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Fotos: Oliver Berg / dpa / Privat / Collage: jetzt.de

Spätestens seit Anfang September wird fast täglich über den Hambacher Forst berichtet. Das 200 Hektar große Waldgebiet ist seit sechs Jahren von Umweltschützern und ihren mehr als 60 Baumhäusern besetzt worden. Nach einer großangelegten Polizeiaktion sind die Baumhäuser nun vollständig zerstört, sodass der Energiekonzern RWE mit der Rodung des letzten Stück Mischwaldes in Deutschland beginnen könnte, um den angrenzenden Kohlebau auszuweiten. Umweltschützer wollen das verhindern und laden seit rund einem Monat zu sogenannten „Waldspaziergängen“ in dem Gebiet ein und jedes Wochenende folgen mehr Menschen dem Aufruf. Heute werden mehr als 20.000 Menschen aus ganz Deutschland im Hambacher Forst erwartet.

Nachdem die Polizei die angemeldete Großdemonstration gestern aus Sicherheitsgründen erst abgesagt hatte, kann die Veranstaltung durch eine Eilverfahren am Verwaltungsgericht heute doch noch stattfinden. Gleichzeitig stoppte das Oberverwaltungsgericht in Münster die Rodung des Waldes vorerst. Ein Grund zum Feiern für die Demonstranten.

Maria, 19, aus Würzburg, hatte ihr Busticket ohnehin schon organisiert. Ihr ist es wichtig, vor Ort ein Zeichen für den Klimaschutz und den Kohleausstieg zu setzen. Ihre Gründe kann Benjamin, 38, nachvollziehen. Er wuchs direkt neben der Abbruchkante des Kohlebaus auf und musste zusehen, wie nach und nach die Dörfer aus der Region dem Energiekonzern RWE wichen. Trotzdem lassen die Erinnerungen an die monströsen Bagger und die ausgestorbenen Dörfer eine seltsame Nostalgie in ihm aufkommen. Er wird heute nicht demonstrieren fahren.

„Für die Leute, die von Räumungen betroffen waren, kommt die Unterstützung zu spät“

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Fotos: Oliver Berg / dpa / Privat / Collage: jetzt.de

Benjamin, 38, wohnt in München und arbeitet dort als Werbetexter. Seine Eltern leben direkt am Hambacher Tagebau, wo er neben einer surrealen Mondlandschaft aufgewachsen ist.

„Früher habe ich immer ,aus der Nähe von Köln’ gesagt, wenn Leute mich fragten, wo ich herkomme. Heute kennt den Hambacher Tagebau jeder. Ich bin direkt an der Kante zum ‚größten Loch Europas‘ aufgewachsen. Wenn ich darüber erzähle merke ich, wie mich eine komische Begeisterung packt. Als würde ich von einem Planeten erzählen, den niemand sonst kennt.

Für mich war diese riesige Kraterlandschaft während meiner Kindheit und Jugend normal. Die Kohlegrube war eine Attraktion. Die ausgestorbenen Dörfer hatten einen gewissen Gruselfaktor für mich und es gab legendäre Abrisspartys, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lebten in friedlicher Koexistenz mit der Mondlandschaft.

Erst jetzt, wo mich immer mal wieder Leute auf meinen Heimatort ansprechen, merke ich, dass das eben nicht normal ist, dass da Autobahnen und Flüsse umgeleitet und ganze Dörfer für den Kohleabbau plattgemacht werden. Das hat jahrzehntelang aber niemanden interessiert.

Die militanteren Besetzer und die Anwohner, das waren schon immer zwei Welten

Deshalb stehe ich den ganzen Nachrichten zum Hambacher Forst irgendwie zwiegespalten gegenüber. Mich wundert der Fokus auf dieses Waldstück, während schon vor Jahren Gemeinden, die sehr stark um den Erhalt ihrer Dörfer gekämpft haben, kein Gehör fanden. Die hatten eben keine knackigen Fotos oder starke Twitter-Accounts.

Die militanteren Besetzer und die Anwohner, das waren schon immer zwei Welten. Wenn ich im Wald spazieren ging, beäugte man sich kritisch, aber selten kam es zum Austausch. Das war kein offenes Hippiecamp, wie es jetzt in den Medien rüberkommt. Das ist auch völlig okay, aber viele Anwohner fragen sich: Was zum Teufel ist mit diesem Wald und warum hat sich nicht mal früher wer für uns interessiert?  

