„Antisemitismus beginnt nicht erst bei der Holocaustleugnung“

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen Studenten in Hamburg erzählen vier Juden und Jüdinnen, was sich ändern muss, damit sie sich sicher fühlen.
Protokolle von Marie Campisi und Marcel Laskus
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Foto: privat, Helene Braun, Rina Gechtina, Robert Poticha; Bearbeitung: jetzt

Am Freitag jährt sich der antisemitische Anschlag in Halle zum ersten Mal. Am vergangenen Sonntag nun wurde ein jüdischer Student vor der Synagoge in Hamburg angegriffen. Der 26-Jährige war am Sonntag auf dem Weg zum jüdischen Laubhüttenfest Sukkot gewesen und trug eine Kippa. Der Täter konnte von Sicherheitskräften zwar schnell gestoppt und festgenommen werden, die Sorgen um die Sicherheit von Juden und Jüdinnen wurden durch den Angriff jedoch erneut bestätigt. Der 29-jährige Täter wird von der Polizei als extrem verwirrt eingeschätzt, weswegen es schwierig sei, ihn zu vernehmen. Dennoch geht die Polizei Hamburg von einem antisemitisch motivierten Angriff aus.

Besonders Juden und Jüdinnen zeigen sich schockiert von diesem erneuten Angriff und teilen ihre Ängste in den sozialen Medien. Dabei wird deutlich, dass Sicherheitstüren und Polizeiwachen vor Synagogen nicht ausreichen, um jüdischen Menschen in Deutschland ein sicheres Leben gewährleisten zu können. Wir haben mit vier Juden und Jüdinnen gesprochen und gefragt, was sie jetzt fordern.

„Die Kriminalämter müssen die Sorgen der Betroffenen ernst nehmen und brauchen Fortbildungen“

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Foto: Rina Gechtina

Anna Staroselski, 24, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion:

„Mein erster Gedanke nach dem Vorfall in Hamburg war: Es wird Zeit, sich bei einem Selbstverteidigungskurs anzumelden. Man hört von der Politik immer wieder den Wunsch: Jüdisches Leben soll ohne Polizeischutz möglich sein. Aber vor allem mit Polizeischutz muss Sicherheit hergestellt werden und scheinbar funktioniert das noch nicht. Es ist niemand umgekommen bei dem Überfall am Sonntag, zum Glück. Aber ein Mann liegt im Krankenhaus. Sukkot ist eigentlich ein Feiertag, den wir Jüdinnen und Juden draußen feiern. Man lädt Gäste ein. Es ist ein Fest der Öffnung. Kein Fest, bei dem man sich verschanzen muss.

Das ganze Jahr über wurde über Halle gesprochen. Und wir in der jüdischen Gemeinde haben uns gefragt: Wo wird es als nächstes passieren? Das Gefühl eines sicheren Lebens hat nach Halle abgenommen. Und es passierte ja auch einiges seitdem: Die antisemitischen Demonstrationen der Corona-Leugner, bei denen der Holocaust relativiert wird und Menschen mit dem ,Judenstern‘ rumlaufen. Erst letzte Woche wurde in Berlin die Mesusa am Hauseingang der Synagoge geschändet und mit einem Hakenkreuz beschmiert.

Ohne Polizeipräsenz geht es nicht. Aber noch wichtiger ist, dass die Sicherheitskräfte geschult und sensibilisiert sind. Die Kriminalämter müssen die Sorgen der Betroffenen ernst nehmen und brauchen Fortbildungen. Polizeiliche Behörden müssen besser ausbilden, um Signale wahrzunehmen. In Berlin ist es gut, dass man bei der Polizei mittlerweile die IHRA-Arbeitsdefinition als Maßstab aufgenommen hat, also die Definition von Antisemitismus, die von der International Holocaust Remembrance Alliance erarbeitet wurde. So ist es greifbarer. Denn Antisemitismus beginnt nicht erst bei der Holocaustleugnung, sondern viel eher.“ 

„Beim Antisemitismus geht es nicht darum, was jüdische Menschen machen oder wollen, sondern darum, was andere über das Judentum denken“

