sich mit politischen Inhalten beschäftigen, näher an die Politik heranzuführen und eine positive Veränderung für unser Land zu bewirken. Leider sehe ich, dass das nicht immer ganz einfach ist. Viele Menschen in meiner Generation beteiligen sich nicht an den Wahlen, weil sie denken, dass ihre Stimme nicht gehört wird und sie nicht wirklich etwas verändern können.

Positiv überrascht hat mich dagegen die „Fridays for Future-Bewegung“. Bei der ersten Demonstration in Florenz haben so viele junge Menschen protestiert wie seit Jahren nicht mehr. Das hat mir gezeigt, dass ein Großteil der jungen Leute den Willen hat, sich zu engagieren. Und das müssen wir auch tun. Denn wer, wenn nicht die junge Generation, hat die Macht, etwas zu verändern?“

„Ich träume von einer völlig anderen Regierung“

Foto: privat

Lorenzo, 31, aus Rom hat bei einem politischen Radiosender gearbeitet und ist jetzt in einem Bed and Breakfast angestellt

„Ich bin nicht wirklich optimistisch, was die neue Regierung betrifft. Sie wird zwar von manchen als bessere Option empfunden, aber man darf nicht vergessen, wofür die Parteien stehen, die diese Regierung bilden. Die Fünf-Sterne-Bewegung war auch vorher schon an der Regierung unseres Landes beteiligt und hat gemeinsam mit der rechten Liga die schlimmsten rassistischen Gesetze verabschiedet, wie beispielsweise den Beschluss, dass Seenotretter nicht in einem italienischen Hafen anlegen dürfen. Auch die Sozialdemokraten sind in meinen Augen keine fähige Partei, wenn es darum geht, die Situation der Flüchtlinge zu verbessern. Stattdessen hat der sozialdemokratische Ex-Innenminister Minniti dazu beigetragen, die Zusammenarbeit Italiens mit der libyschen Küstenwache zu stärken und Flüchtlinge in libysche Lager abzuschieben, nur um den Zuwachs durch Migranten einzudämmen. Aber die Lager in Libyen sind ein gefährlicher Ort für Flüchtlinge. Wahrscheinlich wird die neue Regierung zwar weniger offensichtlich den Rassismus in Italien fördern, aber ich fürchte, ihre Maßnahmen werden denen der vorherigen Regierung stark ähneln.

Ich finde, dass wir jetzt vor allem etwas gegen den wachsenden Rassismus in unserem Land tun sollten. Viele Italiener sehen in Migranten und Flüchtlingen eine Bedrohung, weil sie denken, sie nehmen ihnen die Jobs weg. Das stimmt natürlich nicht, weil sie keine wirkliche Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt darstellen. Um einen toleranteren Umgang mit Migranten zu ermöglichen, ist es meiner Meinung nach wichtig, Fakten zu vermitteln. Wenn man die italienische Berichterstattung betrachtet, erkennt man auch den Grund, weshalb die Kluft zwischen Einheimischen und Migranten immer größer wird. Die Medieninhalte richten sich oft nach der Einstellung der Regierung, die in großen Teilen Propaganda verbreitet.

Wenn ich an die Zukunft Italiens denke, träume ich von einer völlig anderen Regierung. Einer Regierung, die das Geld der Reichen verteilt, um das Leben vieler Menschen, die im Moment wirklich arm sind, besser zu machen. Einer Regierung, die in Schulen und Universitäten investiert und versucht, den Arbeitsmarkt weniger unfair zu gestalten. Einer Regierung, die diesen starken Kapitalismus, in dem wir leben, verändern könnte. Obwohl ich weiß, dass diese Vorstellung weit von der Wirklichkeit entfernt ist, bin ich davon überzeugt, dass wir als junge Italiener etwas bewirken können, wenn wir uns zusammenschließen und wenn der Öffentlichkeit objektive Informationen zugänglich gemacht werden, damit sich die Menschen eine bessere Meinung bilden und die Politik aus mehrere Perspektiven betrachten können.“

„Wir müssen in Bildung, Forschung und Gesundheit investieren“

Foto: privat

Hamilton, 27, engagiert sich politisch, seit er 15 Jahre alt ist, und arbeitet als Pfleger in einem Krankenhaus

„Ich bin davon überzeugt, dass die aktuelle Koalition für Italien bessere Bedingungen aushandeln kann. Die neue Regierung ist weniger populistisch und positiver gegenüber Europa eingestellt. Meine Befürchtung ist aber, dass die Koalition nicht lange bestehen wird, da die beiden Parteien sehr unterschiedliche Ansichten vertreten.

Trotz der aktuellen Situation, in der wir Italiener mit Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit, Rassismus und der italienische Mafia zu kämpfen haben, bin ich optimistisch, dass diese Generation es schaffen kann, von den italienischen und europäischen Institutionen gehört zu werden. Als Mitglied der Organisation „Social Lab“, die erst dieses Jahr gegründet wurde, bin ich auch selbst politisch aktiv und organisiere Veranstaltungen und Diskussionen über politische Inhalte, um die demokratische Beteiligung junger Bürger zu fördern.

Meiner Meinung nach würde sich die Situation in Italien verbessern, wenn die Regierung in folgende drei Dinge investieren würde: Bildung, Forschung und Gesundheit. Während wir im Gesundheitsbereich anderen Ländern der Europäischen Union voraus sind, kürzen die verschiedenen Regierungen in Bildung und Forschung weiterhin die Ressourcen. Durch die Berlusconi-Regierung hat Italien viele Professoren und viel Geld für Bildung verloren. Wenn wir unsere starke Rolle innerhalb der Europäischen Union und in der Welt erhalten wollen, müssen wir weiterhin in Bildung und Forschung investieren. Nur so wird sich das Land entwickeln und die Menschen werden über die notwendigen Mittel verfügen, um eine nachhaltige Zukunft für unsere Generation zu ermöglichen.“

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