„Hallam ist nicht unser Guru“

Was sagt Extinction Rebellion dazu, dass der Mitgründer der Bewegung in einem Interview den Holocaust verharmloste?
Interview von Christina Waechter

Fotos: dpa/Andres Pantoja, dpa/Dominic Lipinski Bearbeitung: jetzt

Der Brite Roger Hallam ist Mitbegründer der radikalen Klimabewegung Extinction Rebellion (XR). Das ist allerdings nicht der Grund, warum er seit Mittwoch heftig in der Kritik steht und sogar die Veröffentlichung seines geplanten Buches abgesagt wurde: Gegenüber der Zeit hatte er gesagt, der Holocaust sei ein Genozid wie es in der Weltgeschichte schon oft passiert sei und nur „irgendein weiterer Scheiß“. Deutschland solle sich aus dem Trauma befreien. Was hält der Rest seiner Bewegung von dieser Verharmlosung? Wir sprachen darüber mit Tino Pfaff, Teil des Presseteams von Extinction Rebellion Deutschland.

jetzt: Wie reagiert ihr auf das Interview mit Roger Hallam, das in der Zeit erschienen ist?

Tino Pfaff: Wir empfinden auf jeden Fall Empörung und Schock über einen derartigen Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte. Den Holocaust so zu relativieren, ist aus unserer Sicht höchst problematisch. Für uns als Bewegung ist das ein absoluter Tiefpunkt. Insbesondere, dass das so umfassend kommuniziert wird. Wir distanzieren uns vehement von den Aussagen Hallams. Die Annahme, dass er als Sprecher der Bewegung gesehen wird, ist falsch. Das ist er nicht und das war er nie.  

„Den Holocaust auf diese Weise zu instrumentalisieren, geht für uns gar nicht“

Wie das?

Dezentralität war von Beginn an Teil der Identität von Extinction Rebellion. Selbst wir in Deutschland haben keinen Dachverband, jede Ortsgruppe ist völlig dezentral organisiert. Wenn sich so eine Ortsgruppe wie auch immer positioniert, dann tut sie das in eigener Verantwortung. Wichtig ist nur, dass alle die zehn Prinzipien und die drei Forderungen von XR teilen. Wir sind nicht abhängig von XR UK, das zeigt sich unter anderem darin, dass wir in ganz vielen Ländern verbreitet sind und als deutscher Ableger zum Beispiel sehr eng mit Gruppen in Indien, im Kongo oder in Hongkong verbunden sind, viel mehr als mit XR UK. Klar ist es immer schön, wenn Menschen mit einer gewissen Öffentlichkeitswirkung zu uns stoßen. Aber wir haben keinen Anführer.  

Was wollte Roger Hallam mit der Aussage bewirken? 

Ich konnte mir gestern nicht erklären, woher diese Aussage kommt – vor allem weiß ich wirklich nicht, was das mit der eigentlichen Thematik von Extinction Rebellion zu tun haben soll. Klar, die Geschichte der Europäer ist sehr niederschmetternd und es ist klar, dass in den vergangenen 500 Jahren unzählige Genozide stattgefunden haben. Aber einen Genozid mit einem anderen ins Verhältnis zu bringen – das geht gar nicht, die Verhältnismäßigkeit ist außerdem nicht logisch. Solche geschichtsverzerrenden Aussagen haben bei uns keinen Platz.

Und kannst Du es dir heute erklären?

Nach Rücksprache mit ihm ist nun klar: Er will mediale Empörung erzeugen und damit letztlich Aufmerksamkeit und Empörung bezüglich der dramatischen Klimakatastrophe hervorrufen. Schon heute sterben täglich unzählige Menschen und tatsächlich droht durch die Auswirkungen der Erderwärmung und der ökologischen Krise ein fürchterliches Massensterben insbesondere im globalen Süden, das man auch als Genozid bezeichnen kann. Verantwortlich dafür sind hauptsächlich wir Menschen im globalen Norden.

Tino Pfaff ist Teil des Presseteams von Extinction Rebellion Deutschland.

Foto: privat

Stimmt ihr ihm dann zu, dass solche Aussagen ein adäquates Mittel im Kampf gegen den Klimawandel seien?

Nein, das ist klar: Den Holocaust auf diese Weise zu instrumentalisieren, geht für uns gar nicht. Nichts kann das rechtfertigen. Wir bedauern es außerdem sehr, dass der Fokus der Öffentlichkeit so sehr auf diesem Thema liegt, wo es eigentlich um den globalen Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe gehen sollte. Aber es wäre ebenso unangebracht, solche Aussagen nicht öffentlich zu verurteilen.

Gerade in Deutschland haben wir uns schon einmal von einer Aussage Hallams distanzieren müssen, damals bezüglich eines Sturzes der Demokratie. Genau im Gegenteil macht es sich Extinction Rebellion nämlich zur Aufgabe, die Demokratie zu schützen und vor dem Zusammenbruch, der durch die Klimakatastrophe eintreffen kann, zu bewahren.     

„Hallam hat nicht mal ansatzweise das Recht, für uns zu sprechen“

Was bedeutet das für eure Bewegung? Du hast in dem Zusammenhang gesagt, weniger die kollektive Schuld würde euch lähmen als vielmehr solche Aussagen Hallams. 

Das Problem ist, dass genau solche Aussagen medial aufgegriffen und stark kommuniziert werden. Und dagegen wehren wir uns. Hallam ist nicht unser Guru, das steht gegen die Logik von XR. Schau mich und meine Kollegin Annemarie an: Wenn wir als Sprecher von Extinction Rebellion Deutschland zitiert werden, dann trifft das auch nicht den Kern der Sache. Wir treten zwar auf, sind aber nicht die Sprecher. Alle, die bei uns mitmachen, sind gleichwertig zu betrachten. In der Regel spreche ich deshalb auch nur für mich - und die Bewegung kann sagen: In diesen und jenen Punkten kann Tino für die Bewegung sprechen, weil er mitbekommt, was in der Bewegung passiert und das auch verstanden hat. Das Mandat, das ich momentan habe, kann mir auch sofort aberkannt werden. Insofern hat Hallams auch nicht mal ansatzweise das Recht, für uns zu sprechen.  

Aber kann es nicht sein, dass genau solche Situationen dann systemimmanent sind – und das immer wieder passieren kann, wenn es eben keine zentrale Organisation gibt?

Klar, das ist schwierig und ein Dilemma, das wir immer wieder ansprechen müssen. Aber wir sind ja nicht komplett ohne Grundlagen: Wir haben unsere zehn Prinzipien, die jeder von uns befolgt und die unter anderem besagen, dass wir niemanden aufgrund seiner Hautfarbe, Religion oder weltanschaulichen Überzeugungen ausschließen wollen. Das ist unser Maßstab.

Ihr seid in euren Maßnahmen und Aktionen oft radikal – zieht das womöglich auch Menschen an, die auch in anderen Bereichen radikale Ansichten haben? 

Ich würde nicht sagen, dass wir radikal sind. Diese Bezeichnung halte ich für irreführend. Es ist eher umgekehrt: Wir protestieren friedlich und bunt, um auf die ökologische Katastrophe aufmerksam zu machen. Ungefähr 70 Prozent der Menschen bei XR waren vorher keine Aktivist*innen oder in diesem Rahmen politische aktiv. Das zeigt, dass wir gerade Menschen erreichen, weil wir nicht radikal, aber entschlossen sind. Immer wieder sagen uns Menschen, dass sie bei XR mitmachen, weil es eine gewaltfreie Bewegung ist und weil wir uns klar von allen Formen der Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt abgrenzen.  

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