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Foto: Helene Braun

Monty Aviel Ott, 29, jüdischer LGBTQI*-Aktivist:

„Der Grund, warum es antisemitische Angriffe wie in Hamburg gibt, ist, dass die Täter viel Unterstützung finden. Da spielen vor allem Online-Foren und Chatgruppen eine bedeutende Rolle. Sie sehen sich sozusagen nur als die Speerspitze des Antisemitismus, die zur Tat schreitet. Deswegen sollte man auch nicht von Einzeltätern sprechen. Es ist wichtig, Antisemitismus zu verstehen und auch zu kritisieren. Deutschland ist nun mal der Nachfolgestaat eines totalitären, antisemitischen Staates und das hat natürlich Spuren hinterlassen. Antisemitische Ideologien sind noch nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden und damit müssen wir uns alle beschäftigen. Der Antisemitismus ist kein Problem von Jüdinnen und Juden, sondern von nicht-jüdischen Menschen. Im Antisemitismus geht es nämlich nicht darum, was jüdische Menschen machen oder wollen, sondern darum, was andere über Jüdinnen und Juden denken. Um Antisemitismus tatsächlich zu bekämpfen, muss man sich deshalb kritisch mit sich selbst auseinandersetzen. Dabei muss sich jeder selbst hinterfragen, welche Bilder von jüdischen Menschen man reproduziert und woher man ein bestimmtes Bild vom Judentum hat.

Das Judentum taucht fast nur im Kontext der Shoa, des Antisemitismus und Israel auf. Es muss andere Möglichkeiten für jüdische Menschen geben, in Deutschland sichtbar werden zu können. Deshalb müssen sich alle, zum Beispiel auch Politiker, bewusst darüber werden, welches Bild sie von jüdischen Menschen präsentieren. Denn meistens tauchen Jüdinnen und Juden nur als Opfer auf, das fängt auch schon in den Schulbüchern an. Außerdem muss Antisemitismus deutlich verurteilt werden, wenn es zu Übergriffen kommt. Es muss dann auch eine angemessene Strafe folgen. Ich habe schon so oft mitbekommen, dass Verfahren gegen antisemitische Taten eingestellt wurden, weil kein öffentliches Interesse bestanden habe. Ich denke, es muss ganz stark Aufklärung und Sensibilisierungsarbeit in den Strafverfolgungsbehörden betrieben werden, damit Menschen, die Antisemitismus anzeigen, auch ernstgenommen werden.”

„Die Phrase ,nie wieder‘ verkommt zu einer Worthülse“

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Foto: Robert Poticha

Laura Cazés, 30, arbeitet bei der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland:

„Den Taten in Hamburg oder Halle gehen Worte voraus. Es beginnt bei Worten im Alltag, das erleben Jüdinnen und Juden an jedem Tag. Antisemitismus gibt es in der Uni genauso wie an der Supermarktkasse und online. Es gibt ihn überall. Die sich aneinanderreihenden Fälle, bei denen aus Worten Taten werden, sind also nichts Überraschendes. Trotzdem schlägt uns dann wieder Verwunderung und Bestürzung entgegen: ,Wie kann das sein?‘, fragen dann Leute. Menschen, die in jüdischen Gemeinden aufwachsen, kennen es nicht anders. Sicherheit bedeutet immer auch, dass Polizei vor der Tür steht. Es gehört zu einer Notwendigkeit, damit jüdische Veranstaltungen überhaupt möglich werden. Und das erzeugt ein Außenbild: ,Diese jüdischen Gemeinden, die brauchen das ja extra‘, sagen die Leute dann. ,Die haben einen eigenen Sicherheitsapparat.‘ Das wird argwöhnisch beäugt. Aber es geht nicht anders. Viele kleinere Gemeinden haben keinen Polizeischutz.

