„Faschisten halten mich nicht davon ab, hierzubleiben”

Sophie leistet Ersthilfe für Geflüchtete, die an der Küste von Lesbos ankommen.
Interview von Ann Esswein
fluechtlinge tuerkische grenze cover

Foto: Ahmed Deeb / dpa

Die Lage auf den griechischen Inseln, die an der europäischen Außengrenze zur Türkei liegen, dramatisiert sich. Denn dort kommen in den vergangenen Tagen immer mehr Geflüchtete an, viele Tausende dagegen harren schon lange auf den Inseln aus – und die Inselbewohner*innen wollen das nicht mehr hinnehmen. NGOs haben daher ihre Mitarbeiter*innen und Freiwillige abgezogen, aus Angst vor Gewalt vonseiten der Inselbewohner*innen sowie angereisten rechten Gruppierungen.

Eine, die trotzdem geblieben ist, ist Sophie, Gesundheits-und Krankenpflegerin. Sie leistet Ersthilfe für Geflüchtete, die an der Küste der griechischen Insel Lesbos ankommen. In der Sprache der humanitären Helfer*innen sagt man: basic life support, medizinische Hilfe für alles, was lebensbedrohlich sein kann. Ihren Arbeitgeber und Nachnamen will Sophie nicht nennen, aus Schutz vor Attacken.

jetzt: Wie darf man sich deine vergangene Woche auf Lesbos vorstellen?

Sophie: Ich befinde mich vor allem in einer sehr unübersichtlichen und angespannten Lage, weil viele Ereignisse zusammen gekommen sind und sich überschlagen. Wir erleben Gewalt gegen Geflüchtete aber auch gegen NGOs, Drohungen gegen uns als Menschen und unsere Arbeit. Was eine ganz neue Dynamik angenommen hat, ist die Wut und Enttäuschung der Inselbewohner*innen. Sie sind nicht mehr bereit, die Situation länger auszuhalten. Wir haben gesagt bekommen, dass wir in unseren Häusern bleiben sollen.

Was bedeutet das für deine Arbeit?

Wegen der Drohungen können wir erstens nicht mehr zu den Orten, zu denen wir müssten. Von Seiten der Polizei gibt es krasse Repressionen. Wir werden immer wieder angehalten, um unsere Papiere zu zeigen, auch wenn wir nur in einem Café sitzen. Die lebensrettende Notfallversorgung für die Menschen, die ankommen, ist absolut eingeschränkt.

„Die Leute sind absolut nicht sicher, vor allem Frauen und Kinder“

Knapp 20 000 Menschen befinden sich auf der Insel. Alleine in der letzten Woche kamen 614 hinzu.

Sie bleiben gerade nächtelang am Strand, ohne Zelt und ohne Schutz. Vor allem wissen sie nicht, wie es weitergeht. Die Leute sind absolut nicht sicher, vor allem Frauen und Kinder. Für die rechten Gruppierungen, die sich mobilisiert haben, sind sie ein direktes Ziel, auch in Gruppen.

Menschen, die eigentlich gerade aus Kriegsgebieten fliehen.

Das Trauma geht hier weiter. Es gibt weder genügend psychologische und psychiatrische Hilfe noch medizinische Versorgung. Die Leute sind geflohen, weil sie in Sicherheit sein wollten. Aber dadurch, dass sie es hier nicht sind, geschweige denn ihre Rechte wahrnehmen werden können, führt das zu einer Retraumatisierung.

2015 noch galt Lesbos als die Insel mit einer starken Willkommenskultur. Die Bewohner*innen wissen zum Teil selbst, wie es ist, zu fliehen. Was hat die Lage derart zum Kippen gebracht?

Was wir nicht vergessen dürfen ist, dass diese Situation schon fast ein Jahrzehnt andauert und dass den Menschen immer wieder versprochen wurde, dass sie Hilfe bekommen. Das ist nie eingetreten. Jetzt, mit der neuen griechischen Regierung, hatten viele Griechen und Griechinnen Hoffnung. Zum Kippen gebracht hat tatsächlich, glaube ich, die Idee mit den geschlossenen Camps. Sowohl links als auch rechts gesinnte Menschen haben dagegen protestiert. Das war eine absurde Situation aber auch bezeichnend. Egal, wie sich Bewohner*innen hier ansonsten politisch positionieren, sie sind einer Meinung: Dass die Menschen hier wegmüssen. Die Situation ist nicht länger tragbar.

Warum richtet sich ihr Frust auf NGO-Mitarbeiter*innen wie euch?

Die Bewohner*innen der Insel denken, solange wir hier sind und solange es NGOs gibt, die den Menschen helfen, werden die Leute kommen. Was natürlich absolut nicht stimmt, aber es ist in den Köpfen der Leute. Sie denken sich: Es müssen alle weg. Auch wir.

„Die Geflüchteten können aber auch nicht gehen, wenn sie Leute bedrohen“

Viele deiner Kolleg*innen wurden evakuiert oder sind gegangen. An dem Standort, an dem ihr seid, bist du mit deiner Kollegin die Letzten, die geblieben sind. Ich sehe nicht ein, dass mich irgendwelche Faschisten, davon abhalten. Ich bleibe, weil es hier unglaublich viele Bewohner*innen gibt, die sich solidarisch zeigen. Sie arbeiten Tag und Nacht daran, den ankommenden Menschen, aber auch denen im Camp, das zu bieten, was sie verdient haben: Eine Ankunft zumindest mit Würde, Sicherheit, einer warmen Jacke. Wir NGOs unterstützen sie dabei. Dafür sind wir hier. Ich glaube es ist jetzt gerade wichtig, dass wir den Bewohner*innen hier zeigen, dass wir nicht gehen, nur weil es mal wieder brenzlig wird.

Wann wäre es für dich zu brenzlig, um zu bleiben?

Das ist eine Frage, die wir uns jeden Tag stellen. Das Problem ist: Weil wir mitten drin strecken, haben sich für uns die Dinge schon normalisiert. Deshalb versuchen wir von draußen Leuten auf unsere Lage schauen zu lassen, die uns dann sagen können, ob unsere Sicherheit noch gewährleistet wird. Natürlich ist physische Gewalt etwas, vor dem ich unglaublich Respekt habe. Die Geflüchteten können aber auch nicht gehen, wenn sie Leute bedrohen.

Schon länger hatte der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan gedroht, die Grenzen zu öffnen. Wart ihr vor Ort vorbereitet? 

Für die Grenzöffnung so nicht. Wir hatten viele Vorwarnungen, dass die Stimmung kippen könnte, ja. Es hatte sich was zusammengebraut. Die Grenzöffnung passierte an einem anstrengenden Tag, an dem Einheimische ein Transit Camp abgebrannt haben. Abends lagen wir fix und fertig in unserem Bett und haben diese Nachricht gelesen. Damit haben wir und in dem Ausmaß auf keinen Fall gerechnet.

Wenn du einen politischen Appell nach Berlin schicken könntest, welcher wäre es?

Dass die Politiker*innen sehen müssen, wie viel Solidarität es gibt und dass es gerade in Deutschland viele Gemeinden gibt, die bereit sind, Geflüchtete aufzunehmen. Es kann nicht sein, dass es an Berlin scheitert. Die Lösung für diese humanitäre Krise wird weder aus Lesbos noch Griechenland kommen, das muss in Brüssel und Berlin geschehen. Und zwar nicht irgendwann in naher Zukunft, sondern genau jetzt.

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