Klar, der Wald hat symbolischen Charakter. Die Verknüpfung, dass mit dem Widerstand gegen Kohlekraft auch was für die Anwohner getan wird, machen viele aber nicht. Für die Leute, die von Räumungen betroffen waren, kommt die Unterstützung zu spät. Ich glaube, wenn du diesen Abbauprozess so viele Jahre miterlebt hast, hältst du ihn für unaufhaltsam und dann ist auch der Widerstand weniger militant.

Ich will mich echt nicht für Kohle aussprechen und wenn dieser symbolische Widerstand auch nur das Geringste für den Umweltschutz bewirkt, dann finde ich das großartig. Mir ist nur die Auseinandersetzung mit der Problematik in sozialen Netzwerken und Medien einfach zu schwarz-weiß. Da gibt es nur super gut oder super böse. Für meine nostalgischen Gefühle ist da selten Platz und auch nicht für kritische Nachfragen: Wo geht es zum Beispiel weiter, wenn nicht da am Wald? Ich bin skeptisch, ob dann nicht einfach woanders weitergebaggert wird und wieder neue Menschen weichen müssen.“

„Für mich sieht die Kohlegrube aus wie Mordor – das ist ein Sinnbild für die Absurdität dieser Industrie“

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Fotos: Oliver Berg / dpa / Privat / Collage: jetzt.de

Maria, 19, ist Schülerin aus der Nähe von Würzburg und fährt heute zusammen mit ihrer Mutter in den Hambacher Forst, um zu demonstrieren.

„Ich bin auf dem Land bei Würzburg aufgewachsen und wir hatten einen großen Garten. Damals war ich zwangsweise viel in der Natur, aber ich glaube, das hat mein Umweltbewusstsein geprägt. In der Schule musste ich dann mal eine Seminararbeit über den Zusammenhang von Menschenwürde und Umweltschutz schreiben und da ist mir einmal mehr bewusst geworden, was für eine enorme Verantwortung wir gegenüber der Umwelt tragen. Ich war damals regelrecht geschockt, dass wir so offensiv unsere Lebensgrundlage zerstören.

Ich habe die Kohlegrube am Hambacher Forst noch nicht live gesehen, aber auf Bildern sieht das für mich aus wie Mordor. Tote Erde. Da wächst nichts mehr. Für mich ist das ein Sinnbild für die Absurdität dieser Industrie. Gleichzeitig habe ich das Bedürfnis, etwas gegen diese sinnlose Zerstörung zu tun.

In meinem Freundeskreis verstehen das nicht alle und besonders in der Schule ist es schwer, Leute in meinem Alter für den Protest zu begeistern. Die meisten wohnen noch bei ihren Eltern und mussten sich noch nie damit auseinandersetzen, woher ihr Strom kommt. Das war bei mir genauso, bis ich ausgezogen bin. Oft stoße ich aber mit meinen Argumenten eher auf Unverständnis. Gerade was das Job-Argument angeht. Es gibt keine Möglichkeit, Kohle zu stoppen und alle Jobs zu erhalten. Aber wir können nicht den Planeten für einen veralteten Arbeitsmarkt opfern. Deutschland hängt nicht von diesen Arbeitsplätzen ab und die Leute müssten entsprechend umgebildet werden, denn auch der Rückbau der Anlagen wird Jobs eröffnen.

Gleichgesinnte fand ich bei der Grünen Jugend, wo ich noch viel mehr über Umweltthemen gelernt hab. Heute bin ich mit meiner Mutter auf der Demo. Die hat schon in den 1980er Jahren in Wackersdorf protestiert.

Dagegen bin ich eher eine Schisserin. Ich habe keine Lust auf harte Konfrontationen mit der Polizei und mir ist es auch sehr wichtig, dass der Protest friedlich verläuft. Ich habe vor allem Lust, die Stimmung dieses Massenprotests mitzubekommen, weil mich solche Erlebnisse auch in meinem Alltag bestärken, mit meinem Engagement weiterzumachen.“

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