Staatliche Institutionen werden kritisiert, dass sie nicht ausreichend gegen Rechtsextreme vorgehen. Gleichzeitig gibt es eine Abhängigkeit von diesen Institutionen. Häufig haben Gemeinden eigenes Sicherheitspersonal, das sie aus ihrem eigenen Etat bezahlen müssen. In Halle war der Sicherheitsmann ein Ehrenamtlicher, der vor der Kamera saß und gesehen hat, wie ein Mann mit einer Waffe vor der Tür der Synagoge stand. Von der Polizei war niemand vor Ort. Aus dieser Situation entwickelt sich eine große Sorge.

Wir jungen Jüdinnen und Juden sind Teil der deutschen Gesellschaft und nicht nur Mitbürger*innen, trotz allem. Aber wir merken auch: Die Phrase ,nie wieder‘ verkommt zu einer Worthülse. Ich wünsche mir, dass diese Vorfälle nicht in einem Sumpf versinken. Ich hoffe, die Gesellschaft zieht etwas aus dieser Tat. Dass es um mehr geht als um die Frage, ob es ein wahnhafter Rechtsextremer war. Es gibt keine Einzeltäter ohne strukturelle Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft. Es geht nie nur um die Einzeltat.“

„Die jüdische Perspektive wird meist gar nicht thematisiert, obwohl jüdische Menschen Europa mitgeprägt haben“

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Foto: privat

Bini Guttmann, 24, Präsident der Europäischen Union Jüdischer Studenten:

„Ich habe von dem Angriff gehört, als ich gerade auf dem Weg nach Deutschland war, um dem Attentat in Halle vor einem Jahr zu gedenken – das war und ist ganz klar ein beklemmendes Gefühl. Die Gefahr von Antisemitismus und extremen Rechten wurde über Jahre einfach ignoriert. Kurzfristig fordere ich mehr Sicherheitsmaßnahmen vor jüdischen Einrichtungen, es muss dafür gesorgt werden, dass Juden und Jüdinnen ihr Leben normal führen können ohne die Gefahr, dabei ermordet oder verletzt zu werden. In Deutschland und auch in ganz Europa muss konsequenter gegen rechtsextreme Netzwerke in Polizei, Bundeswehr und Politik vorgegangen und nicht nur darüber geredet werden. Mir bereitet es Sorgen, dass rechte Parteien immer mehr als Teil des politischen Systems gelten. In Österreich hat beispielsweise die für mich rechtsextreme FPÖ zwei Jahre in der Koalition mit der konservativen ÖVP mitregiert. In Deutschland gab es lange keine rechtsextreme Partei im Parlament, dann kam die AfD und wurde schnell ein akzeptierter Teil der Parteienlandschaft. Auch wenn sie als mitregierende Partei noch nicht akzeptiert wird, rutscht diese Partei immer mehr in den Mainstream und prägt den politischen Diskurs.

Langfristig muss sich noch viel mehr ändern, denn wenn wir über das Judentum reden, dann meistens nur in drei Kontexten: Shoa, Antisemitismus oder Nahostkonflikt. Ansonsten kommt die jüdische Gemeinde nicht zu Wort. Auch wenn das natürlich wichtige Themen sind, ist das nicht alles, was uns als jüdische Gemeinde und unser Leben ausmacht. Das führt dazu, dass das Judentum in anderen Themenbereichen wie beispielsweise Kultur, Kunst oder Wissenschaft überhaupt nicht wahrgenommen wird. Die jüdische Perspektive wird meist gar nicht thematisiert, obwohl jüdische Menschen Europa mitgeprägt haben. Judentum sollte nicht nur im Geschichtsunterricht, sondern auch in allen anderen Bereichen thematisiert werden. Der Impuls, das Judentum sichtbar zu machen, kommt meist von jüdischen Organisationen. Beispielsweise werden Kunstaustellungen von jüdischen Menschen meist nur von jüdischen Organisationen initiiert. Um Juden und Jüdinnen wieder sichtbar zu machen, sollten aber auch Staat und nicht-jüdische Organisationen aktiv werden. So kann das Judentum wieder in die Mitte der Gesellschaft geholt werden, damit wieder sicheres jüdisches Leben in Europa möglich ist.“

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