Italienerinnen rufen zum BH-Verzicht auf

Aus Solidarität zur Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete.

Carola Rackete am 22. Juli auf dem Rückweg aus einem sizilianischen Gericht

Foto: AP / Pasquale Claudio Montana Lampo

Man sollte meinen, im Jahr 2019 gäbe es wichtigeres als die Frage, ob eine Frau nun einen BH trägt oder nicht. Wie wir mit Menschen umgehen wollen, die ihr Leben auf dem Mittelmeer riskieren, um Schutz in Europa zu suchen, wäre, mal ganz beispielhaft, eines dieser Themen. 

Die italienische Zeitung Libero sieht das offenbar anders. Bei einer Aussage der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete vergangene Woche vor einem italienischen Gericht interessierte sie vor allem, dass die Frau offenbar keinen BH trug. Das sei eine „Unverschämtheit ohne Grenzen“ , ein „bisschen mehr Anstand an einem öffentlichen Ort“ hätte nicht geschadet, schreibt die Zeitung. Zur Erinnerung: Carola Rackete hatte Ende Juni für Schlagzeilen gesorgt, als sie trotz eines Verbotes des italienischen Innenministeriums 59 Geflüchtete mit der Sea-Watch 3 nach Lampedusa brachte.

Nun muss man zur Einordnung jenes Mediums erwähnen, dass Libero als populitisch, rechtskonservativ und Innenminister-Salvini-freundlich gilt – ein weiterer Artikel auf der Seite beschäftigt sich mit der Verschwörungstheorie, ob es sich bei Carola Rackete in Wirklichkeit um den vermissten Ex-DSDS Teilnehmer Daniel Küblböck handeln könne.  

Trotzdem sorgte der Rackete-Artikel für Empörung. Insbesondere bei den beiden jungen Italienerinnen Nicoletta Nobile und Giulia Trivero aus Turin. Kurzerhand gründeten sie die Facebook-Gruppe #freenipplesday, in der sie für den heutigen Samstag weltweit dazu aufrufen, ohne BH oder auch komplett ohne Unterwäsche auf die Straße zu gehen – aus Solidarität zu Carola Rackete. Gleichzeitig wird das Netz durch die Gruppe mit Bildern geflutet, in den Frauen ohne BH unter ihrer Kleidung posieren. Das ist unter dem Aspekt als Protest zu verstehen, dass soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instagram seit Jahren Bilder zensieren, auf denen weibliche Nippel zu sehen sind. Männliche Nippel hingegen dürfen bleiben. Bereits seit 2012 wird gegen diese Ungleichbehandlung der Hashtag #freethenipple verwendet. 

Gegenüber der Zeitung La Repubblica (die wiederum als gemäßigt links  gilt) sagten die beiden Initiatorinnen über ihre Aktion: „Wir leben in einer Zeit, in der mit Details der wahre Inhalt politischer Debatten verschleiert werden soll.“ Der Kommentar von Libero habe außerdem Frauen gedemütigt und den weiblichen Körper dämonisiert. 

Dabei ist es den Veranstalterinnen wichtig, dass ihr Protest im Alltag etwas bewirken kann, ohne Gewalt einzusetzen: „Jede Frau kann täglich entscheiden, ihren BH einfach wegzulassen. Das ist kein Skandal und auch keine Bösartigkeit.“ Übrigens hätten auch Männer den Veranstalterinnen angeboten, sich am Protest zu beteiligen – zum Beispiel, indem sie an diesem Tag extra BHs anzögen. Wer das wolle, dürfe natürlich auch auf diese Art mitmachen. 

chha

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