„Der Gedanke, dass es jeden von uns hätte treffen können, war schnell da“

In Hamburg wurde ein Jude angegriffen. Die Jüdin Jenny Havemann spricht darüber, was das mit der Gemeinde macht und was Politiker*innen jetzt lassen sollten.
Interview von Lara Thiede
interview jenny havemann

Jenny Havemann, 34, verbrachte in ihrer Jugend viel Zeit in der Synagoge, vor der am Sonntag ein Jude attackiert worden ist.

Foto: Michal Sela

Jenny Havemann hat ihre Jugend zu großen Teilen in der Synagoge „Hohe Weide“ verbracht, vor der am Sonntag ein 26-jähriger Jude angegriffen und schwer verletzt wurde. Jenny ist 34 Jahre alt und lebt heute in Israel, bis 2010 wohnte sie mit ihren Eltern in Hamburg. Während dieser Zeit besuchte sie die Synagoge „Hohe Weide“ regelmäßig, dort lernte sie auch ihren Mann Eliyah Havemann kennen. Auch heute noch kommen sie oft dort hin.

Jenny hat in Israel unter anderem ein Unternehmen gegründet, das die Zusammenarbeit deutscher Unternehmen und israelischer Start-ups fördert, und klärt mit Vorträgen über Themen wie israelische Politik, Antisemitismus und Hatespeech auf. Im Telefon-Interview erklärt sie, was der Angriff auf einen Juden vor der Synagoge „Hohe Weide“ mit ihr macht, warum ihre Kinder in Deutschland keine Kippa tragen und was sie von der deutschen Politik fordert.

jetzt: Jenny, wie würdest du dein Verhältnis zu der Synagoge beschreiben, vor der gestern ein junger Mann attackiert worden ist?

Jenny Havemann: Es ist ein sehr, sehr enges Verhältnis. Ich bin dort quasi aufgewachsen, habe da meine Bat Mitzwa gehabt. Ich war sehr aktiv im Jugendzentrum, habe es schließlich sogar geleitet und anlässlich jüdischer Feiertage Events organisiert. Mein Mann und ich haben beide viel Zeit dort verbracht und sind auch mit dem Rabbiner eng befreundet. Wann immer wir unsere Eltern in Hamburg besuchen, kehren wir deshalb auch in diese Synagoge zurück.

„Die Leute aus der Gemeinde, die uns am Herzen liegen, sind verängstigt“

 

Was macht das mit dir, dass es nicht nur ein Angriff auf einen Juden war, sondern auch noch an einem Ort, der dir so nah ist?

Es war extrem emotional für mich. Es tut immer auch mir weh, wenn Juden angegriffen werden. Dass mir nun aber auch der Ort so bekannt ist, brachte es nochmal näher an mich, an uns heran. Mein Mann hat sofort geweint, als wir die Nachricht bekommen haben. Ich hab erstmal eine Schwere im Herzen gespürt, später kamen auch mir die Tränen. Es war deshalb so schlimm, weil wir jede Ecke dieser Synagoge kennen. Der Gedanke, dass es jeden von uns hätte treffen können, war ganz schnell da. Mein Mann und ich hatten beispielsweise auch überlegt, den Lockdown in Hamburg zu verbringen – das hätten wir sein können! Oder ein Kind. Die Leute aus der Gemeinde, die uns am Herzen liegen, sind verängstigt. Das ist alles schwer zu verkraften.     

Der Täter hatte einen Zettel mit einem Hakenkreuz dabei, war militärisch gekleidet, die Tat fand an einem jüdischen Feiertag vor einer Synagoge gegen ein Juden gerichtet statt. Die Polizei und viele Medien scheuen sich aber noch, die Tat als gesichert antisemitisch zu bezeichnen. Was sagst du dazu?

Dadurch, dass ich mit vielen Journalisten zu tun habe, verstehe ich deren Vorsicht. Und ich verstehe auch die Polizei. Man muss immer abwarten, was Ermittlungen ergeben. Auch, wenn das Motiv in diesem Fall natürlich besonders offensichtlich scheint. Wenn der Angreifer ein Hakenkreuz in der Hosentasche hat … Aber ich wäre hier vorsichtig mit Kritik gegenüber der Polizei und den Medien. Sie müssen ja versuchen, objektiv zu bleiben.

Der Angriff geschah gerade jetzt, wo sich der Anschlag auf die Synagoge in Halle bald zum ersten Mal jährt.

Genau, und das zeugt davon, dass es das Problem Antisemitismus nicht erst seit heute gibt. Trotzdem wird es nicht ernst genommen, man geht nicht konsequent dagegen vor. Ich glaube, dass sich Extremisten dadurch erst trauen, so etwas zu tun. Nach Halle waren zwar viele schockiert. Aber auch wenn jedes Mal Politiker darüber reden, wie schrecklich alles wäre und dass man endlich was tun müsse – es wird nie genug getan!

Fühlst du dich heute als Jüdin sicher, wenn du in Deutschland bist?

Nein, nicht ganz. Mein Mann und meine Söhne tragen in Israel täglich Kippa, in Deutschland trägt mein Mann aber ein Käppi drüber. Den Kindern ziehen wir gar nichts auf.

Was fürchtet ihr denn, was passieren könnte?

Ich würde lieber erzählen, was schon passiert ist. Mein Mann saß einmal, kurz bevor wir nach Israel ausgewandert sind, in seinem Auto und trug eine Kippa. Als er an einer Ampel hielt, sah er, dass ihm aus einem anderen Auto jemand etwas zurief. Er kurbelte die Fensterscheibe runter und die Leute im anderen Auto grölten zu ihm herüber: „Wir sehen den gelben Stern nicht an deiner Jacke.“ Das war für ihn ein heftiges Erlebnis.

„Ich sehe, dass die meisten Deutschen diese Taten genauso abscheulich finden“

Hat sich denn wirklich gar nichts gebessert seit dem Anschlag in Halle?

(Jenny denkt einige Sekunden nach) Hmm, mein Empfinden ist zumindest, dass auf Social Media immer mehr Menschen über Antisemitismus schreiben, auch solche, die eine gewisse Bekanntheit haben. Vor Halle hatte ich das Gefühl, dass wir uns in unserer Bubble darüber den Mund fusslig reden, aber ich hatte nie das Gefühl, dass die Gefahr des Antisemitismus auch bei anderen ankommt. Mittlerweile folgen mir und meinem Mann aber viele Menschen, zum Beispiel auch Politiker, und die retweeten dann auch öfter, wenn wir etwas sagen. Dafür bin ich dankbar. Und es zeigt mir auch, dass die meisten Deutschen diese Taten genauso abscheulich finden. Aber es braucht eben noch mehr Stimmen – vor allem müssen die Betroffenen gehört werden.

Was könnte außerdem helfen?

Es reicht einfach nicht, nach einem Anschlag wie in Halle, mehr in Polizeischutz zu investieren. Sondern man muss den Leuten auch besser erklären, was Antisemitismus ist und wie er aussieht.

Wie sieht er denn aus?

Antisemitismus hat verschiedene Gesichter. Heute ist der christliche Antisemitismus nicht mehr so stark ausgeprägt wie früher. Dafür gibt es rechtsextremen Antisemitismus, der immer stärker und sichtbarer wird, vor allem durch die sozialen Medien. Es gibt aber auch linksextremen Antisemitismus und es gibt islamistischen Antisemitismus. Das alles sind unterschiedliche Arten, die man den Leuten auch genauer erklären sollte. Das müsste man in der Schule beispielsweise alles viel ausführlicher und genauer besprechen.

Wie bringst du deinen Kindern näher, was Antisemitismus ist? Die sind noch sehr jung, aber zumindest der Älteste schon ein Schulkind.

Sie wachsen damit auf. Mein Mann ist da knallhart, der sagt auch manchmal einfach: „Es gibt Leute, die mögen keine Juden.“ Zwangsläufig lernen die Kinder, was Antisemitismus und Holocaust bedeuten. Das Land, in dem sie geboren sind, ist ja entstanden, um Juden zu schützen. Hier gibt es einen Holocaust-Gedenktag, da heulen Sirenen im ganzen Land. In Israel kommen sie nicht um das Thema herum, die Kinder müssen wissen, warum sie hier leben.

Du bist in Deutschland zur Schule gegangen. Wie hast du das damals erlebt?

Ich habe in deutschen Schulen zwar auch den Holocoaust durchgenommen – aber genauso modernen Antisemitismus erlebt. Mitschüler machten sich über mich lustig, weil ich Ausländerin und Jüdin war, ich wurde fertig gemacht. Am meisten betrifft mich aber heute noch, was mein Geschichtslehrer einmal gemacht hatte: Ich sollte in der Oberstufe ein Referat halten, wie alle anderen zu einem Teilthema des Holocaust, in meinem Fall: Konzentrationslager. Ich hätte das Thema natürlich trocken vortragen können, mit Zahlen dazu, wie viele Leute dort gestorben sind. Stattdessen wollte ich es etwas emotionaler und interessanter machen. Ich las deshalb beispielsweise das Gedicht eines jüdischen Mädchens vor und habe außerdem die Geschichten jüdischer Kinder, die aus Hamburg kamen, erzählt. Einige Schüler haben danach geweint. Ich hielt das für ein gutes Zeichen: Ich hatte sie emotional erreicht. Doch mein Lehrer sah das offenbar anders. Er fragte, ob ich das Referat auch so gehalten hätte, wenn ich es in Australien gehalten hätte. Da schwang der Vorwurf mit, dass ich den Kindern in der Klasse Schuldgefühle habe einreden wollen.

„Politiker behaupten, dass die Attacke ‚ein Angriff auf uns alle‘ sei – Das stimmt nicht“

Und, hättest du es in Australien auch so gehalten?

Natürlich. Das habe ich ihm auch so gesagt. Der Holocaust hat viele Mitglieder meiner Familie umgebracht. Natürlich ist es ein emotionales Thema. Natürlich hätte ich es genauso auch in jedem anderen Land der Welt vorgetragen.    

Welche Forderungen hast du heute, nach dem Angriff am Sonntag, an die Politik?

Politiker behaupten, dass es „ein Angriff auf uns alle“ sei. Ein CDU-Politiker schrieb außerdem, es sei „ein Angriff auf die Religionsfreiheit“. Sie meinen das vermutlich gut, wollen zeigen, dass sie mit uns solidarisch sind und Angriffe wie diesen nicht akzeptieren wollen. Aber nein. Das ist ein Angriff auf Juden, sonst auf niemanden. Es nervt, wenn das verallgemeinert wird, damit sollten sie aufhören. Außerdem muss Rechtsextremismus innerhalb der Sicherheitsbehörden, wie beispielsweise der Polizei, bekämpft werden. Wenn ich Aussagen höre, dass das alles Einzeltäter seien – hören die sich selbst noch zu? Man darf Rassismus und Antisemitismus in diesen Behörden nicht runterspielen.  

Gibt es auch etwas, das jeder und jede Einzelne tun kann?

Es kann nicht jeder einen Verein gründen, um Juden zu schützen, oder zumindest kann ich das nicht verlangen. Aber es würde schon helfen, wenn die Leute nicht wegschauen.

interview jenny havemann
  • teilen
  • schließen